mz_logo

TV-Tipps
Montag, 23. Oktober 2017 4

"Ich will nicht König sein, ich will bloß Lieder schreiben"

Dave Grohl - veröffentlicht mit den Foo Fighters das neue Album "Concrete And Gold"
von Nadine Wenzlick

  • "Ich bin nun mal mit den Jungs aufgewachsen, sie sind auch jenseits der Musik und dem ganzen Drumherum meine besten Freunde": Obwohl Dave Grohl (vierter von links) eine mindestens einjährige Pause angekündigt hatte, hielt er es doch nur ein paar Monate ohne seine Foo Fighters aus. Foto: Sony Music
  • Auch die Foo Fighters werden alt, zumindest im aufsehenerregenden Video zu "Run". Foto: Sony Music
  • "Concrete And Gold", das neue Album der Foo Fighters, ist ab sofort erhältlich. Foto: Sony Music
  • "Ich will nicht König sein, ich will bloß Lieder schreiben": Dave Grohl ist froh, dass er Musiker ist und nicht US-Präsident. Foto: Sebastian Reuter/Getty Images
  • Dave Grohl wünscht sich ein friedlicheres, mitfühlenderes Miteinander: "Wir müssen in der Lage sein, zu koexistieren." Foto: Don Arnold/Getty Images
  • "Warum will diesen Job als Präsident überhaupt jemand machen?": Die Wahl von Donald Trump und das aufgeheizte gesellschaftliche Klima in den USA waren Themen, die Dave Grohl zuletzt besonders beschäftigten. Foto: Ian Gavan/Getty Images

Der 12. Juni 2015 ist ein Tag, den Dave Grohl so schnell nicht vergessen wird. Der Amerikaner spielte mit seiner Band Foo Fighters im schwedischen Göteborg, als er während des zweiten Songs "Monkey Wrench" plötzlich von der Bühne stürzte und sich ein Bein brach. Den Rest der Tour absolvierte der einstige Nirvana-Drummer mit Gips. Danach wollte die amerikanische Rock-Band ein Jahr Auszeit nehmen - doch weil Mr. Grohl nicht gut im Nichtstun ist, schrieb er sechs Monate später bereits an neuen Songs. Das Ergebnis ist "Concrete And Gold", das neunte Album der Band. Im Interview verrät der 48-Jährige, wie es zu dem groß angelegten Sound kam, warum ihm die Welt Sorgen bereitet und weshalb er nicht Präsident sein möchte.

teleschau: Herr Grohl, eine Tour mit Gipsbein, können Sie das empfehlen?

Dave Grohl: Am Anfang habe ich es geliebt! So etwas hatten wir schließlich noch nie gemacht, und mit Gips zu spielen, war eine neue Herausforderung. Das waren die drei Stunden des Tages, auf die ich mich freute. Den Rest der Zeit hatte ich nämlich damit zu kämpfen, dass ich nicht laufen konnte. Ich musste mir täglich Spritzen in den Bauch geben und beim Kofferpacken auf dem Po durchs Zimmer rutschen, um meine Socken zusammenzusuchen. Die Bühne war der einzige Ort, an dem ich mich wohlfühlte. Aber am Ende der Tour, nach 60 Shows, war ich mental, emotional und körperlich erschöpft.

teleschau: Sie kündigten danach an, mindestens ein Jahr gar nichts zu machen. Wie kommt es, dass mit "Concrete And Cold" nun doch so schnell ein neues Foo-Fighters-Album fertig wurde?

Grohl: Ein Jahr mit etwas zu pausieren, das ein so großer Teil deines Lebens ist, ist gar nicht so einfach. Ich bin nun mal mit den Jungs aufgewachsen, sie sind auch jenseits der Musik und dem ganzen Drumherum meine besten Freunde. Nach sechs Monaten habe ich sie einfach vermisst. Davor war ich wirklich null inspiriert, aber als ich erst einmal angefangen hatte, zu schreiben, konnte ich nicht mehr aufhören. Vor allem die Texte entstanden sehr spontan.

teleschau: Das heißt?

Grohl: Ich mietete ein Haus auf dem Land, packte mein Notizbuch ein, einen Stift, eine Kiste Wein und machte eine Woche nichts anderes, als vor dem Mikrofon zu sitzen. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, hatte ich einen Kassettenrekorder. Zum Einschlafen stellte ich ihn immer auf die Fensterbank und hörte Musik. Eines Abends allerdings drückte ich einfach den Aufnahme-Knopf und fing an zu reden. Darüber, was in meinem Leben los war, wie ich mich fühlte. Dann spulte ich zurück, drückte Play und schlief dazu ein, wie ich über meine eigenen Probleme sprach. Das klingt ziemlich narzisstisch und verrückt, aber auf genau diese Art entstanden die Texte dieser Platte. Ich sang einfach drauf los, über Dinge, die mich bewegten.

teleschau: Sind die Songs deshalb so politisch und gesellschaftskritisch?

Grohl: Wir waren nie eine sehr politische Band, doch wenn es uns persönlich bewegte, haben wir immer mal wieder Ausflüge in solche Gefilde unternommen. Ich halte es also nicht für unsere Verpflichtung, aber bei diesem Album konnte ich einfach nicht anders. Als ich mich mit den Texten befasste, fing das Land an, sich politisch richtig aufzuheizen, und das wirkte sich auch auf mich und meine Familie aus. Ich habe drei kleine Töchter, natürlich mache ich mir Gedanken, in was für einer Welt sie aufwachsen müssen.

teleschau: Was besorgt Sie als Vater am meisten?

Grohl: Dass es Dinge gibt, die rationalem, mitfühlendem menschlichem Verhalten im Weg stehen. Geld zum Beispiel, Religion oder Politik. Wenn man all das ausblendet, sind wir schließlich alle gleich. Also weg mit dem ganzen Scheiß! Wir müssen in der Lage sein, zu koexistieren. Nur dann können wir überleben.

teleschau: "I don't wanna be king / I just wanna sing a love song / Pretend there's nothing wrong", heißt es in dem Eröffnungsstück des Albums. Was meinen Sie damit?

Grohl: Ich schrieb den Song nach der ersten Pressekonferenz, die Trump nach seiner Wahl gab. Ich bin unweit von Washington, D.C., aufgewachsen, mein Vater schrieb Reden, er war politisch aktiv und arbeitete als Kampagnenmanager. Als Republikaner war er ziemlich konservativ, und ich stimmte nicht immer mit ihm überein, aber ich hatte Respekt vor ihm und den anderen Leuten. Auch wenn sie unterschiedliche Ansichten hatten, arbeiteten sie zusammen.

teleschau: Den Eindruck hat man heute nicht unbedingt.

Grohl: Eben. Die Rede von Trump war einfach nur verrückt. Darin steckte so viel Machtgehabe und Konfliktpotenzial. Auf mich wirkte sie wie aus einem Actionfilm. Naja, jedenfalls dachte ich in dem Moment: Warum will diesen Job als Präsident überhaupt jemand machen? Die Verantwortung, die das mit sich bringt, ist doch der Wahnsinn. So kam mir die Zeile in den Sinn: Ich will nicht König sein, ich will bloß Lieder schreiben.

teleschau: In "The Sky Is A Neighbourhood" sorgen Sie sich um den Zustand unserer Welt, "Run" handelt von dem Wunsch, einfach wegzulaufen. Am Ende des Albums allerdings scheint die Hoffnung durch, oder?

Grohl: Das ist oft so bei den Foo Fighters: Die Stimmung oder das Thema unserer Alben ist vielleicht melancholisch, aber ich versuche immer ein bisschen Licht da reinzubringen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

teleschau: Aufgenommen haben Sie "Concrete And Gold" mit Greg Kurstin, Co-Autor von Adeles Überhit "Hello". Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Paarung?

Grohl: Greg ist nicht nur Produzent, er hat auch eine Band namens The Bird and the Bee, die ich liebe. Ich begegnete ihm eines Tages zufällig auf Hawaii. Ab da trafen wir uns häufig und redeten über Musik. Als ich den anderen erzählte, dass ich möchte, dass Greg unser Album produziert, hielten sie mich glaube ich zunächst für verrückt. Aber Greg hat einen unglaublichen Sinn für Melodien, Harmonien, Kompositionen und Arrangements. Ich dachte mir: Ich kann mich um die fetten Riffs kümmern. Wenn Greg sie um dieses Bird-and-the-Bee-Ding ergänzt, dann kommt dabei das Album heraus, das ich immer machen wollte.

teleschau: Wenn man die Zeit mit Nirvana mitrechnet, stehen sie seit fast 30 Jahren auf der Bühne. Was bedeutet Ihnen Musik?

Grohl: Musik ist meine Religion. Es gibt andere Dinge im Leben, die ich gerne mache, aber es gibt nicht viele Dinge, die ich wirklich tun muss. Oft schreibe ich auch einfach bloß für mich. Im Laufe der Jahre habe ich so viele Songs geschrieben und aufgenommen, die niemals irgendjemand hören wird. Ich habe halt auch keine anderen Hobbys - Musik ist wirklich das einzige, was ich mache.

teleschau: Sie waren allerdings nie der typische Rockstar, Skandale und Drogenexzesse kennt man von Ihnen nicht. Wie haben Sie das geschafft?

Grohl: Ich hatte ein sehr kleines und enges Umfeld: Ich wuchs mit meiner Mutter und meiner Schwester auf, hatte nur zwei Freunde. Meine Mutter war Lehrerin, wir hatten also nie viel Geld und lebten in einem wirklich kleinen Haus. Wir führten ein einfaches Leben, aber ich wollte auch nie mehr. Ich war glücklich mit dem, was wir hatten. Wenn mich der Erfolg, den wir mit Nirvana hatten, überwältigte, ging ich einfach wieder nach Virginia. So handhabe ich das noch heute. Ich habe echt Glück, dass ich in Stadien spielen darf - aber wenn ich nach Hause komme, mache ich Lunch für meine Kids, bringe sie zur Schule und kümmere mich um den Garten. Das ist eine gute Balance.

teleschau: Sie gelten längst als der "nicest guy in Rock". Machen Sie eigentlich auch mal Fehler?

Grohl: Aber hallo! Musikalisch gab es im Laufe der Jahre einige Dinge, von denen ich wünschte, ich hätte sie anders gemacht. Und persönlich fallen mir Millionen Sachen ein, die ich bereue oder besser hätte machen können. Ich war ein paarmal in der Situation, das letzte Mal mit einem Menschen zu sprechen, ohne es zu wissen. Es gibt vieles, das ich gerne noch gesagt hätte. Dinge, von denen ich wünschte ich hätte sie tun können. Aber so ist das Leben.

teleschau - der mediendienst

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht