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Fehlschuss: Elfjähriger muss vor Gericht

Jonas Christoph aus Haderstadl muss vor Gericht, weil er neben das Tor geschossen hat und die Brille einer Zuschauerin traf.
Von Johannes Schiedermeier

Post vom Anwalt und vom Gericht – für den elfährigen Jonas Christoph aus Haderstadl ist das seit einem Jahr ganz normal. Foto: Schiedermeier

Cham.Bei manchen Geschichten, die das Leben schreibt, reibt man sich ungläubig die Augen. Die Geschichte von Jonas Christoph aus Haderstadl ist so eine. Wahnsinn, sagt sein Vater. Wahnsinn, sagt der Fußballboss des FC Chammünster. Wahnsinn, sagt die Haftpflichtversicherung.

Dabei beginnt die Geschichte eigentlich ganz harmlos. Jonas sitzt am 12. April 2014 auf der Ersatzbank beim E-Jugendspiel seiner Mannschaft. Beim Halbzeitpfiff geht er auf den Platz, schnappt sich den Ball und schießt ein paarmal auf das Tor. Dann passiert es. Der Ball geht daneben und prallt unter die überdachte Ersatzbank. Dort unterhalten sich gerade zwei Spielermütter. Der Fußball trifft eine von ihnen ins Gesicht und die Brille fällt herunter.

Die Frau geht zum Optiker und präsentiert anschließend eine Rechnung über einen Totalschaden von 710 Euro. Die Eltern von Jonas sollen den Schaden begleichen. Deren Haftpflichtversicherung weigert sich. Daraufhin nimmt die Frau sich den Chamer Anwalt Friedrich Huber, um ihre Ansprüche durchzusetzen.

„Sehr geehrter Herr Christoph...“

Seitdem bekommt Jonas immer wieder Post. „Sehr geehrter Herr Jonas Christoph“, heißt es da. Und: „Sie werden beschuldigt ...“ Oder: „Ihnen wird vorgeworfen...“ Der Bub, so Anwalt und Geschädigte, habe völlig jenseits aller sonstigen Gepflogenheiten in der Halbzeit mit dem Ball durch die Gegend geschossen. Und der Mandantin ins Gesicht. Und zwar mit Absicht.

Das Mahnverfahren wird vor dem Zentralen Mahngericht Coburg betrieben. Und das teilt dem „sehr geehrten Herrn Jonas Christoph“ am 22. April 2015 nach langem Schriftverkehr mit, dass mit Zinsen und Gerichtskosten die Brille inzwischen 981,03 Euro teuer geworden ist. Nachdem die Familie Einspruch eingelegt habe, sei dies nun ein Fall für das Amtsgericht Cham. Nun reicht es dem Vater Oliver Christoph und seiner Frau Stefanie. Sie verständigen das Bayerwald-Echo und fragen, ob man das alles noch glauben könne.

„Er ist der Schädiger ...“

Wir haben diese Frage an den zuständigen Rechtsanwalt Friedrich Huber weitergeleitet. Unsere Frage an ihn: Ob er denn weiß, dass er seit einem Jahr juristische Beschuldigungen an einen Zehnjährigen schreibt? Der Anwalt reagiert ungnädig. „Was soll der Zirkus? Wieso fragen Sie? Er ist der Schädiger. Dass er minderjährig ist, ändert nichts an der Tatsache, dass ich ihn verklagen kann. Das tue ich und da bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Der Rest unterliegt der anwaltschaftlichen Schweigepflicht.“ Das gilt zwar nicht für die Frage, wie er sich dabei fühlt, aber die wollte der Anwalt auch nicht beantworten. Seine Mandantin verweist auf das schwebende Verfahren und bietet ein Interview nach dem Urteilsspruch an.

Glosse

Ein paar letzte Tipps

Wäre ich jetzt ein Spielervermittler, könnte ich aufhören zu arbeiten. So ist es bloß ein kostenloser Tipp an den gebeutelten FC Bayern: Holt Euch Jonas...

Jonas spielt seitdem nicht mehr beim FC Chammünster. Als von ihm eine Schilderung des Schadensherganges gefordert wird, schreibt er: „Als ich auf das Tor schoss, ging der Ball an den Pfosten und prallte unglücklich in das Gesicht der Frau (... ). Sollte ich damit einen Fehler gemacht haben, werde ich mit dem Fußballspielen aufhören, da ich nicht garantieren kann, dass ich immer ins Tor treffe ...“ Sein Vater Oliver versteht die Welt nicht mehr: „Das ist Wahnsinn. Das kann doch gar nicht sein, dass ein Zehnjähriger vor Gericht muss, weil er das Tor nicht getroffen hat. So weit daneben war das auch gar nicht.“

Dazu muss man wissen, dass die E-Jugend quer über den Platz spielt. Das Tor steht dann zwischen den Ersatzbänken an der Auslinie. Die sind genau 4,50 Meter weit weg vom Pfosten. Nachgemessen unter freundlicher Assistenz der beiden Platzwarte des FCC.

„Das wäre ja Wahnsinn“

Der FC Chammünster hat den Streit mitbekommen und Stefanie Christoph erinnert sich an drei Anrufe des FFC-Vorsitzenden Dr. Hans-Jürgen Moser. „Er hat uns gebeten, endlich dafür zu sorgen, dass Ruhe einkehrt. Notfalls halt mit einer Kündigungsdrohung an die Versicherung.“ Daran erinnert sich der Vorsitzende nicht, verweist aber auf den Fußball-Abteilungsleiter Michael Jokisch.

Jokisch ist entsetzt: „Wir wussten bis heute nicht, dass das vor Gericht geht. Das wäre ja Wahnsinn, wenn da ein Spielervater für den Schaden aufkommen müsste. Das hätte weitreichende Folgen für jeden Spieler und jeden Verein. Wer an der Auslinie auf dem Fußballplatz sitzt, muss auch mal mit einem Ball rechnen. Da ist ja auch nichts Außergewöhnliches passiert. In der Halbzeit kicken da immer Spieler rum, um sich warmzuhalten. Und Absicht? Aus 15 Metern? Solche Fußballer hätten wir gerne, die aus 15 Metern so treffen.“

Die Familie Christoph ist bei der DEVK versichert. Dort hat sich Maschamay Poßekel mit dem Fall befasst. „Als wir gehört haben, dass der Jonas vor Gericht soll, da haben wir erst daran gedacht, die Hälfte des Schadens aus Kulanzgründen zu begleichen, um ihm das zu ersparen. Aber da ist von Absicht und von Schuld die Rede. Und deswegen haben wir uns anders entschieden. Wir zahlen gar nichts und ziehen vor Gericht, um dem Jonas zu seinem Recht zu verhelfen. Er soll mit einem guten Gewissen aus der Sache rausgehen. Wir sind sicher, dass er gewinnt und werden den Rechtsanwalt stellen. Da gibt es keinerlei Pflichtverletzung. Auch nicht beim Verein. Da irgendeine Absicht zu unterstellen, halten wir für Wahnsinn.“

Nun geht es vor Gericht

Deshalb wird Jonas vor Gericht müssen. Für einen Schuss neben das Tor. Die Gegenseite hat den behaupteten Pfosten-Abpraller als absichtlichen Direktschuss deklariert und erklärt, dass es dafür notfalls Zeugen gebe. Die Versicherung sagt dazu: „Wer sich an der Auslinie eines Fußballplatzes aufhält, noch dazu auf einer Auswechselbank für Spieler direkt neben dem Tor, der muss auch mit einem Fußball rechnen. Das ist das normale Lebensrisiko.“ Das letzte Wort hat nun der Richter. Ob man es nun glaubt, oder nicht.

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