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Magazinserie Nr. 7
Freitag, 19. Januar 2018 4

Nr. Sieben

Slumbewohner nutzen Facebook zum Protest

Junge Favelabewohner verändern den Alltag im größten Armenviertel der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro – mit Facebook.
Von Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

  • Während der analoge Kabelsalat in der Favela Rocinha wuchert, vernetzen sich vor allem jugendliche Bewohner via Soziale Medien. Foto: Julia Jaroschewski
  • Manche Gebiete der Favela sind nur schwer zugänglich. Foto: Julia Jaroschewski

Rio de Janeiro.Am Anfang war die Wut. Und die Angst, wieder vor dem Nichts zu stehen. Das ganze Viertel, in dem Fabiana Rodrigues lebt, sollte abgerissen, alle Bewohner umgesiedelt werden. Rodrigues lebt in Laboriaux, der höchsten und grünsten Siedlung von Rio de Janeiros größer Favela Rocinha. Hier oben fräsen sich die Ziegelhäuser der Favela mitten in den Nationalpark Tijuca hinein, neben den Hütten am Rand fällt der Berghang steil ab. 2010 hatte ein großer Erdrutsch zahlreiche Häuser mitgerissen, zwei Bewohner starben, andere mussten evakuiert werden. Danach zogen Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Haus zu Haus und markierten alle Gebäude und Hütten, die abgerissen werden sollten – insgesamt 600.

Facebook-Protest setzt Politiker unter Druck

Die Schwiegermutter von Fabiana Rodrigues sollte schon zum zweiten Mal in ihrem Leben vertrieben werden. Die Bewohner hatten das Gefühl, dass die Stadt vor allem eine willkommene Gelegenheit sieht, das Armenviertel zu verkleinern. Fabiana Rodrigues suchte nach einem Kanal für ihre Wut. „In der ganzen Aufregung und dem Chaos habe ich eine Facebook-Seite gegründet, um mich darüber zu beschweren, was hier mit uns passiert“, sagt Rodrigues, eine 32-jährige Brasilianerin mit langen blonden Locken, Shorts und schwarzer Sonnenbrille. „Ich habe auch über andere Dinge gepostet, die hier in der Favela schieflaufen und die die Politik und die Stadtverwaltung nicht berücksichtigt, wie das fehlende Abwassersystem oder Bildung.“

Rio de Janeiro, das sind nicht nur kilometerlange Strände mit Aussicht auf Meer und Berge, sondern auch fast 1000 Favelas. Etwa ein Viertel der sechs Millionen Einwohner Rios lebt in Armenvierteln. Die Rocinha ist mit bis zu 300 000 Einwohnern die größte und bekannteste Favela Rios. Sie liegt auf einem Berg inmitten der wohlhabenden Südzone von Rio de Janeiro und schließt an das Stadtviertel São Conrado an. Mehr als 30 Jahre lang herrschte die lokale Drogengang allein über die Favela Rocinha, im November 2011 besetzte der Staat die Favela militärisch. Seitdem soll die Präsenz der Befriedungspolizei UPP die Favela sicherer machen.

„Rocinha em Foco“ wird zum wichtigen Informationskanal der Favelabewohner

Via Facebook, Twitter & Co. nehmen nun auch ganz normale Leute die Politiker in die Pflicht und unterminieren so das alte Machtgefüge. Das ist neu. Was hier in der Rocinha stattfindet, ist ein Beispiel dafür, wie Soziale Medien an Orten Öffentlichkeit herstellen, die überall auf der Welt gerne übersehen werden.

Facebook-Seite „Rocinha em Foco“ Foto: Screenshot Facebook

Die Bürgerbewegung, in der sich Fabiana Rodrigues engagiert, konnte zwar den Abriss von Laboriaux verhindern, Maßnahmen wie Böschungsbegrenzungen sollen das Viertel im Wald nun sicherer machen – doch an Problemen mangelt es in Rios größter Favela nie. Die von Rodrigues im August 2013 gegründete Facebook-Seite „Rocinha em Foco“ („Rocinha im Fokus“) hat sich inzwischen in einen der wichtigsten Informationskanäle der Favela verwandelt, eine News-Plattform, die Bewohner in allen Stadtvierteln der Rocinha erreicht. Mehr als 22 500 Leser versorgt „Rocinha em Foco“ mit aktuellen Informationen, ständig laufen neue Meldungen aus der Favela ein: Fotos von Welpen mit knallblauen Augen, die verschenkt werden, die Meldung einer Frau, die in einem Minibus in der Favela einen verlorenen Ausweis gefunden hat, aber auch Bilder fast zerfallener Häuser voller Müll, die zeigen, wie die Menschen in einem der ärmsten Teile der Favela leben. „Guckt wie wir leiden, Häuser verwandeln sich in Müll, überall sind Ratten“, kommentiert eine Bewohnerin.

Das digitale Herz der Favela schlägt in Echtzeit

Die Facebook-Seite ist eine Art Kommandozentrale, in der die Informationen aus der ganzen Favela zusammenlaufen: Teammitglieder, aber auch Bewohner schicken per Mail, Facebook oder den Chat-Messenger WhatsApp Nachrichten, Fotos und Videos ein, Rodrigues veröffentlicht sie. Inzwischen helfen drei Freunde aus der Favela die Seite zu betreiben – trotzdem sitzt die Gründerin der Seite jeden Tag stundenlang vor ihrem Laptop. Ihr Wohnzimmer ist ihr Büro, der Laptop immer aufgeklappt. Gerade checkt ihre zehnjährige Tochter die Facebook-Nachrichten. Auf ihrem Heimweg vom Strand am Morgen hat Rodrigues gleich vor einem Stau in der Favela gewarnt, der wieder einmal die Hauptstraße des Armenviertels verstopfte, eine der wenigen geteerten Straßen der Favela. „Es ist superpraktisch, weil ich mit dem Smartphone alles direkt und in Echtzeit poste“, sagt sie. „Man muss nicht erst nach Hause gehen und die Fotos auf den Laptop laden.“

Das Internet ist für junge Favelabewohner wie Fabiana Rodrigues Alltag. Auch sie sind Teil der internationalen digitalen Generation, die selbstverständlich Smartphones benutzt, mit Freunden stundenlang online chattet, tagtägliche Dinge online postet, aber auch aus sozialen Netzwerken erfährt, was in ihrer Umgebung passiert. Dem Institut Data Favela zufolge haben 78 Prozent der Jugendlichen aus den Favelas heute Zugang zum Internet, viele auf ihrem Mobiltelefon. Und eine große Zahl davon wird so zum Teil eines mobilen Netzwerks, das die Facebook-Seite „Rocinha em Foco“ mit Informationen versorgt – so dass die Seite inzwischen einen großen Teil der Favela abdeckt.

Infos über die Copacabana gibt es viele, über die Rocinha kaum

Érica Santos (l.) und Fabiana Rodrigues posten aus der Favela in Echtzeit. Foto: Julia Jaroschewski

Mit dem Internet und Plattformen in Sozialen Netzwerken wie „Rocinha em Foco“ wird plötzlich sichtbar, was in Rios Favelas passiert – jahrzehntelang von Drogengangs beherrschte, abgeschlossene Territorien, die die meisten brasilianischen Journalisten bis heute kaum betreten – und wenn doch, dann nur in schusssicherer Weste. „Es ist superleicht sich zu informieren, was in Stadtteilen wie Copacabana oder Leblon passiert, weil alles, was geschieht, in den Massenmedien berichtet wird“, findet Érica Santos, eine 23-jährige Studentin, die gerade zur Redaktionssitzung vorbeigekommen ist. „Aber viele Dinge, die hier in der Rocinha geschehen, erscheinen nicht.“ Es sei aber wichtig, dass die Missstände öffentlich werden, damit sich etwas verändert. Santos war sofort begeistert, als sie „Rocinha em Foco“ auf Facebook entdeckte. Von Anfang an verfolgte sie das Wachstum der Seite, sie war die aktivste Kommentatorin, verbreitete fast alle Infos weiter. Heute ist sie selbst Teil des Teams, eine Art Korrespondentin, die vom unteren Teil des Berges berichtet, auf dem die Ziegelhäuser der Rocinha emporwachsen – während Fabiana Rodrigues ganz oben wohnt.

Facebook-Posts warnen vor Schießereien

Die Facebook-Seite ist auch eine Art kollektiv erstellter Wegweiser durch die Favela, der dabei hilft, gefährliche Situationen, Unfälle oder Staus zu vermeiden. „Bevor die Leute zur Arbeit gehen, checken sie bei uns, ob es einen Stau gibt“, sagt Fabiana Rodrigues. „Wir warnen sie aber auch, wenn es eine Schießerei gibt.“ Um die Sicherheit vor den beiden brasilianischen Megaevents WM 2014 und Olympia 2016 zu gewährleisten, marschierte das Militär in die lange von Drogengangs beherrschte Favela ein. Seit 2011 patrouillieren Polizisten mit Sturmgewehren durch die Favela oder stehen an Straßenecken. Doch die Gangs versuchen, ihr Terrain wieder einzunehmen.

Immer wieder dröhnen Schüsse durch die Favela, Polizei und Gangs liefern sich Gefechte. Und manchmal treffen die Kugeln Bewohner, die zufällig ins Kreuzfeuer geraten. Manche Favelabewohner kritisieren die Reporter von „Rocinha em Foco“ dafür, dass sie so oft über Schießereien berichten. Sie werfen ihnen vor, dass sie das negative Image der Favela damit verstärken würden und dass sie nur Klicks generieren wollten. Doch Fabiana Rodrigues findet, dass die Warnungen lebenswichtig sind. „Ich lebe hier, ich weiß, wie es ist, ich habe mich selbst schon mitten in Schießereien befunden und ich will meine Kinder nicht während einer Schießerei zur Schule bringen müssen“, sagt sie.

Im Internet können die Bewohner zeitnah erfahren, ob es in der Favela gerade gefährliche Situationen gibt – und sie umgehen oder eben sicher zu Hause bleiben. Viele Kinder aus der Favela, deren Mütter arbeiten, seien auch alleine in den Gassen der Favela unterwegs. „Wir informieren über die Schießereien, um eine Tragödie zu vermeiden – wie einen Querschläger“, so Rodrigues. Wichtig ist ihnen, neutral zu bleiben, sich auf keine Seite zu stellen, weder auf die Seite der Drogengang, noch auf die der Polizei. Sie wollen einfach den Bewohnern helfen, sagt Rodrigues.

Bedürftige spenden für noch Bedürftigere

Als Journalistinnen sehen Rodrigues und Santos sich nicht, weil sie keine eigenen Geschichten recherchieren, keine längeren Artikel schreiben. Sie sind eher eine Art moderner NGO, eine Nichtregierungsorganisation, die vor allem digital agiert. Sie posten auch Kurse oder Arbeitsangebote, um die Möglichkeiten transparenter zu machen. Und die beiden wollen ein Portal zur Verfügung stellen, das die Bewohner stärker vernetzt – statt auf Hilfe von außen zu warten. „Es fehlt in der Rocinha an Initiativen“, sagt Érica Santos. Viele Menschen würden zwar Hilfe fordern, sich selbst aber nicht engagieren, dabei könnten auch Einzelne den Alltag in der Favela verändern. „Wir wollen zeigen, dass man den Leuten, die neben einem wohnen, helfen kann, mit einem Rat oder einer Spende wie Milch“, sagt Santos.

Die Helfer verteilen nicht nur Nachrichten, sondern auch Schokoboxen. Foto: Julia Jaroschewski

Zu Festen wie Ostern und Weihnachten ruft „Rocinha em Foco“ via Facebook Favelabewohner dazu auf, Geschenke für noch bedürftigere Bewohner zu spenden. In diesem Jahr haben sie vor Ostern fast 600 Boxen mit Schokolade gesammelt. Zusammen mit Freiwilligen verteilte das „Rocinha em Foco“-Team an Kinder aus den besonders bedürftigen Vierteln der Rocinha. Sie liefen an Ostern durch Teile der Rocinha, in denen die Gassen nur vermüllte Trampelpfade sind. Sie bahnten sich den Weg durch Hundekot, Plastikmüll und stinkendes Abwasser. Manche Häuser sind dort nur behelfsmäßige Baracken aus Holz, Plastik und Stöcken. In dem schwer zugänglichen Gebieten gibt es keine Patrouillen der Polizei, und auch die Stadtverwaltung kommt kaum vorbei. Die Helfer verteilten die Schokoboxen auf Ruinen, in abgebrochenen Häusern, die nicht mehr bewohnt werden dürfen – denn auch die Kinder in diesen Vierteln der Rocinha sollen sich zugehörig fühlen.

Das ehrenamtliche Engagement soll in Zukunft Arbeitsplätze schaffen

Die Freude der Kinder und die Dankbarkeit der Bewohner, das ist das einzige, was das „Rocinha em Foco“-Team für den täglichen Arbeitsaufwand erhält. „Es ist für mich wie meine persönliche Facebook-Seite, ich verdiene damit kein Geld“, sagt Fabiana Rodrigues. „Und die Leute schreiben mich an, und fragen mich, ob ich mir die Probleme nicht gleich persönlich ansehen kann.“ Das Team von „Rocinha em Foco“ sucht gerade nach Sponsoren. „Wenn es uns gelingen würde, das tatsächlich in eine Arbeit zu verwandeln, könnten wir mehr Zeit auf der Straße verbringen, noch mehr Plattformen gründen“, so Rodrigues.

Durch ihr Engagement hat sie nun endlich selbst einen neuen Job gefunden, nach einem halben Jahr, in dem sie arbeitslos war. Sie arbeitet jetzt in der Verwaltung der Favela, nimmt Beschwerden von Bewohnern entgegen, die ohne Wasser auskommen müssen, deren Stromleitungen nicht funktionieren oder deren Haus baufällig ist. Die Seite „Rocinha em Foco“ führt sie nebenbei weiter. Und wieder ist sie Mittlerin zwischen den Favelabewohnern und Organisationen und Unternehmen, die die Probleme der Favela lösen sollen. Nur eines hat sich geändert: „Nun können sie mir nicht mehr die Tür vor der Nase zuschlagen“, freut Fabiana Rodrigues sich.

Die Metropole Rio de Janeiro

  • Name:

    Der Entdecker Gaspar de Lemos hielt die Bucht anfangs für eine Flussmündung und nannte sie Rio de Janeiro – übersetzt „Fluss des Januar“ – weil er am 1. Januar 1502 dort ankam.

  • Wahrzeichen:

    Der Zuckerhut und die 38 Meter hohe Jesus-Statue prägen das unverwechselbare Panorama der zweitgrößten Stadt Brasiliens.

  • Strand:

    Die atemberaubende Lage Rios zwischen Hügeln und Meer wird gekrönt vom berühmtesten Strand der Welt im Stadtteil Copacabana. Fast genau so bekannt ist der Strand des mondänen Viertels Ipanema nicht zuletzt durch den Song „Garota de Ipanema“ (The Girl from Ipanema) von Antônio Carlos Jobim.

  • Samba:

    Der Musik- und Tanzstil entwickelte sich in Brasilien unter den afrikanischen Sklaven. Die Parade der Sambaschulen Rio de Janeiros ist ein farben- und sinnenfrohes Spektakel und eines der größten Feste weltweit. Organisiert wird es vom Tourismusbüro und der Liga der Sambaschulen.

  • Fußball-WM:

    Vom 12. Juni bis zum 13. Juli 2014 fand zum zweiten Mal nach 1950 eine Fußball-WM in Brasilien statt. Das Eröffnungsspiel wurdein São Paulo ausgetragen, das Finale im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro.

  • Olympia:

    Rio de Janeiro wird vom 5. bis 21. August 2016 als erste Stadt in Südamerika Gastgeber Olympischer Sommerspiele sein.

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