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Migration

250 Flüchtlinge reisen aus Idomeni ab

Das Aufnahmelager in Idomeni versinkt im Wasser und Schlamm. Die MZ sprach mit einem verzweifelten Flüchtling.

  • Die Lage in Idomeni spitzt sich weiter zu. Die griechische Regierung und Hilfsorganisationen raten den Flüchtlingen, abzureisen. Foto: afp
  • Ahmed Welyo lebt heut in Train im Landkreis Kelheim.

Athen.Nach zweitägigen schweren Regenfällen haben mehr als 250 Migranten das Aufnahmelager in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze freiwillig verlassen. Vor allem Familien seien mit Bussen in organisierte Lager im Großraum Athen gebracht worden, berichteten griechische Medien am Donnerstagmorgen. Mindestens 13 000 Menschen harrten aber noch immer in Idomeni aus.

Die Balkanroute von Griechenland in Richtung Westeuropa ist für Flüchtlinge faktisch geschlossen. Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien lassen seit Mittwoch niemanden ohne Reisepass und Visa passieren. In Österreich ist seit Anfang der Woche nach Angaben der Behörden kein einziger Flüchtling mehr angekommen. Auch in Deutschland gehen die Zahlen zurück.

„Die Zeit des Durchwinkens ist vorbei“, betonte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Donnerstag in Brüssel. In Deutschland komme derzeit nicht einmal ein Zehntel der Menge an Flüchtlingen an wie im vergangenen Herbst. „Das Gipfelergebnis vom Montag hat dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet“, betonte der CDU-Politiker. „Wir sind auf einem sehr guten Weg, und für Deutschland werden die Zahlen damit auch niedrig bleiben.“

Unterdessen sitzen insgesamt Zehntausende Menschen in Griechenland fest. Der anhaltende Regen hat das Aufnahmelager in Idomeni in eine Schlammwüste verwandelt. Hunderte Menschen, unter ihnen auch viele Kinder, litten unter schweren Erkältungen, Atemwegebeschwerden und Durchfall, berichteten Ärzte des kleinen Krankenhauses der Ortschaft Polykastro nahe Idomeni.

Die Flüchtlinge sollen abreisen

Vertreter der griechischen Behörden, aber auch Hilfsorganisationen ermutigen die Menschen abzureisen. Es sei sinnlos im Schlamm zu warten, weil die Grenze zu Mazedonien vorerst nicht aufgemacht werde, hieß es.

Zu Wochenbeginn hatte der stellvertretende griechische Verteidigungsminister Dimitris Vitsas angedeutet, das Lager könnte wegen der unhaltbaren Zustände evakuiert werden. „Noch ist keine Polizeiaktion in diese Richtung geplant“, sagte ein Grenzpolizist aus der Region Idomeni am Donnerstag.

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Trotz Abriegelung der Balkanroute und des Nato-Einsatzes in der Ägäis kommen weiter Tausende Flüchtlinge aus der Türkei nach Griechenland. Wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Donnerstag mitteilte, trafen allein am Mittwoch 3340 Migranten auf den griechischen Inseln in der Ostägäis ein. Der Nato-Einsatz zur Kontrolle der Schleuseraktivitäten in der Ägäis läuft in vollem Umfang seit Montag.

Dabei wird die Lage der Flüchtlinge in Griechenland immer verzweifelter. Seitdem Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien nur noch Menschen mit gültigen Pässen und Visa passieren lassen, ist die Balkanroute in Richtung Westeuropa faktisch dicht. Allein an der griechischen Grenze zu Mazedonien harren mindestens 13 000 Menschen aus. Insgesamt sitzen inzwischen rund 42 000 Menschen in Griechenland fest, mehrere tausend weitere in den Ländern entlang der Balkanroute.

Regierung in Athen lehnt Zwangsräumung ab

Die Regierung in Athen lehnt eine Zwangsräumung des Flüchtlingslagers am griechisch-mazedonischen Grenzübergang bei Idomeni ab. „Es darf einerseits kein (ständiges) Lager in Idomeni geben. Andererseits darf es keine Evakuierung unter Einsatz der Bereitschaftspolizei geben“, sagte der für die Küstenwache zuständige Minister, Thodoris Dritsas, am Donnerstag in Athen in einem Briefing des Krisenstabs zur Flüchtlingskrise.

Die Migranten in Idomeni müssen nach den Worten Dritsas „überzeugt werden“, freiwillig das Camp zu verlassen und in andere Lager zu gehen. „Wir können es nicht per Dekret verbieten, dass sie sich in Idomeni versammeln“, fügte er hinzu. „Was wir machen können, ist, ihren Transport zu Aufnahmelagern zu organisieren, die in ganz Griechenland verstreut sind“, sagte Dritsas weiter.

Ahmed Welyo schaffte es bis in Landkreis Kelheim

Ahmed Welyo ist verzweifelt. Der 24-Jährige ist seit elf Monaten in Deutschland, vor drei Jahren verließ er das umkämpfte Aleppo in Syrien. Heute ist er in Neukirchen, einem Ortsteil von Train im Landkreis Kelheim untergebracht. Ahmed ist in Sicherheit, sein Flüchtlingsstatus ist anerkannt. Nur seine Verlobte Nisrin ist es nicht. Wie viele Tausend andere sitzt sie in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze fest. Und die ist zu. Das Lager in Idomeni ist überfüllt, die Zustände katastrophal. Die Menschen leben in Zelten, die vom anhaltenden Regen unterspült werden. Viele Flüchtlinge sind aufgrund der schlechten Zustände krank geworden.

„Nisrin hatte am 23. November einen Termin beim deutschen Konsulat in Istanbul gehabt“, sagt Ahmed. Dort sollte das Visum für sie, ihre Mutter und ihre Schwester ausgestellt werden, damit sie nach Deutschland fliegen können. Doch dann stellte sich heraus, dass ihre Pässe nicht mehr gültig waren. Neue zu beschaffen ginge nur in Syrien. Doch dorthin zurückzugehen, ist keine Option, schließlich tobt dort der Bürgerkrieg.

Mutter und Schwester sitzen in Idomeni fest

Ahmed floh vor drei Jahren in die Türkei. Nach zwei Jahren dort machte er sich auf den Weg nach Deutschland, zu Fuß und mit dem Bus. Begleitet hat ihn der Bruder seiner Verlobten. Zusammen kamen sie über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Das war, als die Balkanroute noch offen war. Heute ist dieser Weg unmöglich.

„Nisrin und ich haben Kontakt über Whatsapp“, erzählt Ahmed. Das letzte Mal von zwei Tagen, denn nicht immer ist der Empfang möglich. Seit zwei Wochen schon sitzt die 18-Jährige mit Mutter und Schwester in Idomeni fest. Es dürfte wohl noch länger werden. „Ihr geht es nicht besonders gut“, sagt Ahmed, der seit vier Monaten an der VHS Deutsch lernt und sich sehr gut verständigen kann. „Auch ihr Bruder macht sich große Sorgen“, erzählt Ahmed. „Wir suchen nach einer Lösung, aber eine andere, als zu warten, was passiert, sehe ich nicht.“ Ahmed hofft auf eine Einigung zwischen der EU und der Türkei, die vielleicht Bewegung bringen könnte in die Lage an der Grenze.

Ahmed, der in Syrien sechs Semester Informationstechnologie studiert hatte, bevor er das Land verlassen musste, hofft, eines Tages sein Studium zu beenden und mit Nisrin ein gemeinsames Leben führen zu können. Seine Heimat Syrien glaubt er nicht so bald wiedersehen zu können. „Dort ist alles zerstört. Das wird schwierig. Wir sind Kurden, und die kämpfen gegen den IS... Vielleicht eines Tages.“ (dpa/kc)

In einem Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung forderte Manfred Weber, Chef der EVP-Fraktion im Europaparlament, „harte Kontrollen an der EU-Außengrenze. Außerdem schickte er mahnende Worte an die Türkei.

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