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Politik
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Gesellschaft

Arbeit: Es gibt wenig Besseres

Arbeit tut uns gut. Sie gibt Halt, Struktur und Sinn – und manchmal ist sie sogar die Rettung. Ein Lob der Arbeit zum 1. Mai
Von Marianne Sperb, MZ

  • Ein Mann repariert ein Fahrrad: Flow entsteht weniger in der Freizeit, sondern vor allem bei der Arbeit. Foto: Fotolia
  • Arbeit drängt uns, Neues zu lernen. Foto: dpa

Regensburg. Am 1. Mai feiern wir den Tag der Arbeit. Den Satz wird niemand bestreiten – und doch führt er in die Irre. Denn die Deutschen feiern nicht, sie klagen. Die Gewerkschaften werden Lohndumping, befristete Jobs und moderne Tagelöhnerei anprangern. Was bei den Kundgebungen voraussichtlich mit keinem Wort Erwähnung finden wird: Arbeit tut gut, sie beglückt und: Wir können ohne sie kaum sein.

Arbeit hat einen schlechten Ruf. Sie laugt aus und raubt die Zeit für das Leben, scheint sich die Gesellschaft einig. In der Tat ist Arbeit mit sämtlichen Hebeln ausgestattet, die das Leben in Schieflage bringen können. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

„Ohne Arbeit wäre mein Leben ärmer“, sagt Andreas Krämer. Der Senior, der früher selbstständig ein Handelsunternehmen geführt hat, berät heute Gründer im Regensburger Verein „Alt hilft Jung“. Krämer spricht vom „Glück der Arbeit“. Was er schätzt: Seine Tätigkeit schenkt ihm Selbstbestätigung, sie verhilft ihm zu Herausforderungen, bringt ihn in Kontakt mit anderen, oft: jüngeren Menschen und gibt ihm das gute Gefühl, Erkenntnisse weiter geben zu können. Aufhören? Für Krämer keine Option, auch nicht mit 68 Jahren. „Rentenalter ist doch sowieso reine Willkür der Gesellschaft“, sagt er am Telefon noch.

Der Beruf taktet unseren Tag

7,4 Millionen Menschen in Bayern sind erwerbstätig; das ist historischer Höchststand. Seit Jahren kennt der Trend nur eine Richtung: nach oben.

Der Beruf drängt uns, Neues zu lernen und uns zu überwinden – denn wer erledigt schon jede Aufgabe gern?

Arbeit taktet den Tag, vom Frühstück bis zum Schlafengehen. Dieses Korsett ist ein Geschenk – oder ein Gefängnis? Bei der Antwort hilft ein Blick auf die Lebensbewältigung von Langzeitarbeitslosen. Wie haltlos und fragil ihr Alltag wird, zeigt eine Studie von Antje Bednarek-Gilland, herausgegeben vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD (2015). Die Befragten (vor allem, wenn sie ohne Familie sind) erzählen, wie sie ihr Zeitgefühl verlieren. Banale Tätigkeiten dehnen sie so stark, bis der Tag gefüllt ist, irgendwie. Abends sind sie vom Nichtstun erschöpft – und frustriert über die vergeudete Zeit. Die Tage verbreien, ohne Sinn und ohne Ziel.

Was wichtig ist, wissen wir oft erst, wenn es fehlt. Christian Meier betreut bei der Regensburger Agentur Langzeitarbeitslose. Er bestätigt: „Was auffällt: Die Tagesstruktur fehlt.“ Antriebslosigkeit, Frust und Scham drücken seine Kunden nieder, bis hinunter in die Depression.

Frust erhöht die Neigung zu Aggressivität. Professor Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg, hat den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Gewalt erforscht. Studenten, die sich nur vorstellten, über mehrere Jahre keinen Job zu finden, sollten die Silbe „Waff“ ergänzen. Sie tippten auf „Waffe“. Die Kontrollgruppe, unbelastet von der Sicht auf eine dunkle Zukunft, fand das friedliche Wort „Waffel“ viel plausibler.

Der Professor sagt: „Wir brauchen Arbeit.“ Einmal aus kollektiver Sicht – weil wir uns im Beruf als Teil eines Teams fühlen und weil große Ziele nur in Gruppen zu erreichen sind. Und dann auch aus individueller Sicht: Arbeit dämpft Ängste, sie gibt Sinn und sie macht, jawohl: auch Spaß. Fischer: „Wenn über der Arbeit zwei, drei Stunden wie im Flug vergehen, erleben wir Flow, also Glücksgefühle.“

Der Flow auf der Alm

Mihály Csíkszentmihályi hat den Flow 1975 am prominentesten beschrieben. Er definiert ihn als Ergebnis des Versuchs, eine Herausforderung zu meistern. Der Psychologe zitiert eine Bäuerin aus dem Aostatal. Die 76-Jährige gibt auf zwei Fragen eine identische Antwort: Was sie jeden Tag tut und was ihr am meisten Spaß macht, sind exakt die gleichen Dinge. Das ist der Boden, auf dem das Glück sprießt.

Auf einer Alm, in einem integrierten Leben, tiefe und dauerhafte Zufriedenheit zu finden, überrascht wenig. Erstaunlicher ist die Haltung des US-Durchschnittsarbeiters Joe aus Chicago, auf den der amerikanische Wissenschaftler verweist. Joe ist gern Schweißer und möchte auch keine andere Position. Er erlebt Flow, weil er seine Tätigkeit im Team als tragende Rolle begreift, weil er sich in jede Phase der Produktion vertieft hat und für jeden Kollegen einspringen kann.

Thomas Fischer hat dazu eine kleine Geschichte parat: Zwei Arbeiter verfrachten Steine von einem Lkw auf ein Grundstück. Auf die Frage, was sie tun, sagt der eine: „Ich schleppe Steine.“ Und der andere: „Ich baue ein Haus.“

Joe, der Schweißer, steht für eine Haltung, die der Regensburger Psychologe so beschreibt: Zufriedenheit hängt ab von der Theorie, die Menschen über sich haben. „Wer sagt: Stress brauche ich, der leidet weniger an Stressfolgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Und Joe belegt, worauf der Professor immer wieder stößt: „Menschen sind eben individuell.“ Der eine lernt gern, der andere hätschelt den status quo. Die Forschung zur Arbeit am Band etwa zeigt, wie schlimm Monotonie erlebt wird. „Aber dann“, sagt Fischer, „gibt es auch die Subgruppe von 20 Prozent, die noch 20 Jahre lang Türen einbauen will.“

Die Quote auf Tiefstand

Entfremdung ist ein zentrales Problem vieler Berufstätiger, sagt Dr. Markus Promberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Sie tritt vor allem auf, wenn Strukturen im Betrieb nicht erlauben, Neues zu lernen. Die Chancen, das zu ändern, stehen gerade exzellent. Die anhaltend gute Lage am Wirtschafts- und Wissensstandort D macht den Weg frei, um Jobs flexibler zu strukturieren und Tätigkeiten anzureichern. Nach Peter Fischer haben Entscheidungsfreiheit und Autonomie im Beruf durch Digitalisierung und Globalisierung gerade sogar zugenommen. „Die Baustelle ist am ehesten die Führungsqualität von Chefs.“

2005, das ist erst zwölf Jahre her, kletterte die Arbeitslosenquote mit 12,1 Prozent auf einen sehr ernsten Stand. Mehr als fünf Millionen Menschen waren ohne Job. Heute erreichen die Werte wieder eine historische Marke, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. 2016 sank der Wert so tief wie seit 25 Jahren nicht mehr. In Bayern ging die Quote seit 2007 um fast 40 Prozent zurück. Der Landkreis Regensburg zum Beispiel ist „am Anschlag“: Weniger als 1,1 Prozent sind nur noch theoretisch möglich.

Der Berg prekärer Arbeitsverhältnisse schmilzt, auch schlecht Ausgebildete finden Jobs, und Detlef Scheele, neuer Chef der Bundesagentur für Arbeit, will jetzt Langzeitarbeitslose in öffentlich geförderte Jobs vermitteln. „Die Chancen am Arbeitsmarkt sind deutlich besser geworden“, sagt Christian Meier von der Arbeitsagentur. Die Suche, gerade für Ältere, die schon länger suchen, ist aber „noch lange kein Selbstläufer“.

Behalten wir im Blick: Die meisten Deutschen stehen im Beruf. „Gesegnet sei der, der seine Arbeit fand; er sollte um keinen anderen Segen bitten“, sagt der schottische Essayist Thomas Carlyle (1795 bis 1881). Sigmund Freuds Glücksrezept klingt ähnlich: „Arbeit und Liebe.“ Messungen bestätigen: Flow wird nicht etwa vor allem in der Freizeit erlebt, sondern drei bis vier Mal so häufig während der Arbeit.

Ein Investment in Unsterblichkeit

Wir brauchen Arbeit, aber der Großteil wünscht sich mehr Freizeit. Tatsächlich hat unverplante Zeit ihren Wert und sogar Langeweile ihr Gutes. Phasen geistiger Öde stimulieren die Kreativität. Das belegt jedenfalls eine Studie der University of Central Lancashire (2013). Menschen, die ein Telefonbuch abschrieben, erlebten bei Aufgaben im Anschluss geradezu eine kreative Explosion. Sie fiel noch gewaltiger aus, wenn die Probanden die Nummern nur lesen durften.

Arbeit ist ein ziemlich perfekter Weg, Zeit in Lernen und Lebensunterhalt umzuwandeln. Der Tausch funktioniert, auch in Deutschland, mit seiner Rekord-Last, wo ledige Angestellte fast 50 Prozent ihres Einkommens durch Steuern und Sozialabgaben verlieren. Aber wer nach dem Glück der Arbeit fragt, trifft kaum auf den Begriff Geld. Arbeit ist vielmehr „ein Investment in die Unsterblichkeit“, sagt Peter Fischer, also der Versuch, etwas zu schaffen, was uns überdauert.

Arbeit bannt Ängste und polstert uns gegen Kummer. Manchmal ist sie auch die Rettung. Für Peter Fischer war das so. 2014 litt er an einer seltenen neurologischen Störung, die ihn innerhalb von Tagen bis zum Hals lähmte. „Als ich dann den ersten Vortrag und die erste Vorlesung halten musste, ging’s wieder.“

Der 1. Mai schenkt ein langes Wochenende. Am Dienstag geht’s wieder an die Arbeit. Die meisten Deutschen haben allen Grund, sich zu freuen.

Lesen Sie alle Beiträge in der Reihe „Essay“:

„Schau mich bitte nicht so an“ – über Sexismus

„Das geht dir unter die Haut“ - über Tattoos

„Liebe mich – aber bitte von fern“ – über Städte-Tourismus

„Unter grünen Dächern“ – über den Wald

„Fürs Spielen ist der Papa da“ – zum Vatertag

Die Autorin

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb hat keinen Grund, über zu wenig Abwechslung, Tempo oder Herausforderung zu klagen.

  • Der Beruf:

    Als Journalist hat sie den wahrscheinlich schönsten Beruf überhaupt, ausgestattet mit einer carte blanche für alle Fragen, die man nur stellen kann. Geld bekommt sie dafür auch noch.

So stellen sich Studenten ihr Arbeitsleben vor.

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