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Politik
Freitag, 22. September 2017 21° 1

Wahl

Aufsteigertrikot für Schulz auf der Dult

In Regensburg wird der SPD-Kanzlerkandidat frenetisch gefeiert. Nach seiner Rede erhält er ein symbolträchtiges Geschenk.
Von Stefan Stark, MZ

Martin Schulz auf der Dult inmitten der lokalen SPD-Matadoren: Sein Parteifreund Sebastian Koch überreicht ihm ein besonderes Jahn-Trikot. Foto: Lex

Regensburg.Am Schluss hält es niemanden mehr auf den Bänken: „Martin, Martin“-Rufe und frenetischer Beifall schallen auf der Regensburger Dult durch das bis auf den letzten Platz volle Glöckl-Zelt. Die meisten der rund 2000 Zuhörer springen auf, viele zücken ihre Smartphones und machen Fotos von ihrem Helden Martin Schulz. Nach seinem Auftritt steht der SPD-Kanzlerkandidat gemeinsam mit den lokalen Parteimatadoren auf der Bühne und bekommt vom Regensburger SPD-Chef Sebastian Koch als Geschenk ein rotes Trikot des SSV Jahn mit der Rückennummer 24 überreicht – als Anspielung auf den Wahlsonntag am 24. September: Der Fußballaufsteiger aus Regensburger als symbolische Motivationshilfe für den Wahlkampfendspurt.

Heftige Attacken auf Merkel

1500 Besucher lauschten im Glöckl-Zelt Martin Schulz. Foto: Lex

Schulz hat gerade eine kämpferische Rede geliefert, gespickt mit heftigen Attacken auf Kanzlerin Angela Merkel. Wie schon bei seinem Auftritt am Gillamoos in Abensberg sprüht er vor Angriffslust und wirkt im Gegensatz zum TV-Duell wie entfesselt. Mehrfach formuliert er seinen Machtanspruch: „Deutschland geht es gut. Aber Deutschland kann mehr leisten, wenn ein Sozialdemokrat Bundeskanzler wird“, sagt Schulz. Der Herausforderer rückt sein großes Thema soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Rede. Er prangert Ungerechtigkeiten bei den Einkommen an. „Selbst bei Leuten mit zwei Jobs reicht das Geld oft nicht. Nach der Wahl wird mit dem Mietwucher aufgeräumt.“ Weiter fordert Schulz ein gesetzliches Rückkehrrecht von Müttern in Vollzeit („Das hat Merkel mit ihrer Richtlinienkompetenz verhindert“).

„Deutschland geht es gut. Aber Deutschland kann mehr leisten, wenn ein Sozialdemokrat Bundeskanzler wird.“

Martin Schulz

Für den Fall seiner Kanzlerschaft verspricht er kostenlose Kita-Plätze und ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. „Die medizinische Versorgung darf nicht davon abhängen, welche Gesundheitskarte ein Patient hat. Wir werden eine paritätische Bürgerversicherung einführen“, verspricht Schulz und erntet viel Beifall.

Regensburg ist die zweite Station seiner Tour durch Bayern, die er an diesem Freitag absolviert. Um 9 Uhr hatte er seinen ersten Auftritt in Würzburg, gleich nach seiner Rede geht es weiter nach Bamberg, wo er um 18 Uhr auf dem Marktplatz sprach. Schon seit Wochen hält der 61-Jährige diese hohe Schlagzahl durch. Von den Strapazen merkt man ihm auf der Dult nichts an.

Das Publikum klatscht im Rhythmus mit


Zum Popsong „Wie sehr wir leuchten“ von der deutschen Band Gloria zieht Schulz um 15.15 Uhr ins Bierzelt ein. Das Publikum klatscht im Rhythmus mit. Die Oberpfälzer Direktkandidaten Tobias Hammerl (Regensburg), Johannes Foitzik (Amberg-Neumarkt), Uli Grötsch (Weiden) und Marianne Schieder (Schwandorf) sowie Staatssekretär Florian Pronold begleiten den SPD-Chef bis zur Bühne. Über ihre Erwartungen an seinen Auftritt sagt Schieder unserem Medienhaus: „Er wird heute deutlich machen, dass er ein guter Kanzlerkandidat ist.“ Zu den schlechten Umfragewerten erklärt Foizik: „Die Prognosen verhalten sich wie der Ölpreis – mal rauf, mal runter. Wir lassen uns davon nicht beeindrucken.“

Martin Schulz wird auf der Regensburger Dult von den SPD-Anhängern begeistert gefeiert.

Die ersten Reihen im Bierzelt sind für die regionalen SPD-Orts- und Kreisverbände reserviert. Auf den Tischen sind SPD-Fähnchen in Maßkrügen drapiert. Davor liegen Gummibärchentüten als Werbung für den Regensburger Kandidaten Hammerl. Die Blaskapelle Bernhardswald heizt musikalisch ein, während sich im Raum der Duft von Schweinshaxen und Brathendl verbreitet.

Lesen Sie auch: Kanzlerin Angela Merkel spricht im MZ-Exklusivinterview über ihre künftige Politik, den Dieselskandal, innere Sicherheit und die Krisen in der Welt.

Im Publikum sitzen nicht nur eingefleischte Genossen, sondern offensichtlich auch viele Neugierige, die Schulz einmal live sehen wollen. Unter den Zuhörern sind neben ergrauten Semestern auch viele junge Leute. Auf Monitoren laufen Bilder ab, die Schulz bei Wahlkampfauftritten zeigen – in einer Metzgerei, im Kreise von Jugendfußballern oder in Siegerpose nach einer Rede.

Uli Grötsch, Generalsekretär der BayernSPD. Foto: Lex

Doch die Bilder können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schulz mit seinem Fernsehauftritt am vergangenen Sonntag keinen Boden gutmachen konnte – im Gegenteil. Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend vom Donnerstag kommt die SPD nur noch auf 21 Prozent. Das liegt unter dem bisher schlechtesten Wahlergebnis der Partei von 2009, als sie mit dem damaligen Kandidaten Frank-Walter Steinmeier 23 Prozent holte. Auch eingefleischte Genossen stellen sich die Frage, ob Schulz auf verlorenem Posten kämpft. Unter vorgehaltener Hand sagt eine SPD-lerin: „O mei, die Umfragen.“

Impressionen von Schulz’ Auftritt sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Martin Schulz in Regensburg

Die miserablen Prognosen scheinen Schulz in Regensburg anzustacheln. Als der Merkel-Herausforderer die Bühne betritt, heißt er zunächst „zwei enge Freude aus Regensburg“ willkommen: Den früheren Europaabgeordneten Gerhard Schmid, den er aus seinen Zeiten in Brüssel und Straßburg bestens kennt. Und die frühere Regensburger Oberbürgermeisterin Christa Meier, die bei seiner Einschulung „am 1. Juli 1962 in Würselen als Lehrerin vor mir stand“.

Er fordert ein zweites TV-Duell

Dann legt der „Mann ohne Abitur“ (Schulz über sich selbst) einen rhetorischen Start von null auf hundert hin. Er kritisiert die stockende Digitalisierung. Beim Internetausbau liege Deutschland hinter Chile und Peru – nach zwölf Jahren von Merkels Kanzlerschaft. Das Thema sei beim TV-Duell zu kurz gekommen, sagt Schulz und fordert erneut einen zweiten Schlagabtausch mit Merkel. Bei der Rente wirft er der Kanzlerin Betrug an der jungen Generation vor. „Ich gebe die Garantie, dass das Rentenalter nicht über 67 erhöht wird. Denn am 24. September werde ich die Kanzlerin ablösen.“

Schulz hat bei den schweißtreibenden Temperaturen schon längst das Sakko ausgezogen. Seine Rede dauert 45 Minuten, eine Viertelstunde kürzer als auf dem Gillamoos. Die Zeit drängt. Er muss rechtzeitig beim nächsten Auftritt in Bamberg sein. Schulz ruft zum Abschied: „Ich kämpfe bis zum 24.  September um 18 Uhr.“

Lesen Sie auch: Am 18. September kommt Angela Merkel nach Regensburg.

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