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Politik
Samstag, 25. November 2017 4

Gesundheit

Ausgenutzt und ausgepowert

Viele Ärzte murren: Der reformierte Bereitschaftsdienst führt zu bürokratischem Leerlauf und teuren Doppelstrukturen.
Von Ilka M. Enger

Ilka M. Enger ist Fachärztin für innere Medizin und Gründungsmitglied des Bayerischen Facharztverbandes (BFAV).

Regensburg.Am 5. Oktober öffnete die neue Bereitschaftsdienstpraxis im St. Josef-Krankenhaus ihre Pforten. Ich durfte bereits am darauffolgenden Freitag zum Dienst antreten. Ab 18 Uhr sollte ich dort auftragsgemäß Patienten behandeln, die akut so erkrankt sind, dass sie nicht bis zur nächsten regulären Sprechstunde warten können. In drei Dienststunden kamen fünf Patienten. Keiner erfüllte diese Maßgabe. Alle laborierten an ihren Beschwerden bereits zwischen drei Tagen und mehreren Wochen. Bei keinem Erkrankten war in diesem Zeitraum eine Verschlechterung eingetreten. Zwei wollten mit ihrem Besuch nur die Wartezeit für einen Facharzt umgehen.

In dürren Worten bestätigt die Vorsitzende des bayerischen Facharztverbandes die Internistin Dr. Ilka Enger aus Neutraubling die Befürchtungen, dass der von der Kassenärztlichen Vereinigung mit großem organisatorischen Aufwand und unter hohen Kosten reformierte Bereitschaftsdienst das Ziel einer besseren Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht erreicht – im Gegenteil den Ärztemangel durch eine sinnlose zeitliche Zusatzbelastung im Leerlauf sogar verschärft. Diese Bereitschaftsdienstreform, die wir derzeit in Bayern Gott sei Dank noch im Probelauf erleben, löst die anstehenden Probleme des Ärztemangels gerade in strukturschwachen Gebieten aus Sicht unseres Verbandes, der niedergelassenen Fachärzte in der Grundversorgung nicht, sondern schreckt junge Ärzte in der Berufswahl eher ab.

Zum Hintergrund: Bereitschaftsdienstreform steht auf zwei Beinen. Den sog. „Portalpraxen“ an ausgewählten Krankenhäusern – und einen Fahrdienst, bei dem die Ärzte nicht mehr selber fahren, sondern von einem professionellen Fahrer chauffiert werden. Die Ärzte werden zur Bewältigung dieser Aufgabe in Zukunft ihre eigenen Sprechstunden früher schließen müssen, um ihre Dienstpflicht im Krankenhaus zu erfüllen. Die Betreuung vieler eigener, vertrauter Patienten, wird durch eine anonyme Notfallversorgung einiger weniger unbekannter und teilweise nicht mal wirklich kranker Patienten ersetzt.

Im Fahrdienst wartet der Arzt erstmal auf den Fahrer. Die Dienstgebiete sind extrem groß. Regensburg hat hier als Ballungsraum noch „Glück“ Der Raum umfasst „nur“ den gesamten Landkreis. Die Patienten warten deshalb manchmal lange auf den Besuch und manche rufen dann den schnelleren Blaulicht-Rettungsdienst, um sich in das nächste Krankenhaus fahren zu lassen. Viele Ärzte in Bayern murren deshalb über dieses wenig durchdachte Konzept aus der Münchener Zentrale der KVB. Auch die Bürgermeister gerade in ländlichen Gebieten sehen Probleme. Deshalb fragen wir vom BFAV aktuell die Betroffenen, Ärzte wie Kommunalpolitiker aus der Region, bayernweit nach ihren Erfahrungen und Wünschen zur Verbesserung dieser missglückten Reform. Die Umfrage ist letzte Woche gestartet.

Damit verbinden wir auch die Bitte an unsere Patienten: Fragen Sie sich immer, ob Ihre Beschwerden wirklich sofort ärztliche Hilfe brauchen oder ob der Schnupfen auch mal mit Hausmitteln und Geduld selbst zu behandeln ist. Rettungsdiensteinsätze kommen verdammt teuer und … Ärzte sind wie Heinzelmännchen – gutwillig und fleißig, aber wenn man sie überfordert, dann verschwinden sie eines Tages.

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