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Politik
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Flucht

Außen ruhig und innen traurig

In Passau kommen täglich Tausende Flüchtlinge an. Eine Frau aus Syrien schildert ihren Weg von Idlib bis nach Passau.
Von Jana Wolf und Johannes Heil, MZ

Hena Martini ist mit ihrer Tochter und der kleinen Enkelin vor 20 Tagen aus Syrien geflohen. Ihr Ziel ist Norwegen, denn dort lebt Henas Sohn seit zwei Jahren. Foto: Jana Wolf

Passau.Still ist es an diesem Novembermorgen auf dem Gelände der Paul Hallen am Passauer Stadtrand. Während der Berufsverkehr die Straßen der Stadt füllt, ist das 7000 Quadratmeter große ehemalige Firmengelände, das als Aufnahmestation für Flüchtlinge genutzt wird, noch leer. Von den 4500 Menschen, die hier im Durchschnitt pro Tag das Areal passieren, keine Spur. Nur graue Lagerbauten im Nebel und leere Busse. In den Paul Hallen findet eine erste Versorgung der Ankommenden statt: Es gibt Essen, Sanitäter der Bundeswehr sind vor Ort, Ärzte stehen auf Abruf bereit. Beamte erfassen die Personalien.

Der Schlagbaum an der Einfahrt öffnet sich: ein Bus rollt ein, vollbesetzt. Er parkt vor Halle 2, die Türen öffnen sich, Flüchtlinge steigen aus. Unter ihnen ist Hena Martini. Die 60-Jährige ist vor 20 Tagen mit ihrer Tochter und der kleinen Enkelin aus Syrien geflohen. Passau ist für sie nur eine Zwischenstation, ihr Ziel ist Norwegen. Dort lebt seit zwei Jahren Henas Sohn. Nachdem sich die Lage in Syrien immer weiter zuspitzte, beschlossen auch die Frauen, das Land zu verlassen. „There is no more Syria“ – „Es gibt kein Syrien mehr“, wird Hena später über ihre Heimat sagen. Zwei alleinreisende, junge Männer, Raed Abouaskar (22) aus dem Libanon und Mohamad al Soufi (23) aus Syrien, haben sich der Familie angeschlossen. Die beiden wollen weiter ins Ruhrgebiet, wo sie Verwandte haben. Die Ungewissheit und Strapazen auf der Reise hat die Wahl-Familie auf Zeit zusammengebracht.

Raed Abouaskar (22) aus dem Libanon und Mohamad al Soufi (23) aus Syrien kommen in den Paul Hallen an. Zwei Stunden später müssen sie mit einer Sonderzug wieder abreisen. Das Ziel: ungewiss. Foto: Jana Wolf

Mit 50 anderen Flüchtlingen betreten Hena und ihre Begleiter die große leere Halle, in der Hunderte olivgrüne Feldbetten aufgereiht sind. Am Eingang warten zwei freundlich lächelnde Bundespolizisten mit Armbändern aus Papier. Sie notieren auf den Bändern die Ankunftszeit und binden sie um Handgelenke. Hena reiht sich ein, zieht den Ärmel ihrer dunkelgrünen Strickjacke zurück und lässt sich bereitwillig ein Band umbinden. Dieses Verfahren soll für Fairness sorgen: Diejenigen, die am längsten warten, sollen später als erste weiterziehen dürfen. Doch denn Sinn dahinter verstehen nur die Flüchtlinge, die Deutsch oder Englisch sprechen. Hena hat Glück, denn ihre Englischkenntnisse sind gut genug. Hinter den Beamten empfangen zwei Studentinnen, die ehrenamtlich im Dienst sind, die Flüchtlinge und geben Essenspakete mit Toast, Äpfeln und Capri-Sonne in weißen Plastiktüten aus. Auch hier wird auf dem Armband vermerkt, wer schon versorgt wurde. Hena lacht herzlich: „Germany is very good.“ – „Deutschland ist sehr gut.“ Der geordnete Ablauf gefällt ihr.

Tausende Menschen kommen jeden Tag in den Passauer Paul Hallen an. Polizisten und freiwillige Helfer kümmern sich um die Neuankömmlinge. Video: jw/jh/gi

Die Flüchtlinge breiten sich in der Halle aus, setzen oder legen sich auf die bereitstehenden Feldbetten. Sie füllen den hohen weiten Lagerraum mit Gesprächen, junge Männer lachen, hier und da hört man ein Kind schreien. Hena legt die wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich trägt – ein dunkelblauer Mantel, ein abgetragener Rucksack, das Kuscheltier der Enkelin – auf dem Boden ab. Neben ihr beginnen andere Flüchtlinge, hungrig ihr Frühstück auszupacken.

Die Flüchtlinge warten in den Paul Hallen auf ihre Weiterreise.

Es ist der erste Moment seit Stunden der Unruhe und Ungewissheit, an dem die 60-jährige Hena durchatmen kann. Aus ihrer Heimatstadt Idlib im Norden Syriens kam sie über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Bosnien schließlich nach Österreich. „Last night we slept outside, in the dark, very very cold“, erzählt Hena: Letzte Nacht haben wir im Freien geschlafen, es war dunkel und sehr sehr kalt. Ihre Gesichtszüge verdunkeln sich: Sie sinkt in sich zusammen und beginnt zu weinen. Ihre Tochter erträgt den Anblick der weinenden Mutter nicht: Sie zieht ihr Kopftuch ins Gesicht und läuft davon – mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm. Unter Tränen erzählt Hena, dass sie in ihrer Heimat als Pathologin gearbeitet hat, und ihre Familie eine gut laufende Molkerei betrieb. Jeden Tag hätten sie literweise Milch ausgeliefert. „And now“ – „Und jetzt?“, fragt sie und deutet auf das klapprige Feldbett, auf dem ihre letzten Habseligkeiten liegen.

Hena Martini ist aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Der MZ schildert sie ihren Weg von Idlib im Norden Syriens bis nach Passau. Video: Wolf/Heil

Zu Spitzenzeiten waren es bis zu 8000 Menschen, die täglich die Paul Hallen passiert haben. Einmal im Oktober waren es sogar 8247 Menschen. Derzeit ist die Lage in Passau auch deshalb besonders ruhig, da im Durchreiseland Griechenland die Fähren bestreikt werden. Sobald der Streik beendet ist, könnten die Zahlen in Passau wieder steigen. Doch der Ablauf der ersten Aufnahme und Erfassung der Flüchtlinge habe sich gut eingespielt, sagt Thomas Schweikl, Pressesprecher der Bundespolizei Freyung. Das oft erwähnte „Flüchtlingschaos“ in Passau kann der Sprecher nicht bestätigen:

Dies sieht auch der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper so. „Der Eindruck war schon immer falsch, dass hier Chaos herrscht. Ich habe das Gefühl, dass manche auch Lust hatten, das Chaos herbeizureden.“ Auch zu den angespanntesten Zeiten sei das öffentliche Leben in der Dreiflüssestadt in keinster Weise beeinträchtigt gewesen, sagt der Oberbürgermeister.

Der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper erklärt, wie die Dreiflüßestadt mit der Flüchtlingskrise umgeht. Video: Wolf/Heil

Auch Franz Meyer, Landrat des Landkreises Passau, will nicht von einem Chaos sprechen. Dennoch mahnt er: „Es ist eine riesige Herausforderung, die wir hier in der Region zu bewältigen haben“. Vor allem lobt Meyer das Engagement der ehrenamtlichen Helfer: „Die Solidarität im Landkreis ist sehr groß“, sagt er, fordert hier aber auch eine Entlastung: „Es gibt auch Grenzen, deshalb sage ich sehr deutlich, dass man das Ehrenamt auch nicht überfordern kann.“

Der Passauer Landrat Franz Meyer schildert die aktuelle Lage in den Gemeinden rund um Passau. Video: Wolf/Heil

Die Helfer und Beamten haben in der aktuellen Situation längst Routine. Das gilt auch für Werner Lang. Er ist bei der Stadt Passau federführend für die Koordination der ehrenamtlichen Helfer zuständig. Der 54-Jährige beschreibt mit unaufgeregten Worten die Lage: „Passau wird nicht mit Flüchtlingen überschwemmt, wie es manchmal heißt“, sagt er. Dass die Aufnahme der Flüchtlinge so geordnet ablaufe, sei auch der engagierten Arbeit der ehrenamtlichen Helfer zu verdanken.

Die ehrenamtlichen Helfer kümmern sich in den Passauer Paul Hallen um die Belange der Flüchtlinge. Foto: Jana Wolf

Mit deren Koordination habe die Stadtverwaltung keine große Arbeit, denn die Freiwilligen organisieren sich mittlerweile eigenständig über die Facebook-Gruppen „Passau verbindet“ und „Hilfe für Geflüchtete Bahnhof Passau“.

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Posted by Passau verbindet on Dienstag, 15. September 2015

Durch die zuverlässige Arbeit der Ehrenamtlichen und der Bundespolizei bekämen die Passauer in ihrem Alltag kaum etwas von den Tausenden Durchreisenden mit. „Der Alltag der Bevölkerung in Passau wird von den Flüchtlingen nicht beeinträchtigt“, stellt Lang fest.

Wie sieht die Arbeit von ehrenamtlichen Helfern in Passau aus? Welche Erfahrungen haben sie mit den Neuankömmlingen gemacht. Zwei Helferinnen erklären im MZ-Interview ihre Arbeit. Video: Wolf/Heil

Währenddessen warten Hena und ihre Familie in den Paul Hallen noch immer darauf, dass irgendetwas etwas passiert. Nach zwei Stunden Wartezeit kommt plötzlich Bewegung in die Halle. Draußen steht ein Mannschaftsbus der Bundespolizei bereit, er soll die Flüchtlinge zum Bahnhof bringen. Dort wartet schon ein Sonderzug, der sie zu Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) in anderen deutschen Städten bringt. Während in Passau nur die polizeiliche Ersterfassung stattfindet, werden die Flüchtlinge in den EAE registriert und damit das Asylverfahren eingeleitet. Und dann geht es ganz schnell: Taschen und Kuscheltiere werden wieder zusammengesucht, Kinder auf den Arm genommen. Die Halle leert sich wieder, der Bus vor der Tür füllt sich.

Am Bahnhof angekommen werden die Flüchtlinge in 50er-Gruppen zum Bahnsteig geführt. Hena reiht sich in die lange Schlange ein, die über Behelfsstege zum Bahngleis geführt werden. Erst hier wird sichtbar, dass die Flüchtlinge die ganze Zeit unter polizeilicher Aufsicht stehen. Zwei Polizisten flankieren die Gruppe. Sie haben den Auftrag, dass kein Flüchtling verloren gehen darf und alle in den Zug steigen müssen.

Mit gesenktem Kopf geht Hena über den wackeligen Steg; dann dreht sie sich noch einmal um und winkt zurück. Und da ist wieder dieses strahlende Lachen in den müden Augen. Wohin der Sonderzug fährt, weiß von den weiterreisenden Flüchtlingen zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Selbst die Beamten, die hier für Ordnung sorgen, wissen es nicht.

Hier geht es weiter zu Kapitel 3 oder zurück zur Übersicht.

Von der Ankunftbis zur Abreise ins Ungewisse

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