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Politik
Montag, 5. Dezember 2016 2

Kritik

Auswüchse des Kapitalismus am Pranger

Menschenfreundlich soll die Gesellschaft sein. Dazu gehört den Kirchen zufolge eine Kontrolle der Finanzwirtschaft. Sonst laufe das Geld aus dem Ruder

Ein Feuer brennt vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main: Die Kirchen fordern, den Finanzmarkt strikt zu kontrollieren. Foto: dpa

Frankfurt/Main.Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben die Auswüchse des Kapitalismus angeprangert und Reformen der Marktwirtschaft angemahnt. Gier und Maßlosigkeit, die zur Finanzkrise geführt hätten, zersetzten den gesellschaftlichen Zusammenhalt, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es ist das erste derartige Papier seit 17 Jahren.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider stellten die Initiative mit dem Titel „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ am Freitag in Frankfurt/Main vor und riefen zu einer breiten öffentlichen Diskussion darüber auf. Verbände und Parteien begrüßten die Initiative der Kirchen, der Inhalt wurde aber auch als zu vage kritisiert.

Das Papier solle kein „letztes Wort“ sein. „Wir werfen einen Stein ins Wasser“, sagte Zollitsch. „Wir wollen große Linien benennen“, ergänzte Schneider. Er hoffe, dass der Diskurs gesellschaftliche Veränderungsprozesse anstoße und die Bundesregierung wesentliche Punkte aufnehme.

Geld müsse strikt dienende Funktion haben

Wirtschaftliche Aktivitäten seien kein Selbstzweck, Gewinnmaximierung um jeden Preis moralisch inakzeptabel - deshalb müsse der Finanzmarkt strikten internationalen Kontrollen unterliegen, fordern die Kirchen. „Die Finanzmarktkrise der Jahre 2007-2009 war die Folge menschlichen Versagens auf ganz unterschiedlichen Ebenen“, heißt es in dem Papier. „Zu Recht ist die Maßlosigkeit und eine zum Teil bis ins Kriminelle gesteigerte Selbstherrlichkeit und Gier mancher Finanzmarktakteure kritisiert worden.“

Die Illusion der Beherrschbarkeit von Risiken sei ein Hauptgrund für die Krise gewesen. Geld müsse eine strikt dienende Funktion haben. „Insbesondere die Finanzmärkte müssen sich wieder in Richtung einer dienenden Rolle wandeln.“

Die soziale Marktwirtschaft als gerechter und fairer Ausgleich müsse angesichts der Globalisierung der Wirtschaft weiterentwickelt werden in wirtschaftlicher, sozialer und auch ökologischer Hinsicht, fordern die Kirchen.

Vor genau 17 Jahren, am 28. Februar 1997, hatten die beiden christlichen Kirchen ihre Erklärung „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ veröffentlicht.

In ihrem aktuellen Papier kritisieren sie, es sei bisher nur unzureichend erreicht worden, die Chancen der Menschen am unteren Rand der Gesellschaft zu verbessern. Allzu häufig werde Armut vererbt. „Damit wollen wir uns als Kirchen nicht abfinden.“

DGB fordert grundsätzliche Debatte über Wirtschaft und Arbeit

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sprach von einem wichtigen Zeugnis der Christen. Aus den eigenen Reihen kam aber auch Kritik: Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach nannte das Papier blass und teilnahmslos. Die Kirchenleitungen suchten den Schulterschluss zu den wirtschaftlichen und politischen Eliten, sagte Hengsbach im Deutschlandradio Kultur. Die SPD-Kirchenbeauftragte Kerstin Griese kritisierte: „Ich hätte mir heute konkretere und kraftvollere Worte gewünscht.“

Der Arbeitgeberverband BDA nannte es bemerkenswert, dass die Kirchen sich nicht nur zu Verteilungsfragen äußerten, sondern Teilhabe- und Chancengerechtigkeit verstärkt in den Fokus rückten. DGB-Chef Michael Sommer sagte, eine grundsätzliche Debatte über die Gestaltung von Wirtschaft und Arbeit sei nötig, denn die Finanzkrise habe auf erschreckende Weise gezeigt, wie gefährlich die Deregulierung von Märkten sein könne. Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht begrüßte das Papier als konsequent und klar. Es sei aber fragwürdig, wie sich Parteien christlich nennen könnten, deren Politik für Ungleichheit sorge, sagte Wagenknecht im Deutschlandradio Kultur. (dpa)

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