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Politik
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Flüchtlinge

Bildung als Schlüssel für Integration

In den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge ist der Bildungsstand gering, sagt ifo-Bildungsexperte Experte Ludger Wößmann.
Von Christian Kucznierz, MZ

Das Bildungsniveau in Syrien ist niedrig, hat der Ludger Wößmann herausgefunden. Doch gerade die Kinder von Flüchtlingen hätten in Deutschland gute Chancen, wenn die Politik entsprechend handle. Foto: dpa

Regensburg.Herr Wößmann, Sie haben im Auftrag der OECD den Bildungsstand der Jugendlichen aus über 80 Ländern verglichen. Was war der Anlass?

Es ging eigentlich darum, die wirtschaftliche Bedeutung eines globalen Entwicklungsziels abzuschätzen, dass alle Kinder zumindest ein Grundniveau an Bildungskompetenzen erreichen. Aber daraus lässt sich auch der Bildungsstand in Ländern ablesen, aus denen viele Flüchtlinge stammen, die gerade nach Deutschland kommen, darunter auch Syrien. Wir haben ja keine aktuellen Zahlen über den tatsächlichen Bildungsstand derjenigen Menschen, die bei uns ankommen. Um also eine Ahnung davon zu bekommen, können wir uns die Qualität der Bildung in den Herkunftsländern anschauen. So hat Syrien 2011 an einer großen internationalen Schülervergleichsstudie teilgenommen, der Timss-Studie. Dabei werden Achtklässler in mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundkompetenzen gemessen. Die Ergebnisse haben wir mit denen deutscher Schüler in der Pisa-Studie verglichen.

Wie ist das Ergebnis für syrische Schüler ausgefallen?

Ludger Wößmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut. Foto: Barbara Hartmann

Wir haben uns den Anteil der Schüler angesehen, die im Rechnen und in Naturwissenschaften ein Mindestniveau an Grundkompetenzen nicht erreichen. In Deutschland sind das 16 Prozent. In Syrien aber 65 Prozent, also zwei Drittel.

Was heißt das?

Man könnte das als „funktionalen Analphabetismus“ bezeichnen, also als Bildungsgrad, der nicht ermöglicht, dass man längere Texte und Sachverhalte so versteht, dass man die Inhalte für sich nutzbringend verwertet. Man ist dann auch nur in der Lage, einfachste Rechnungen zu lösen oder einfachste naturwissenschaftliche Sachverhalte zu verstehen.

Die Datengrundlage für Syrien stammt aus dem Jahr 2011. Wie alt sind die Schüler, die an der Studie teilgenommen hätten, heute?

Die sind heute um die 18 Jahre alt.

Was bedeutet dieses Ergebnis für die Syrer, die als Flüchtlinge in Deutschland angekommen sind?

„Es ist nicht klar, wie sich die Gruppe der syrischen Flüchtlinge zusammensetzt.“

Prof. Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik

Das ist nicht eindeutig zu beantworten. Es ist nicht klar, wie sich die Gruppe der syrischen Flüchtlinge zusammensetzt. Bei früheren kleineren Flüchtlingsbewegungen stammten die Menschen, die sich aufgrund politischer Verfolgung auf den Weg machten, zum Teil eher aus besser gebildeten Schichten und hatten somit bessere Chancen, bei uns Arbeit zu finden. Aber bei der derzeitigen Anzahl an Flüchtlingen ist es nicht sicher, dass das auch hier gilt. Zudem sind viele der Jugendlichen vor ihrer Ankunft in Deutschland oft mehrere Jahre in Flüchtlingslagern gewesen, wo sie keinen geregelten Schulunterricht hatten.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betont, dass es keinerlei verlässliche Daten über den Bildungsgrad gibt. Zwar würden die Menschen befragt, aber die Angaben sind freiwillig und statistisch nicht belastbar.

Das stimmt und deswegen habe ich ja eingangs betont, dass es keine belastbaren Daten über die Bildung der Flüchtlinge bei uns gibt. Das muss sich meiner Meinung nach aber ändern. Eine Integrationspolitik, die funktionieren soll, muss auf diesen Daten aufbauen. Deswegen ist unsere Untersuchung wichtig, weil sie uns Aufschluss über den Bildungshintergrund der Flüchtlinge aus Syrien geben kann.

Die vereinfachte Aussage, dass zwei Drittel der Syrer nicht richtig lesen und schreiben können, ist allerdings auch ein gefundenes Fressen für alle, die sagen, dass Deutschland keine Flüchtlinge mehr von dort aufnehmen soll …

Es liegt mir fern, mit den Zahlen irgendwelche Ressentiments zu schüren oder Argumente für eine abwehrende Flüchtlingspolitik zu liefern. Aber wenn wir wollen, dass die Integration der Flüchtlinge gelingt, müssen wir die Politik an den Bedürfnissen ausrichten. In der Vergangenheit haben wir das versäumt mit der Folge, dass ein großer Teil der Migranten überhaupt keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatte - und Probleme, in die Gesellschaft integriert zu werden.

Prof. Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik

Es hilft aber auch nichts, die Augen vor den Problemen zu verschließen. Wir werden den Flüchtlingen am meisten Schaden zufügen, wenn wir ihren Hintergrund ignorieren. Es liegt mir fern, mit den Zahlen irgendwelche Ressentiments zu schüren oder Argumente für eine abwehrende Flüchtlingspolitik zu liefern. Aber wenn wir wollen, dass die Integration der Flüchtlinge gelingt, müssen wir die Politik an den Bedürfnissen ausrichten. In der Vergangenheit haben wir das versäumt mit der Folge, dass ein großer Teil der Migranten überhaupt keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatte - und Probleme, in die Gesellschaft integriert zu werden.

Was sind Ihre Forderungen?

Diejenigen, die entsprechende Qualifikationen mitbringen, müssen schnell in den Arbeitsmarkt vermittelt werden. Dann braucht es umgehend Deutschkurse für die Ankommenden, denn ohne Sprachkompetenz kann keine Integration funktionieren. Für Jugendliche müssen Bildungsangebote bereitgestellt werden. Auch Ausbildungshelfer können ein gutes Mittel sein. Auf dem Arbeitsmarkt müssen Hemmnisse beseitigt werden: die Wartefristen für Flüchtlinge oder die Vorrangprüfung, also die Prüfung, ob nicht zuerst ein Deutscher oder ein EU-Bürger auf eine freie Stelle vermittelt werden kann. Wir brauchen meiner Meinung nach auch Ausnahmen beim Mindestlohn. Ich fürchte, dass bei vielen Flüchtlingen die Produktivität nicht über 8,50 Euro in der Stunde liegt. Wir müssen Unternehmen eine Einstiegsmöglichkeit für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, damit die Unternehmen die Möglichkeit haben zu prüfen, ob der Mitarbeiter geeignet ist, ob er eingearbeitet und auf Mindestlohnniveau angehoben werden kann.

Schafft das nicht Anreize zur Ausbeute?

Die Herausforderung besteht darin, Flüchtlinge nicht als unqualifizierte Kräfte auf den Arbeitsmarkt gelangen zu lassen, was auf prekäre Zustände hinauslaufen würde. Andererseits muss klar sein, dass nicht jeder eine dreijährige Ausbildung mit hohem theoretischem Anteil wird absolvieren können. Es braucht Modelle, in denen einjährige Ausbildungen gemacht werden können, in denen der praktische Anteil in den Vordergrund rückt, und der die Auszubildenden zumindest teilqualifiziert, was ihre Chance am Arbeitsmarkt erhöhen würde - am besten mit einer Option, sich später weiter zu qualifizieren und am Ende eine Vollausbildung zu haben. Anders aber sieht es für die Kinder aus, die mit ihren Eltern geflohen sind.

Wie meinen Sie das?

Ihre Chancen sind ungleich besser – wenn die Politik die richtigen Weichen stellt. Sie müssen schnell in den regulären Unterricht gebracht werden. Kinder bis zehn Jahren lernen Sprache am einfachsten, wenn sie tagtäglich mit Kindern ohne Migrationshintergrund zu tun haben. Und dann sehe ich auch keinen Grund, warum sie nicht gute Chancen haben sollten. Die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, haben nicht das Potenzial, unsere demografischen Probleme zu lösen oder den Fachkräftemangel. Darum geht es aber auch nicht. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist eine humanitäre Aufgabe. Ihre Kinder haben dieses Potenzial schon – aber eben erst in 20 Jahren. (Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zum Thema Bildung und Flüchtlinge finden Sie hier!)

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