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Politik
Mittwoch, 24. August 2016 30° 1

Flüchtlinge

Bildungsintegration wird zum Kraftakt

Die Länder bereiten sich auf hunderttausende von Flüchtlingskindern in den Schulen vor. Das wird teuer und aufwändig.
Von Ursula Mommsen-Henneberger und Werner Herpell, dpa

Martin Walter, Lehrer in Margetshöchheim (Bayern), übt mit den Flüchtlingskindern Ahmed (l-r), Ahmad und Muhammad deutsche Wörter und Begriffe. Foto: dpa

Berlin.„Wir können auch anders“ – dieser Filmtitel passt insgesamt zur Reaktion der 16 Bundesländer, um die enorme Herausforderung durch einige hunderttausend Flüchtlingskinder an deutschen Schulen 2016 zu bewältigen. Sonderprogramme in oft zweistelliger Millionenhöhe, zügige neue Unterrichtsangebote, unbürokratisches Vorgehen und ein intensives Werben um Lehrer jenseits bisheriger Normen – so versuchen die Ressortchefs, das in einer UN-Konvention verankerte Recht auf Bildung umzusetzen.

Dies geht aus einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den Bildungsministerien hervor. Klar wird dabei allerdings auch: Die Bundesländer verfolgen noch keine abgestimmte Strategie. So fordert eine Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung eine bundesweite Schulpflicht für Flüchtlingskinder – denn die gibt es bisher nicht in allen 16 Ländern. Gewerkschaften rufen die Kultusminister dazu auf, verstärkt auch ausscheidende oder ehemalige Pädagogen zu gewinnen, um den Lehrermangel abzumildern.

Geregeltes Lernen wird kaum möglich sein

Der Chefkoordinator der PISA-Bildungsstudien, Andreas Schleicher, mahnte im dpa-Gespräch, Deutschland müsse rasch die politischen Weichen stellen, um die Flüchtlingskinder gut zu integrieren. Dies sei kompliziert, aber angesichts der deutschen Erfolge nach dem „PISA-Schock“ vor 15 Jahren offensichtlich doch machbar. Schleicher: „Die Sprache des Ziellandes zu vermitteln – vor allem das muss geleistet werden, und zwar in relativ kurzer Zeit.“ Erst am Montag hatte die CSU eine verpflichtende Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen für Flüchtlinge gefordert.

Die Herkules-Aufgabe für rund 300 000 neu ins Land gekommene Flüchtlingskinder wird erschwert, weil diese oft weder Deutsch beherrschen noch die lateinische Schrift. Sie stammen aus gegensätzlichen Kulturen, haben sehr verschiedene Muttersprachen. Sie sind unterschiedlich alt, oft traumatisiert durch furchtbare Erlebnisse im Krieg. Sie warten in den Erstaufnahmeeinrichtungen ohne Unterricht – bis zu sechs Monate können sie laut Gesetz dort bleiben. Sie leben oft in Massenunterkünften wie Zelten oder Turnhallen und werden plötzlich anderen Orten zugewiesen. Wie soll da geregeltes Lernen möglich sein?

Wie die Länder die Bildung für Flüchtlingskinder regeln, lesen Sie hier:

Was die Länder machen

  • Baden-Württemberg:

    Aktuell besuchen 29 800 junge Flüchtlinge 2162 Vorbereitungsklassen. Für den Unterricht wurden zum Beginn des Schuljahres 562 zusätzliche Lehrerstellen bereitgestellt, im zweiten Nachtragshaushalt sollen 600 Lehrerstellen hinzukommen. Für frühkindliche Sprachförderung wurden 2015/16 insgesamt 4,8 Millionen Euro zusätzlich bewilligt, im Nachtragshaushalt sind weitere 3 Millionen Euro eingeplant. Zur Lehrergewinnung hat das Kultusministerium pensionierte Lehrkräfte angeschrieben. Mit Stand 7.12. erklärten 467 Pensionäre ihre Bereitschaft.

  • Bayern:

    In 530 Übergangsklassen liegt der Schwerpunkt auf dem Erlernen der deutschen Sprache. Dazu kommen Hunderte Deutsch-Förderklassen, in denen Flüchtlingskinder mit Einheimischen zusammen lernen und zusätzlichen Deutschunterricht besuchen. Es gibt landesweit 450 Berufsintegrationsklassen mit dem Ziel, junge Menschen mit Bleibeperspektive fit zu machen für eine duale Ausbildung. „Ein bundesweit einmaliges Projekt“, so das Kultusministerium. Ab Januar kann Bayern zusätzlich 160 Millionen Euro in die Schulen stecken, um vor allem Kinder und Jugendliche mit Bleibeperspektive bei der Integration zu unterstützen.

  • Berlin:

    Hier gab es Anfang Dezember 639 Lerngruppen oder Willkommensklassen. Dort unterrichteten 701 Lehrkräfte etwa 6700 Schüler. An mehr als jeder dritten Schule lernen demnach junge Flüchtlinge. Binnen eines Jahres sollen sie gut genug Deutsch können, um in eine Regelklasse zu wechseln. Bis Ende des Jahres sollen 26 zusätzliche Sozialarbeiter eingestellt werden.

  • Brandenburg:

    Die rot-rote Landesregierung will 2016 weitere 260 Lehrer einstellen. Dieses Jahr war Geld für 340 zusätzliche Lehrkräfte bewilligt worden. In Erstaufnahmeeinrichtungen ruht zwar die Schulpflicht. Das Bildungsministerium bietet aber schon seit dem Schuljahr 2013/14 spezielle außerschulische Kurse für Kinder und Jugendliche im Grundschul- und Sek-I-Alter an.

  • Bremen:

    Der Stadtstaat will die Aufgaben gleichmäßig auf die Schulen verteilen. Das Integrationskonzept besteht aus einem Sprachlernangebot über Vorkurse und paralleler Integration in den Regelunterricht. Es werden zusätzliche Vorkurse an Oberschulen wie auch neuerdings an Gymnasien eingerichtet. Durch den hohen Zuzug von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gab es den größte Anstieg der Vorkurse bei den berufsbildenden Schulen.

  • Hamburg:

    Derzeit gibt es laut Schulbehörde keinen Lehrermangel, auch nicht für Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Dieses Jahr würden 400 Lehrer für Unterricht in Zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen und Schulen zusätzlich eingestellt. Schulpflichtige Kinder in der Regelunterbringung besuchen Basisklassen oder Internationale Vorbereitungsklassen. Um die Chancen junger Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, organisiert der Stadtstaat sein Berufsschulsystem um: Ab Februar werden die berufsbildenden Schulen schrittweise auf Ganztagsbetrieb umgestellt.

  • Hessen:

    Hessen hat einen „Aktionsplan“ zur Integration von Flüchtlingen mit einem Volumen von 500 Millionen Euro. Zusätzlich 40 Millionen Euro sollen davon in Bildung fließen, unter anderem für Sprachförderung. An den Schulen sind 800 neue Stellen vorgesehen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat eine Rekrutierungskampagne gestartet und 10 000 Briefe verschickt – an Lehrkräfte, aber auch Studienreferendare und pensionierte Lehrer unter 67. „Das Telefon steht bei uns nicht mehr still“, sagte Lorz. Seit Schuljahresbeginn wurden rund 100 neue Intensivklassen gebildet. An allgemeinbildenden Schulen stieg diese Zahl damit auf 465 (Stand November 2015).

  • Mecklenburg-Vorpommern:

    Das Bildungsministerium hat zu Schuljahresbeginn 100 zusätzliche Stellen für DaZ-Lehrer ausgeschrieben und davon mit Stand Mitte November 37 besetzt. Ständig sollen 100 DaZ-Lehrerstellen als Puffer vorgehalten werden, um sie bei Bedarf schnell ausschreiben zu können. Es sei aber schwer, Lehrer dafür zu finden, räumte Minister Mathias Brodkorb (SPD) ein, da ganz Deutschland suche. Parallel werden Lehrer im landeseigenen Institut fortgebildet.

  • Niedersachsen:

    Seit Mitte März sind etwa 17 100 Schüler ohne oder nur mit geringen Deutschkenntnissen neu an die Schulen gekommen. Für ihre Integration will das Ministerium im Haushaltsjahr 2016 rund 85,5 Millionen Euro mehr zur Verfügung stellen. Zum Februar 2016 wurden insgesamt 1600 Vollzeitlehrerstellen ausgeschrieben, davon 400 zusätzliche für die Sprachförderung. Etwa die Hälfte aller Stellen sind laut Ministerium bereits so gut wie besetzt.

  • Nordrhein-Westfalen:

    Wie 2015 werden auch nächstes Jahr 40 000 schulpflichtige Flüchtlingskinder in dem Bundesland erwartet. Laut Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) werden „insgesamt 5766 zusätzliche Stellen eingesetzt“ – davon 1200 für spezielle Sprachförderung von Flüchtlingskindern ohne Deutschkenntnisse. NRW hat bislang keine Probleme, ausreichend Lehrer mit der Qualifikation „Deutsch als Zweitsprache“ zu finden, denn schon im Schulgesetz von 2009 war das verpflichtende Modul für alle Lehramtsstudenten eingeführt worden.

  • Rheinland-Pfalz:

    Die rot-grüne Landesregierung hat dieses Jahr 6,2 Millionen Euro allein für zusätzliche Sprachförderung in Kitas sowie Übergangsmaßnahmen für den Wechsel zur Grundschule bereitgestellt. Im Haushalt 2015 standen 22,52 Millionen Euro für die schulische Sprachförderung bereit. Durch Umschichtungen wurde dies um mehr als eine Million aufgestockt. „Die Resonanz auf die Bitte an Pensionäre, ehrenamtlich die Sprachförderung in den Schulen zu unterstützen, ist gut“, so das Bildungsministerium.

  • Saarland:

    Anfang November wurden an allgemeinbildenden und Berufsschulen des kleinsten Flächenlandes 3135 Flüchtlings- und Zuwandererkinder beschult, 550 mehr als einen Monat zuvor. Dabei mussten Gemeinschaftsschulen und Berufsschulen den stärksten Anstieg verkraften. Anders als in vielen anderen Ländern kommen die Kinder laut Ministerium an den meisten Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien von Anfang an in Regelklassen.

  • Sachsen:

    Sachsen bereitet Flüchtlinge in Vorbereitungsklassen auf die Teilnahme am regulären Unterricht vor. Rund 5000 Kinder mit Migrationshintergrund besuchen laut Kultusministerium derzeit eine solche Klasse. Die Zahl der Lehrer wurde um 300 auf 632 Stellen aufgestockt, weitere 160 sollen noch dazukommen. Künftig sollen mehr Lehrer für den DaZ-Unterricht ausgebildet werden. Beim Projekt Willkommens-Kitas werden ausgewählte Einrichtungen mit Fortbildungen, Beratern vor Ort und dem Aufbau von Netzwerken bei der Aufnahme von Flüchtlingskindern unterstützt.

  • Sachsen-Anhalt:

    In Sachsen-Anhalt haben Ende September mehr als 3300 Flüchtlingskinder eine spezielle Förderung in Sprachklassen oder Sprachgruppen erhalten. Allein an den Grundschulen waren es laut Kultusministerium rund 2100. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 77 Lehrer zusätzlich eingestellt worden – weitere sollten folgen.

  • Schleswig-Holstein:

    Das Land hat laut Bildungsministerium die DaZ-Strukturen für Sprachförderung seit langem geschaffen. An mehr als 100 DaZ-Zentren im Land arbeiten demnach 358 zusätzlich ausgebildete Lehrkräfte, davon kamen in diesem Jahr 125 neu dazu. 728 neue Lehrerstellen wurden bis 2017 generell zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung beschlossen. Dazu gab es jetzt noch einen Zuschlag von 240 Stellen wegen der hohen Flüchtlingszahlen. Mit der Pensionierung bekommt jeder Lehrer einen Handzettel, mit dem die Bereitschaft zum Weiterarbeiten abgefragt und nachgefragt wird, ob eine Zusatzausbildung DaZ vorliegt. Mehr als 290 Lehrer stehen auch nach der Pensionierung zur Verfügung.

  • Thüringen:

    Das Land hat die Zahl seiner Lehrer aufgestockt. Neben den ohnehin für 2015 geplanten Neueinstellungen von 500 Pädagogen kamen 50 weitere für DaZ-Unterricht hinzu. Bis zum Frühjahr sollen 50 weitere Lehrer mit dieser Qualifikation eingestellt werden. Im Doppelhaushalt 2016/17 sind noch einmal 300 Lehrer eingeplant, um sich speziell um Flüchtlingskinder zu kümmern. (dpa)

In den meisten Bundesländern lernen die Kinder erst einmal in Vorbereitungsklassen Deutsch, unterrichtet von Ehrenamtlichen, von angehenden oder pensionierten Lehrern. In Rheinland-Pfalz etwa besuchen sie gleich die Regelschule und haben Deutschstunden extra. Viele Länder organisieren vermehrt Lehrerfortbildungen für „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ). Keine Probleme mit DaZ-Lehrern haben der dpa-Umfrage zufolge Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein - beide Länder bilden schon seit längerem dafür aus.

Auch die Lehrkräfte brauchen Hilfe

Zunehmend wird auch Supervision für extrem belastete Pädagogen angeboten. Im vorschulischen Bereich geht beispielsweise Sachsen mit „Willkommens-Kitas“ besonders auf die speziellen Bedürfnisse der Asylbewerberfamilien ein. Länder wie Bayern oder Hamburg starten Berufsausbildungsprojekte für jugendliche Flüchtlinge. Es gibt also in den Ländern schon viele gute Beispiele für den Umgang mit dem Kraftakt Bildungsintegration.

Umstritten ist, ob Flüchtlingskindern mit „Willkommensklassen“ am besten gedient ist – oder ob sie umgehend in die Regelklassen integriert werden sollten. Für den zweiten Weg plädiert „PISA-Papst“ Schleicher. Vorbereitungskurse, in denen Migrantenkinder quasi unter sich sind, seien für schnellen Spracherwerb auf Dauer „keine gute Lösung“. Wer aus seiner Heimat schon gute Mathe-Kenntnisse mitbringe, habe damit in einer Regelklasse rasch Erfolgserlebnisse und lerne dann dort zusätzlich im Kontakt mit deutschen Schülern die neue Sprache.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte der dpa, in den Willkomensklassen lägen „hohes Engagement und große Frustration sehr nah beieinander wegen des Drehtüreffektes. Es kommt auch keine Verbindung zustande zwischen den Lehrern an den verschiedenen Standorten.“ Meidinger geht davon aus, dass an den Regelschulen nicht einmal die Hälfte der Kinder angekommen ist – und dass bis zu 80 000 noch gar nicht registriert sind. Ohne die Einstellung zusätzlicher Lehrer auch nächstes Jahr werde sich „eine riesige Bedarfslücke“ auftun.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, konkretisierte dies im dpa-Gespräch: „Unsere Formel lautet: Auf 100 000 neue Schüler braucht man 8250 neue Lehrer.“ Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte im Oktober – noch auf Basis geringerer Asylbewerberzahlen – die Gesamtkosten der Länder für die Schulbildung von Flüchtlingskindern 2014/15 bereits auf mindestens 2,3 Milliarden Euro beziffert.

Die neue KMK-Präsidentin Claudia Bogedan (SPD) möchte in ihrer Amtszeit 2016 erreichen, dass alle 16 Länder Sprachförderung in den Mittelpunkt stellen. Wegen der vielen Flüchtlingskinder müsse es auch darum gehen, „neue Wege in das Lehramt zu schaffen – wie Seiteneinstiege für Leute, die sich nicht von Anfang an für eine Lehramtsausbildung entschieden haben“, sagte Bogedan der dpa.

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