mz_logo

Politik
Montag, 5. Dezember 2016 1

Flüchtlinge

Bildungsintegration wird zum Kraftakt

Die Länder bereiten sich auf hunderttausende von Flüchtlingskindern in den Schulen vor. Das wird teuer und aufwändig.
Von Ursula Mommsen-Henneberger und Werner Herpell, dpa

Martin Walter, Lehrer in Margetshöchheim (Bayern), übt mit den Flüchtlingskindern Ahmed (l-r), Ahmad und Muhammad deutsche Wörter und Begriffe. Foto: dpa

Berlin.„Wir können auch anders“ – dieser Filmtitel passt insgesamt zur Reaktion der 16 Bundesländer, um die enorme Herausforderung durch einige hunderttausend Flüchtlingskinder an deutschen Schulen 2016 zu bewältigen. Sonderprogramme in oft zweistelliger Millionenhöhe, zügige neue Unterrichtsangebote, unbürokratisches Vorgehen und ein intensives Werben um Lehrer jenseits bisheriger Normen – so versuchen die Ressortchefs, das in einer UN-Konvention verankerte Recht auf Bildung umzusetzen.

Dies geht aus einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den Bildungsministerien hervor. Klar wird dabei allerdings auch: Die Bundesländer verfolgen noch keine abgestimmte Strategie. So fordert eine Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung eine bundesweite Schulpflicht für Flüchtlingskinder – denn die gibt es bisher nicht in allen 16 Ländern. Gewerkschaften rufen die Kultusminister dazu auf, verstärkt auch ausscheidende oder ehemalige Pädagogen zu gewinnen, um den Lehrermangel abzumildern.

Geregeltes Lernen wird kaum möglich sein

Der Chefkoordinator der PISA-Bildungsstudien, Andreas Schleicher, mahnte im dpa-Gespräch, Deutschland müsse rasch die politischen Weichen stellen, um die Flüchtlingskinder gut zu integrieren. Dies sei kompliziert, aber angesichts der deutschen Erfolge nach dem „PISA-Schock“ vor 15 Jahren offensichtlich doch machbar. Schleicher: „Die Sprache des Ziellandes zu vermitteln – vor allem das muss geleistet werden, und zwar in relativ kurzer Zeit.“ Erst am Montag hatte die CSU eine verpflichtende Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen für Flüchtlinge gefordert.

Die Herkules-Aufgabe für rund 300 000 neu ins Land gekommene Flüchtlingskinder wird erschwert, weil diese oft weder Deutsch beherrschen noch die lateinische Schrift. Sie stammen aus gegensätzlichen Kulturen, haben sehr verschiedene Muttersprachen. Sie sind unterschiedlich alt, oft traumatisiert durch furchtbare Erlebnisse im Krieg. Sie warten in den Erstaufnahmeeinrichtungen ohne Unterricht – bis zu sechs Monate können sie laut Gesetz dort bleiben. Sie leben oft in Massenunterkünften wie Zelten oder Turnhallen und werden plötzlich anderen Orten zugewiesen. Wie soll da geregeltes Lernen möglich sein?

Wie die Länder die Bildung für Flüchtlingskinder regeln, lesen Sie hier:

In den meisten Bundesländern lernen die Kinder erst einmal in Vorbereitungsklassen Deutsch, unterrichtet von Ehrenamtlichen, von angehenden oder pensionierten Lehrern. In Rheinland-Pfalz etwa besuchen sie gleich die Regelschule und haben Deutschstunden extra. Viele Länder organisieren vermehrt Lehrerfortbildungen für „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ). Keine Probleme mit DaZ-Lehrern haben der dpa-Umfrage zufolge Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein - beide Länder bilden schon seit längerem dafür aus.

Auch die Lehrkräfte brauchen Hilfe

Zunehmend wird auch Supervision für extrem belastete Pädagogen angeboten. Im vorschulischen Bereich geht beispielsweise Sachsen mit „Willkommens-Kitas“ besonders auf die speziellen Bedürfnisse der Asylbewerberfamilien ein. Länder wie Bayern oder Hamburg starten Berufsausbildungsprojekte für jugendliche Flüchtlinge. Es gibt also in den Ländern schon viele gute Beispiele für den Umgang mit dem Kraftakt Bildungsintegration.

Umstritten ist, ob Flüchtlingskindern mit „Willkommensklassen“ am besten gedient ist – oder ob sie umgehend in die Regelklassen integriert werden sollten. Für den zweiten Weg plädiert „PISA-Papst“ Schleicher. Vorbereitungskurse, in denen Migrantenkinder quasi unter sich sind, seien für schnellen Spracherwerb auf Dauer „keine gute Lösung“. Wer aus seiner Heimat schon gute Mathe-Kenntnisse mitbringe, habe damit in einer Regelklasse rasch Erfolgserlebnisse und lerne dann dort zusätzlich im Kontakt mit deutschen Schülern die neue Sprache.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte der dpa, in den Willkomensklassen lägen „hohes Engagement und große Frustration sehr nah beieinander wegen des Drehtüreffektes. Es kommt auch keine Verbindung zustande zwischen den Lehrern an den verschiedenen Standorten.“ Meidinger geht davon aus, dass an den Regelschulen nicht einmal die Hälfte der Kinder angekommen ist – und dass bis zu 80 000 noch gar nicht registriert sind. Ohne die Einstellung zusätzlicher Lehrer auch nächstes Jahr werde sich „eine riesige Bedarfslücke“ auftun.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, konkretisierte dies im dpa-Gespräch: „Unsere Formel lautet: Auf 100 000 neue Schüler braucht man 8250 neue Lehrer.“ Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte im Oktober – noch auf Basis geringerer Asylbewerberzahlen – die Gesamtkosten der Länder für die Schulbildung von Flüchtlingskindern 2014/15 bereits auf mindestens 2,3 Milliarden Euro beziffert.

Die neue KMK-Präsidentin Claudia Bogedan (SPD) möchte in ihrer Amtszeit 2016 erreichen, dass alle 16 Länder Sprachförderung in den Mittelpunkt stellen. Wegen der vielen Flüchtlingskinder müsse es auch darum gehen, „neue Wege in das Lehramt zu schaffen – wie Seiteneinstiege für Leute, die sich nicht von Anfang an für eine Lehramtsausbildung entschieden haben“, sagte Bogedan der dpa.

Ein umfangreiches Themenspezial zu Flucht und Asyl finden Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht