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Politik
Sonntag, 25. September 2016 22° 1

Terror

Chronik eines angekündigten Alptraums

Die meisten Augenzeugen der Anschläge reagieren gefasst. Die belgischen Sicherheitsbehörden bieten ein Bild von Chaos.
von Daniela Weingärtner, MZ

„Nous sommes Bruxelles“ (Wir sind Brüssel) steht auf einer kleinen Flagge zwischen Blumen und Kerzen. Foto: dpa

Brüssel.Die meisten Brüsseler sind auf dem Weg zur Arbeit, als sie kurz nach acht Uhr morgens die Nachricht von einem Selbstmordattentat in der Abflughalle des städtischen Flughafens Zaventem erreicht. Eine Stunde später wird der mittlere Wagen einer U-Bahn beim Verlassen der Metrostation Maelbeek in die Luft gesprengt. Das ist die Station, die Mitarbeiter und Besucher der europäischen Institutionen benutzen, wenn sie im Europaviertel zu tun haben.

Natürlich reagieren viele Menschen geschockt. Das Handynetz bricht zusammen, weil sich viele versichern wollen, dass es ihren Liebsten gut geht. Doch das überwältigende Gefühl bei Augenzeugen und Beobachtern ist nicht etwa Entsetzen sondern eine sich entladende Spannung: Nun also ist es passiert.

Den Ernstfall hundertmal vorgestellt

Eine Stadt wird sich bewusst, dass sie seit Monaten, vielleicht seit Jahren, auf diese Nachricht gewartet hat. Den Bewohnern der Stadt wird klar, dass sie bei Metrofahrten, bei Besorgungen im Europaviertel oder einem Besuch des Nato-Hauptquartiers in ihrer Vorstellungswelt hunderte Male durchgespielt haben, was nun tatsächlich geschehen ist. Premierminister Charles Michel wird später am Tag sagen: „Was wir befürchtet hatten, ist eingetreten.“

Augenzeugen beschreiben zwar den Gestank von Schutt und Gipsstaub in der zerstörten Abflughalle des Flughafens. Bilder zeigen herunter gebrochene Deckenplatten, zerborstene Scheiben, herumliegende Koffer. Einige schildern die Orientierungslosigkeit in der mit Rauch gefüllten Halle, wo kurz vor acht im Abstand weniger Sekunden zwei Sprengkörper detonierten – einer vor dem Schalter der belgischen Fluglinie Brussels Airlines, der andere vor dem von American Airlines. Doch die meisten bleiben beim Erzählen ganz ruhig, wie betäubt, resigniert.

Auf dem Asphalt neben den geparkten Flugzeugen stehen viele Evakuierte reglos in Ferienkleidung neben ihrem Gepäck. Selbst diejenigen, die um ihr Leben rannten, die Tote und Verletzte gesehen haben, scheinen von einem Gefühl der Unvermeidlichkeit erfasst.

Lesen Sie hier den Kommentar von MZ-Politikchef Christian Kucznierz:

Kommentar

Blinde Flecken

Es gibt keine absolute Sicherheit vor dem Terror. Wer vorhat, unschuldige Menschen im Namen von wem auch immer zu töten, wird einen Weg finden, es zu tun....

Geisterstadt Europaviertel

Den ganzen Tag über zeigen die Fernsehsender Bilder der abgesperrten vierspurigen Verkehrsachse durchs Europaviertel, wo sich an anderen Tagen bis in die Nacht die Autos zwischen Ratsgebäude, EU-Kommission und Europaparlament bis in die Innenstadt drängen.

Ein Handyfoto des völlig zerstörten Waggons und Aufnahmen von Verletzten, die auf dem Bürgersteig am Ausgang der Metrostation versorgt werden, laufen in Endlosschleife. Ein Augenzeuge berichtet, wie nach der Explosion und dem folgenden Stromausfall jemand die Schiebetüren des letzten Wagens auseinander zwang, der sich noch im Bahnhofsbereich befand. Auf einem Amateurvideo ist zu sehen, wie Menschen im Dunkeln herausklettern, ein kleines Mädchen weint laut. Während die meisten sich über die Bahnhofstreppe nach oben kämpfen, wählt eine kleine Gruppe den unterirdischen Weg über die Gleise zur nächstgelegenen Station Schuman.

Hier befindet sich das Herz des Europaviertels. Die Haltestelle und der darüber liegende Kreisverkehr sind nach Robert Schuman benannt, einem Gründungsvater der EU. Rats- und Kommissionsgebäude liegen an diesem Platz. Kurz nach Zwölf betritt der Sprecher des Kommissionspräsidenten den Pressesaal. Nur wenige Journalisten sind im Raum, denn der öffentliche Nahverkehr ist inzwischen vollständig gestoppt. Polizeisprecher rufen die Bevölkerung auf, ihre Häuser und Büros nicht zu verlassen und statt Handys soziale Netzwerke oder Textnachrichten zu nutzen, um das Netz nicht zu blockieren. Um 11 Uhr 16 hatte Facebook den „Safety Check“ für Brüssel aktiviert, mit dem man seinen Freunden sagen kann: „Ich bin in Sicherheit“.

Erschütternde Bilder von den Anschlagsorten in Brüssel:

Terroranschläge erschüttern Brüssel.

Der Kommissionssprecher erklärt, man werde „ruhig und nüchtern“ auf die Anschläge reagieren. Präsident Juncker und die für Katastrophenschutz zuständige Kommissarin Georgieva seien seit den frühen Morgenstunden im Gebäude und damit beschäftigt, die Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Juncker habe bereits mit dem belgischen Innenminister Jambon sowie mit Parlamentspräsident Schulz, Angela Merkel und Francois Hollande telefoniert. „Wir fühlen uns weiterhin sicher, wir setzen unsere Arbeit fort. Das Kollegium wird morgen wie üblich zusammentreten“, erklärt der Sprecher. „Die Sicherheit liegt bei den belgischen Behörden.“

Wenig später werden der Brüsseler Justizpalast und das föderale Parlament evakuiert. Die „Freie Universität Brüssel“ schickt alle nach Hause und schließt ihre Pforten bis zum Wochenende. Laut Eilmeldung wird ebenfalls das Atomkraftwerk Tihange nahe Lüttich geräumt, und viele fragen sich, wie das bei vollem Betrieb möglich ist.

Die Meldung wird Stunden später dementiert. Auch im Gebäude der EU-Kommission geht es chaotisch zu. Nach der Mittagskonferenz versperrt der private Sicherheitsdienst alle Ausgänge. Kurzzeitig sitzen die Journalisten fest und fühlen sich in der Falle. Niemand kann eine Logik dahinter erkennen, dass manche Gebäude geräumt werden, sämtliche Schulen und die EU-Institutionen hingegen abgeriegelt. Gegen 15 Uhr wird gemeldet, auch das Kommissionsgebäude sei nun geräumt. Pressekonferenzen für den kommenden Tag werden abgesagt. Doch Kommissionsmitarbeiter widersprechen auf telefonische Nachfrage. Die Büros seien normal besetzt, niemand werde nach Hause geschickt.

Lesen Sie hier: Was wir wissen – und was nicht

Grenzen abgeriegelt

Ähnlich wie nach den Pariser Anschlägen wirkt die Reaktion der belgischen Sicherheitsbehörden widersprüchlich, konfus und unkoordiniert. Seit November, spätestens aber seit der Verhaftung Salah Abdeslams am letzten Wochenende in Molenbeek, rechnen in Brüssel viele mit dem Schlimmsten – nur Politik und Polizei scheinen überrumpelt und überfordert zu sein. Der französische Innenminister bringt seine Sympathie zum Ausdruck, erklärt aber gleichzeitig, die französischen Grenzen zu Belgien würden abgeriegelt – als könne man so Chaos und Terror im Nachbarland von sich fernhalten.

Die Brüsseler verkriechen sich in ihren Wohnungen und Büros, und auch die Europäer schotten sich gegeneinander ab. Erste politische Trittbrettfahrer melden sich zu Wort. Marine Le Pen, Führerin der rechtspopulistischen FN, twittert: „Grenzen dicht!“

Es ist die Stunde der Vereinfacher. Europas Außenministerin Mogherini hingegen versucht Augenmaß zu behalten, als sie bei einer Pressekonferenz in Jordanien sagt: „Wir sind vereint, nicht nur in unseren Opfern, sondern auch darin, auf diese Tat zu reagieren und gemeinsam Radikalisierung und Gewalt zu verhindern.“ Dann aber verliert sie die Fassung und birgt ihren Kopf an der Schulter des jordanischen Außenministers.

Am Abend rätseln die Terrorexperten der TV-Sender noch, ob die Anschläge als Rache auf Abdeslams Festnahme zu werten sind oder ob sie schon länger und unabhängig davon geplant waren. Sicher ist nur, dass die Erleichterung über die Verhaftung des flüchtigen Abdeslam neuer Angst gewichen ist.

In unserem NewsBlog können sie die Entwicklungen in Brüssel live verfolgen!

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