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Politik
Montag, 25. September 2017 20° 3

Kommentar

Das Gute im Menschen

Ein Kommentar von Holger Schellkopf, MZ

Der Anlass ist ein erfreulicher, wenigstens dafür lässt sich eine beschlussfähige Mehrheit herbeiführen: Mark Zuckerberg ist Papa geworden. Und wie schon Franz Beckenbauer verkündete: Der Herrgott freut sich über jedes Kind.

Für Facebook-Gründer Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan war die Geburt des Töchterchens aber auch Anlass, um ihr einen Brief zu schreiben. Ein Brief, der auch an die Welt geht. Schließlich versprechen die Eltern darin, im Laufe ihres Lebens 99 Prozent der in ihrem Besitz befindlichen Facebook-Aktien für karitative Zwecke auszugeben. Nach aktuellem Stand geht es hier um einen Wert von rund 45 Milliarden Dollar.

Eine Diskussion, die zu einem guten Teil auch typisch deutsch ist

Genau an dieser Stelle entwickelt sich eine Diskussion, deren eigentlicher Kern weit über den Fall Zuckerberg hinaus geht. Eine Diskussion, an der sich gleich eine ganze Handvoll aktueller Probleme unserer Gesellschaft ablesen lässt – und die, man muss es leider so sagen, zu einem guten Teil auch typisch deutsch ist.

Es geht darum, dass wir, statt die positiven Dinge wahrzunehmen, lieber nach negativen Aspekten suchen – und im Zweifelsfall alles Ungewisse einfach negativ auslegen. Am Beispiel Zuckerberg bringt das im ersten Schritt das dumpfe Totschlag-Argument: dem bleibt ja immer noch unendlich viel. Stimmt, um genau zu sein sind es wohl so um die 400 Millionen Dollar. Doch was ändert das daran, dass sich hier zwei sehr reiche Menschen allem Anschein nach dazu entschlossen haben, mit ihrem Reichtum sinnvolle Sachen anzustellen?

Stufe zwei der Negativ-Interpretation, im Grad der Unterstellung eine Spur härter, besteht in der Vermutung, dass Zuckerberg hier nur ein gigantisches Steuerspar-Modell unter dem Schleier der Wohltätigkeit verstecken will. Schließlich geht das Geld ja nicht in eine Stiftung oder wird gespendet, sondern in die Chan Zuckerberg Initiative, die zunächst mal eine Gesellschaft unter der Kontrolle von Mark Zuckerberg ist. Die Initiative kann mit dem Geld anstellen, was sie will. Im Übrigen geschieht das längst. Im vergangenen Monat hat sie beispielsweise 20 Millionen Dollar für den Anschluss amerikanischer Schulen an schnelles Internet gegeben oder auch fünf Millionen, um Einwanderern den Besuch eines College zu ermöglichen. Nicht unbedingt die Lösung der Probleme des Planeten, aber auch nicht übel.

Fühlen wir uns weniger schlecht, wenn wir vor allem das Schlechte in anderen Menschen sehen?

Was ist es also, das am Ende so viele Menschen sicher sein lässt, Zuckerberg und seine Frau hätten gar nicht vor, ihren Reichtum für wirklich sinnvolle Dinge zu investieren? Haben wir einfach verlernt, auch mal an das Gute im Menschen zu glauben? Haben wir verlernt, Hoffnung zu haben? Fühlen wir uns vielleicht weniger schlecht, wenn wir vor allem das vermeintlich Schlechte in anderen Menschen sehen? Vielleicht ist es ja auch einfach nur die Ungewissheit gegenüber dem Unbekannten, die solche Reaktionen hervorruft.

Diese Mechanik greift inzwischen an vielen Stellen des öffentlichen Diskurses. Auch und gerade bei der Diskussion über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Statt anzunehmen, dass diese Menschen sehr wohl zu schätzen wissen, wo sie angekommen sind, wird an vielen Stellen unterstellt, sie wollten das Land ändern, ausbeuten, terrorisieren. Das Ganze geht meist einher mit einem „Ich weiß es besser“-Duktus, der sich von Fakten gar nicht beeinflussen lassen will.

Wir sollten die Chance sehen und nicht das Problem suchen

Das gilt auch im Fall Zuckerberg. Fakt ist, dass er öffentlich verkündet hat, seinen Reichtum für gute Zwecke zu verwenden – und dabei öffentlich überwacht werden wird. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, auch mal an das Gute im Menschen zu glauben. Vielleicht sollten wir einfach die Chance sehen und nicht das Problem suchen.

Lesen Sie hier alle Details zur Initiative von Mark Zuckerberg und Priscilla Chan.

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