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Politik
Freitag, 1. Juli 2016 28° 1

Interview

„Das hat mit Menschenwürde nichts zu tun“

Behindertenbeauftragte Verena Bentele spricht mit MZ-Reporter Reinhard Zweigler über Schranken für Menschen mit Handicap.

Verena Bentele ist die Behindertenbeauftragte des Bundes. Foto: dpa

Berlin.Frau Bentele, Behinderte, die Eingliederungshilfe bekommen, dürfen nur 2600 Euro auf ihrem Konto behalten, alles darüber wird angerechnet. Was hat das mit der Würde von Behinderten zu tun?

Gar nichts und deshalb kämpfe ich darum, diese gesetzliche Regelung aufzuheben. Mir ist wichtig, dass Leistungen für Behinderte unabhängig von Einkommens- und Vermögensgrenzen bezahlt werden. Wenn Menschen mit Behinderung, die einen hohen Assistenzbedarf haben, nicht mehr als 2600 Euro auf dem Konto haben dürfen, dann können sie keine Rücklagen bilden, nicht für Auto, Urlaub, Wohnung oder für die Ausbildung der Kinder sparen. Zudem wird noch das Einkommen des Partners angerechnet. Das alles hat mit Menschenwürde und einem selbstbestimmten Leben nichts zu tun. Der Grundsatz, Leistung muss sich lohnen, muss auch für Menschen mit Behinderung gelten.

Was wird sich mit dem geplanten neuen Teilhabegesetz für Behinderte ändern?

Ich hoffe viel. Die Menschen mit Behinderung warten seit Jahrzehnten auf ein solches Gesetz. Wir sprechen mit Verbänden, Ministerien, Landesbehindertenbeauftragten, um deren Ideen einzubeziehen. Ich plädiere für mehr und einkommensunabhängige Leistungen sowie eine individuelle Bedarfsermittlung. Wichtig sind auch eine möglichst unabhängige Beratung und klare Zuständigkeiten für die Belange der Betroffenen, vor allem weniger Bürokratie. Es darf nicht sein, dass die Menschen mit Behinderung von einem Amt zum nächsten geschickt werden, wenn sie neue Hilfsmittel, etwa einen neuen Rollstuhl oder Rehabilitation brauchen.

Kann ein anderer Umgang mit Behinderten per Gesetz verordnet werden?

Ein Gesetz allein schafft das sicher nicht. Aber es ist eine unverzichtbare Grundlage. Die entsprechenden Rahmenbedingungen sind dringend notwendig, wenn Lebensbedingungen sich verbessern sollen.

Behinderte sind, selbst wenn sie ausgezeichnet qualifiziert sind, häufiger arbeitslos als nichtbehinderte Menschen. Woran liegt das?

Eine Ursache liegt wahrscheinlich darin, dass Chefs bei Menschen mit Behinderung zuerst deren Handicap sehen, nicht deren Möglichkeiten. Es gibt die Barriere im Kopf, dass Arbeitnehmer, die im Rollstuhl sitzen, die nicht sehen oder nicht hören können, eher als Belastung angesehen werden. Den Betroffenen bleibt dann häufig nur die Behindertenwerkstatt. Aber dass ein Lehrer im Rollstuhl guten Unterricht erteilen und Kindern eine ganz andere Perspektive vermitteln kann, wird nicht gesehen. Dass Menschen mit einem Down-Syndrom mit ihrer Offenheit und Kontaktfreude eine Bereicherung für jedes Team sein können, wissen viele nicht. Schauen sie doch nur, wozu behinderte Sportler in der Lage sind.

Mehr Teilhabe von Behinderten wird zurzeit vor allem am Thema Inklusion in Schulen diskutiert. Was halten Sie von den Bedenken, die vor allem Eltern von nichtbehinderten Kindern gegen den gemeinsamen Unterricht haben?

Dass etwa 7,5 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland zusammen mit nichtbehinderten Menschen leben, ist einfach ein Fakt. Je früher Kinder mit der Unterschiedlichkeit von Menschen umzugehen lernen, umso besser. Für beide Seiten. Außerdem: Ich beispielsweise bin eine von gerade mal vier Prozent der Menschen mit Behinderung, die mit dem Handicap zur Welt kamen. Die anderen bekommen die Behinderung im Laufe des Lebens. Es kann jeden treffen.

Wie sehr ärgert Sie, dass viele Internetseiten, auch von Ministerien, nicht gerade behindertenfreundlich sind?

Das ärgert mich sehr. Erstens haben wir die UN-Behindertenrechtskonvention im vollen Bewusstsein ratifiziert. Zweitens müssen öffentliche Einrichtungen Vorbild für private Anbieter sein. Bilder für blinde Nutzer beschriften oder etwa Gebärdensprachvideos können ohne all zu großen Aufwand umgesetzt werden.

Sie sind zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon und Skilanglauf. Braucht Deutschland wirklich Olympische Sommerspiele, egal ob in Hamburg oder Berlin?

Ich habe für Olympische und paralympische Winterspiele 2018 in München gekämpft. Leider hat das nicht geklappt. Nun will ich die Spiele 2024 oder 2028 in Deutschland. Das wäre für mich als ehemalige Behindertensportlerin ein Traum und etwas ganz Besonderes. Mit einem solchen Großereignis ist auch die Chance verbunden, die ganze Infrastruktur, Sportstätten, Hotels, den Nahverkehr, barrierefrei zu gestalten. Das bleibt auch nach den Spielen.

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