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Politik
Freitag, 24. November 2017 13° 3

Kommentar

Das Schweigekartell

Ein Kommentar von Marianne Sperb, MZ

Mit jüdischen Witzen kommt man meiner Erfahrung nach ganz gut durchs Leben. Einer geht so: Sarah und Jakob liegen im Bett. Jakob wirft sich hin und her, bis Sarah genervt fragt, was los ist. Jakob sagt: Ich schulde unserem Nachbarn Salomon Geld und ich weiß, ich kann es ihm nicht zurückzahlen. Sarah schlägt die Bettdecke zurück, geht zum Fenster, reißt es auf und ruft: Salomon, Jakob kann dir dein Geld nicht zurückzahlen! Sie legt sich wieder hin und sagt: So, Jakob, jetzt kannst du schlafen. Aber Salomon nicht mehr.

Die Reaktion auf diese Pointe ist normalerweise ein befreites Lachen. Genau am anderen Ende der Gefühlsskala bewegt sich die Reaktion auf die sexuellen Übergriffe, Demütigungen, und Vergewaltigungen, die Schauspielerinnen dem Produzenten Harvey Weinstein vorwerfen. Entsetzen und Abscheu sind die Antwort auf den vermuteten jahrelangen ungenierten Machtmissbrauch des mächtigen Filmbosses. Trotzdem haben die kleine weise Story und der große schmutzige Skandal einiges miteinander zu tun, nicht nur wegen des Settings in einem Schlafzimmer.

Wir lernen eine Menge aus dem Fall Weinstein und von Jakobs Geschichte: Menschen, die sich schämen, neigen dazu, in einer unerträglichen Lage zu verharren, statt zu handeln. Sie quälen sich im dumpfen Mief ungelüfteter Geheimnisse, statt das Fenster aufzureißen. Und: Jeder Mitwisser, der schweigt, steckt letztlich mit dem Täter unter einer Decke.

Das System Weinstein konnte funktionieren, weil Hollywood weggeschaut hat, bis endlich einige mutige Frauen das Fenster weit geöffnet haben. Sie können jetzt besser schlafen – aber Harvey Weinstein nicht mehr.

Der Hashtag #metoo entwickelt sich zu einer der global erfolgreichsten Initiativen in den sozialen Netzwerken. Zigtausende Reaktionen gingen ein. Immer neue vermutliche Opfer melden sich. Kaum ein Star versäumt es, seine Solidarität zu bekunden. Aber nur wenige Figuren Hollywoods zeigen die Einsicht und den Schneid, ihre eigene Rolle im Schweigekartell zu benennen. Drehbuchautor Scott Rosenberg ist einer dieser wenigen. Er wandte sich auf Facebook an „die großen“ Produzenten, Regisseure, Agenten, Finanziers, Schauspieler, Models, Journalisten, Autoren, Rockstars, Gastronomen und Politiker: „Verdammt noch mal, jeder wusste es.“

Die Offenheit, mit der missbrauchte Frauen jetzt über das System Weinstein in Hollywood schreiben, ermutigt andere Frauen aus anderen Systemen. Schwedens Außenministerin Margot Wallström berichtete über sexuelle Gewalt „auf höchster politischer Ebene“, 2014 bei einem Dinner von Staats- und Regierungschefs. Mac-Kaula Maroney, US-Olympiasiegerin im Turnen, schilderte jahrelangen Missbrauch durch den Teamarzt.

Scham, Schweigen und Lüge gehen Hand in Hand. Die Region Regensburg hat diese Erfahrung intensiv in der Aufarbeitung der sadistischen und sexuellen Übergriffe bei den Domspatzen gemacht. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Gesellschaft lernt, wie wichtig es ist und wie gut es letztlich tut, das Fenster aufzureißen. Und sie hat mit den sozialen Netzwerken heute auch die Mittel, schnell und weltweit Missstände aufzudecken und solidarische Mitstreiter zu finden.

Die Welle rollt. Das ist gut – und zugleich gefährlich. Auf der Woge können auch Diffamierung und Verleumdung reiten. Erste Stimmen warnen vor einer Hexenjagd. Mächtige Männer wie Harvey Weinstein können üble Sextäter sein. Macht trägt im Kern die Gefahr zu Machtmissbrauch in sich. Aber auch die sozialen Netzwerke sind mächtig und damit gefährlich. Auch diese Erkenntnis gehört dazu, wenn man das Fenster aufreißt.

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