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Politik
Samstag, 28. Mai 2016 26° 3

Interview

Der Papst gab ihm sogar seine Wohnung

Glaubenspräfekt Gerhard Ludwig Müller ist in Rom gut angekommen. Den Piusbrüdern zeigt er im Interview mit Christine Schröpf erste Grenzen auf.

  • Gelöst und locker: Erzbischof Gerhard Ludwig Müller scherzt bei seiner Rückkehr auch über eigene kleine Schwächen. Foto: altrofoto.de
  • Erzbischof Gerhard Ludwig Müller im Gespräch mit Christine Schröpf Foto: altrofoto.de
  • In Rom steht der Glaubenspräfekt vor wichtigen Entscheidungen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Locker und gelöst kehrt Erzbischof Gerhard Ludwig Müller knapp eine Woche nach seiner Ernennung zum Präfekten der römischen Glaubenskongregation ins Bistum Regensburg zurück. Eine Serie von Interviews für Journalisten stehen am Freitag auf der Agenda: zur Befreiungstheologie, den Piusbrüdern und zur Lage wiederverheirateter Geschiedener. Minenfelder für einen Kirchenmann, der nun in der Vatikan-Reihenfolge auf Platz 3 gerückt ist.

Erzbischof Müller, zunächst einmal Gratulation zur neuen Aufgabe. Seit wann wussten Sie über Ihre Berufung Bescheid?

Definitiv gewusst habe ich es am 16. Mai, als der Heilige Vater mich zu sich einbestellt hat.

Hat Ihr Eintreten für die Befreiungstheologie Ihre Ernennung gefährdet?

Das weiß ich nicht. Wenn man den katholischen Glauben kennt, weiß man, dass die Sozialverpflichtung, die Weltverantwortung, die Liebe zu den Armen wesentlich dazugehört. Befreiungstheologie ist ein großes Wort – aber jede christliche Theologie hat etwas mit der Freiheit des Menschen zu tun. Auch in Südamerika geht es in diesem Kontext um theologische Fragen: Angesichts des Elends und der Entwürdigung, die sich viele Menschen bei uns sich gar nicht vorstellen können, angesichts dieses schreienden Unrechts, können wir nicht einfach mit einem frommen Augenaufschlag darüber hinweggehen. Glauben und das Gute tun gehören zusammen. Das sind die zwei Seiten einer Münze.

Da sind Sie mit dem Papst einer Meinung? Vollkommen einer Meinung. Er hat ja als mein Vorvorgänger in der Glaubenskongregation nicht die Befreiungstheologie in ihrer Gänze in Frage gestellt, sondern einige Aspekte, was ich voll unterstreiche. Befreiungstheologie ist nicht etwa eine lockere Mischung aus Kommunismus und katholischem Glauben. Theologie, wenn sie katholisch sein will, muss aus dem Eigenen heraus eine Antwort finden. Die Soziallehre der katholischen Kirche hat sich als der marxistischen Analyse weit überlegen erwiesen. Wir wollen keine Gesellschaft, die in Reich und Arm getrennt ist, und in der die einen Zugang zu Bildung haben, und die anderen nicht. Arbeitnehmer und Arbeitgeber dürfen nicht gegeneinander auftreten als reine Interessengruppen, sondern sie sind alle dem Gemeinwohl verpflichtet. Auch gegenüber der um sich greifenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche müssen wir kritisch sein: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, und nicht umgekehrt.

Man hat Sie wegen solcher Worte zum Liberalen erklärt. Hat Sie das überrascht?

Na ja. Der Heilige Thomas von Aquin sagt schon „Deus maxime liberalis est – Gott ist der größte Liberale“. Im ursprünglichen Sinn heißt liberalis ,freigiebig und großzügig‘. In dem Sinn bin ich gern ein Liberaler.

Sie haben die Piusbrüder immer sehr kritisch gesehen. Nun sind Sie als Glaubenspräfekt für die Wiederaufnahme der abgefallenen Bruderschaft in den Schoß der Kirche zuständig. Wie schwierig ist das?

Der Umgang des Vatikan mit den Piusbrüdern ist freundlich, christlich und mitmenschlich, aber klar in der Formulierung. Wer wieder katholisch werden will, muss die Autorität des Papstes und der Bischöfe anerkennen. Niemand darf meinen, dass er der katholischen Kirche eigene Vorstellungen aufdrängen kann. Die Gespräche in Rom sind nicht Verhandlungen zwischen zwei Parteien. Keine Fraternität kann der Kirche Bedingungen stellen.

Die Verhandlungen der Piusbrüder mit dem Vatikan ziehen sich seit Januar 2009 hin. Wie lange bekommen sie noch Zeit?

Irgendwann kommt der „Point of no Return“ (Punkt ohne Wiederkehr) und man muss sich entscheiden: Will man die Einheit mit der Kirche? Dazu gehört das formale und inhaltliche Akzeptieren des Zweiten Vatikanischen Konzils, sowie der vorherigen und nachfolgenden Erklärungen und Entscheidungen des Lehramtes. Daran führt kein Weg vorbei.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist Hauptkritik der Piusbrüder – auch die Erlaubnis für Messen in der Landessprache, statt auf Latein. Gibt es Spielräume?

Was zugestanden werden kann, ist das, was sowieso in die Vielfalt des katholischen Glaubens und Lebens hineingehört. Die Liturgiereform durch das Zweite Vatikanische Konzil war sachlich richtig und notwendig. Man kann nicht dagegen polemisieren, weil es auch Missbräuche gibt.

Von den Piusbrüdern wurden Sie gerade wieder als Häretiker bezeichnet, also als einer, der vom Glauben abgefallen ist.

Ich muss nicht auf jede Dummheit eine Antwort geben.

In Deutschland wird über den Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener diskutiert. Was sagen Sie dazu?

Dasselbe wie der Papst. Die Lehre ist ganz klar: Eine gültig geschlossene Ehe unter Christen ist unauflöslich und umfasst das Versprechen der lebenslangen Treue. Wir müssen auch die Verletzungen bei Kindern aus geschiedenen Ehen sehen. Sie sind tief empört, wenn plötzlich ein Elternteil weg ist und ein fremder Mann oder eine fremde Frau in der Wohnung sitzt. Wir müssen deshalb eine Mentalität hinterfragen, die das Versprechen der Ehe- und Familiengründung zu locker sieht.

Es gibt kein Entgegenkommen?

Wir sehen auch die schwierige Situation der betroffenen Eheleute in einem Gemenge von Schuld, die nicht immer gleich verteilt ist. Der Ortspfarrer kann in der Beurteilung der einzelnen Situation Gründe sehen, darauf einzugehen. Es gibt aber zu Unrecht die Einschätzung: Wenn ich nicht zur Kommunion gehen kann, bin ich umsonst in der Kirche. Das ist aber nicht der ganze katholische Glaube. Der zentrale Teil der Messe ist das Hochgebet und das Heilsmysterium Jesu Christi. Wir sind zur Mitfeier der Heiligen Messe verpflichtet, aber nicht jedes Mal zum Kommunionempfang, obwohl die häufige Kommunion sinnvoll und gewünscht ist.

Sie stärken die deutsche Fraktion in Rom. Was bedeutet das für den Nationenmix?

In der Glaubenskongregation arbeiten etwa 15 Nationen zusammen. Wir sind Weltkirche, deshalb ist es ein buntes Völkchen mit vielen Sprachen. Die Sprachen trennen uns nach dem Pfingstereignis aber nicht, sondern führen uns im Geist Gottes zusammen. Ich bin trotzdem dankbar, dass der liebe Gott es so gefügt hat, dass ich in die deutsche Sprache und Kultur hineingewachsen bin. Aber natürlich ist das nicht als naiver Patriotismus zu verstehen – oder als Konkurrenzdenken in dem Sinne, wer nun besser ist.

Nach Ihrem Weggang wird in Regensburg ein Bischofsnachfolger gesucht. Auch Passau wird vakant. Wie werden Sie sich offen oder hinter den Kulissen einschalten?

Bischofsbesetzungen sind eine wichtige Sache. Das ist aber kein Machtkampf hinter den Kulissen, wie das oft so dargestellt wird. Wenn es um Personen geht, muss es diskret zugehen. Das hat nichts mit Geheimnistuerei zu tun.

Was muss ein Regensburger Bischof mitbringen?

Für das Bischofsamt muss man geeignet sein oder für geeignet befunden werden. Obwohl es nie die Idealbesetzung geben kann, weil wir Menschen immer als Mischung aus Ideal und anschaulicher Realität durch das Leben gehen. Aber er muss natürlich klar auf dem Boden des katholischen Glaubens stehen und Glauben auch verkünden können. Er muss Leitungskompetenz haben oder erwerben. Als Persönlichkeit muss er auch ein bisschen etwas einstecken können, ohne gleich bei jedem Lüftchen eine Erkältung zu bekommen. Das Bischofsamt bedeutet auch Auseinandersetzungen. Der verständliche menschliche Wunsch, der von allen anerkannte nette Onkel zu sein, ist nicht die beste Voraussetzung für eine gute Ernennung.

Rechnen Sie mit einer sehr langen Übergangszeit in Regensburg?

Ich hoffe, dass es noch in diesem Jahr entschieden wird. Im August und September sind erst einmal Ferien, aber danach wird das Prozedere voll in die Gänge kommen.

Gibt es geeignete Kandidaten?

Daran mangelt es nicht. Man muss sie auch mit Blick auf den Katholikentag 2014 in Regensburg betrachten.

Spekuliert wird über den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke, über den Augsburger Weihbischof Anton Losinger, den Gründungsdirektor des Instituts Papst Benedikt Rudolf Voderholzer und den Direktor des Wallfahrtsortes Maria Vesperbild, Wilhelm Imkamp. Wer ist Favorit?

Zu Namen sage ich lieber nichts. Ich bin es auch nicht, der den neuen Bischof ernennt. Das läuft über die Nuntiatur in Deutschland. Aber natürlich wird man mich fragen. Es ist wichtig, dass die Kontinuität gewahrt wird. Es gibt objektive Linienführungen, die schon durch meinen Vorgänger Bischof Manfred Müller begonnen worden sind – sei es auf dem Sektor der Schulen, bei den Domspatzen, bei den vielen caritativen Verbänden oder bei unserer Tätigkeit für Behinderte. Das dürfen wir in keinster Weise zurückschrauben.

In der Zwischenzeit führt Dompropst Wilhelm Gegenfurtner als „Übergangsbischof“ die Geschäfte. Hat Sie seine Wahl durch das Domkapitel überrascht?

Ich glaube, da waren wir alle überrascht.

Zum Schluss private Fragen: Wie kam es dazu, dass der Papst Ihnen seine alte Kardinals-Wohnung in Rom überließ?

Ich glaube, da waren alle erstaunt. Aber der Papst hat spontan mitgeteilt, dass er mir die Wohnung anvertraut – auch die Bücher, die noch dort sind, und manche andere Dinge. Die werden seinem Wunsch gemäß unserem „Institut Papst Benedikt“ in Regensburg zur Verfügung gestellt, das für die Herausgabe der Werke Joseph Ratzingers zuständig ist.

Darf er Sie in seiner alten Wohnung besuchen?

Ich bitte darum.

Bleiben Sie trotz Ihres Romwechsels Regensburger?

Ich bin Bischof emeritus von Regensburg. Insofern ist das Bistum meine Heimat. Wenn ich nach Deutschland komme, bleibt es mein erster Anlaufpunkt.

Sie sind ein großer Fußballfan und wurden in Regensburg mehrfach beim SSV Jahn gesichtet. Suchen Sie sich in Italien einen neuen Klub – etwa den Lazio Rom?

Ich bin Mitarbeiter der Kurie, aber nicht Bischof von Rom, deshalb muss ich nicht zu den italienischen Mannschaften gehen. Wenn es sich bei Heimatbesuchen ergibt, bleibe ich dem SSV Jahn treu.

Seit einer Woche sind Sie Erzbischof. Wann werden Sie Kardinal?

Das weiß nur der Heilige Vater.

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