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Politik
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Verkehr

Des einen Leid, des anderen Foto

Auch in der Oberpfalz stören Gaffer Rettungsarbeiten. Mit einem Wasserstrahl wollen die Feuerwehren aber nicht arbeiten.
Von Isolde Stöcker-Gietl und Wolfgang Ziegler, MZ, und Linda Vogt, dpa

Inzwischen arbeiten Feuerwehren mit mobilen Sichtschutzwänden, um die Rettungsarbeiten vor den Blicken der Gaffer abzuschirmen.Foto: dpa

Weibersbrunn.Die Strafen steigen, in Bayern werden inzwischen mitunter sogar mobile Sichtschutzwände in Stellung gebracht – aber alle Maßnahmen gegen Gaffer zeigen bislang keinen durchschlagenden Erfolg. Nach einem schweren Unfall auf der A3 im Landkreis Aschaffenburg ergriff ein Feuerwehrmann am vergangenen Donnerstag nun die Initiative. Er bespritzte die Schaulustigen mit seinem Schlauch. Die Polizei kritisiert diese Aktion, die nicht abgesprochen gewesen sei. „Für die Unterbindung und Ahndung bei Verkehrsbehinderungen sind ausschließlich wir zuständig“, betonte ein Sprecher des unterfränkischen Präsidiums.

Das Präsidium Oberpfalz in Regensburg geht noch einen Schritt weiter: „Man muss sich anschauen, welche Ermächtigung der Feuerwehrmann überhaupt hatte und auf welcher Grundlage er handelte“, sagte Pressesprecher Albert Brück der Mittelbayerischen Zeitung. Außerdem sei zu klären, welche Straftat der Gaffer bzw. Smartphone-Filmer begehe. Das sei beim Fahrer noch recht einfach, aber wie macht sich ein filmender Beifahrer strafbar?, fragte er.

Bei den Feuerwehren in der Oberpfalz und im Landkreis Kelheim will man das Vorgehen des Feuerwehrmanns nicht kommentieren. Es sei nicht geplant, in ähnlichen Fällen auch auf diese Weise zu reagieren, heißt es unisono. Der Schwandorfer Kreisbrandrat Robert Heinfling zeigt aber durchaus Verständnis für die drastische Maßnahme. „Ob es das richtige Mittel war, sei mal dahingestellt, aber zumindest wurde gehandelt. Die Leute kapieren es ja sonst einfach nicht.“ Dem pflichtet der Regensburger Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer bei: „In jedem Fall trägt es dazu bei, die Leute wachzurütteln.“ Heinfling und Scheuerer haben selbst bei Einsätzen immer wieder mit Gaffern zu tun. „Auf der A3 bei Rosenhof ist ein Autofahrer im Gegenverkehr einfach auf der Überholspur stehengeblieben, um einen Unfall zu filmen. Wenn man so etwas sieht, dann hält man das Vorgehen in Weibersbrunn schon für gerechtfertigt“, sagt Scheuerer.

Helfer fehlen an anderer Stelle

Im Raum Regensburg führen einige Feuerwehren inzwischen mobile Sichtschutzwände mit, um den Unfallort abzuschirmen. Auch bei einigen Autobahnmeistereien sind seit rund drei Monaten solche Stellwände eingelagert. Doch es dauere oft viel zu lange, bis diese vor Ort seien, sagt Scheuerer. Der Kelheimer Kreisbrandrat Nikolaus Höfler spricht vor allem das Personalproblem bei den Einsätzen an. „Egal, mit welchen Maßnahmen wir uns der Gaffer erwehren, es bindet immer Einsatzkräfte, die an anderer Stelle gebraucht werden.“ Dies sei vor allem tagsüber schwer zu kompensieren.

Beim Innenministerium schätzt man den Zwischenfall auf der A3 als „Notlösung“ ein – als unkonventionelle obendrein. Nach dem Bayerischen Feuerwehrgesetz haben Einsatzkräfte allerdings durchaus die Befugnis, Personen von Unfallstellen zu verweisen – auch unter Einsatz unmittelbaren Zwangs, so der Sprecher.

Dem widerspricht die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Feuerwehr habe Aufgaben übernommen, die eindeutig bei der Polizei liegen, sagte ein Sprecher. „Es muss klare Abläufe an der Unfallstelle geben.“ Eigentlich sind Feuerwehrleute für den Brandschutz verantwortlich, kümmern sich um Verletzte oder Eingeklemmte. Häufig unterstützen sie auch die Polizei bei der Sicherung der Unfallstelle und der Verkehrslenkung.

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„Das war natürlich keine geplante Aktion“, erklärte Otto Hofmann, der den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren bei Weibersbrunn im Landkreis Aschaffenburg geleitet hatte. „Dem Feuerwehrmann ist halt der Kragen geplatzt.“ Ungefähr jeder dritte Lastwagenfahrer habe versucht, Bilder von den Toten und der Unfallstelle zu machen. In einem Fall lag ein Fahrer laut Polizei sogar quer im Führerhaus, um bessere Aufnahmen machen zu können. Schließlich habe der Brandschützer den Schlauch eingesetzt. Er bespritzte die Seitenfenster der Fahrzeuge, die sehr langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren oder gar stehenblieben.

An einer Unfallstelle in Regensburg wurde vor einigen Monaten ein Busfahrer beobachtet, der im Stehen fuhr, nur um einen besseren Blick auf die Unfallstelle zu haben. Der Schwandorfer Kreisbrandrat Heinfling hat bereits Erfahrung darin, welchen Schaden diese Videos anrichten können. Er berichtet von einem Fall, in dem die Angehörigen eines tödlich Verunglückten aus den sozialen Netzwerken davon erfuhren. Bisweilen, so sagt er, würden sich die Schaulustigen sogar als Presse ausgeben, um möglichst nahe an das Geschehen heranzukommen. „Wir haben in solchen Situationen aber nicht die Zeit, um Presseausweise zu kontrollieren.“ Die Sensationsgier habe drastisch zugenommen, sagt Heinfling. Sein Kollege Scheuerer befürchtet, dass letztlich alle Maßnahmen am Unfallort die Gaffer nicht vom Filmen abhalten können. „Da helfen wohl nur drastische Strafen wie der Führerscheinentzug.“

In diesem Video sehen Sie, was gegen Gaffer unternommen wird:

Gaffer stören Unfallhelfer

Der Sprecher der Polizei Unterfranken lobte insgesamt die Zusammenarbeit. Die Spritzaktion sei eine Ausnahme gewesen, die er zuvor in seiner Laufbahn auch noch nie erlebt habe. Grundsätzlich funktioniere die Arbeitsteilung, betonte auch der GdP-Sprecher. „Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr haben an der Unfallstelle ja das gleiche Ziel: Menschenleben retten.“ Und sie alle leiden unter den Schaulustigen, die den Verkehr behindern oder mit ihrem Verhalten sogar weitere Unfälle provozieren.

Das Problem habe sich durch Smartphones verstärkt, darüber sind sich alle Befragten einig. Die Politik hat bereits darauf reagiert: Seit Mai gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten wollen. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft. Erfahrungswerte gibt es allerdings noch nicht. Wie das Polizeipräsidium Oberpfalz unserem Medienhaus sagte, sei der Zeitraum, seitdem diese Maßnahmen griffen, zu kurz.

ADAC: Selbstjustiz geht nicht

Aus diesem Grund wollte sich auch der ADAC unserer Zeitung gegenüber nicht dazu äußern, ob diese Verschärfung der Sanktionierung ein hinreichendes Mittel sei, um Gaffen einzudämmen. „Man kann nicht dauernd Strafen anheben“, sagte ein Sprecher. Vielmehr müsse man die geltenden Gesetze anwenden – also beispielsweise vermehrt Platzverweise aussprechen. Erst in einem, in zwei oder drei Jahren könne man dann das Maßnahmenbündel auf den Prüfstand stellen und womöglich nachjustieren.

Was nach Ansicht des ADAC aber keinesfalls gehe, sei Selbstjustiz auf Deutschlands Straßen. Es sei vielleicht nachvollziehbar, dass der Feuerwehrmann wütend geworden sei, weil Autofahrer „mit ihrem Smartphone draufgehalten“ hätten. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass die Gaffer aus dem Wasserschlauch bespritzt würden.

Zum Thema Gaffen hat der ADAC auch eine dezidierte Meinung: „Die Neugier ist angeboren, und sie ist manchmal auch notwendig, um Erfahrungen zu machen.“ Dennoch sei die Entwicklung traurig, wozu auch Smartphones beitragen würden. Viele Menschen würden durch die technischen Möglichkeiten erst dazu angeregt, besonders spektakuläre Fotos zu machen und ins Netz zu stellen – nur um ein paar Likes oder Smileys mehr zu haben.

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