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Politik
Mittwoch, 28. September 2016 22° 3

USA

Die Wut im Land der Netten

Alle vier Jahre wird Iowa zum politischen Zentrum der USA. Heuer zeigt sich dort, warum sich die Politik radikalisiert.
von Thomas Spang, MZ

  • Heilsversprechen: Ein Riesenposter von Donald Trump im Vorgarten eines Unterstützers im US-Bundesstaat Iowa. Foto: afp
  • „Die schweigende Mehrheit ist an der Seite von Trump“ steht auf dem Schild von Steve Strasko. Foto: Spang

Des Moines.Steve Strasko kann von Donald Trump nicht genug bekommen. Zwei Mal schon hat der pensionierte Schlachter aus Iowa den Milliardär aus Manhattan „live“ im Vorwahlkampf von Iowa erlebt. Seit den frühen Morgenstunden wartet der 68-Jährige bei Minusgraden nun wieder auf Einlass zu einer Kundgebung im „Center College“ von Pella. Stunde um Stunde. Wie Hunderte andere, die den Kandidaten hören wollen, der verspricht Amerika wieder großartig zu machen.

So steht es auch auf der Baseballkappe, die Strasko vor dem eisigen Wind des Mittleren Westens schützt: „Make America Great Again“. Unter Barack Obama sei das Land vor die Hunde gegangen, findet Strasko, der auf den Präsidenten, den Kongress und die Eliten in Washington stinksauer ist. Eine Wut, die er mit vielen anderen in der Schlange teilt. „Trump sagt endlich mal wie es ist,“ lobt Strasko das Fleisch gewordene Gegenbild des Amtsinhabers im Weißen Haus. Wo Obama abwägt, haut Trump drauf. Dem hemdsärmeligen Rentner kommt das entgegen. „Ich kann diese ganze politische Korrektheit nicht mehr ausstehen“. Am besten findet Strasko, „dass endlich einer was gegen die Illegalen tut“. Die elf Millionen Einwanderer ohne Papiere müssten alle raus, stimmt er mit dem Kandidaten überein. Ohne „die Mexikaner“ hätte er damals nicht seinen Job in der Fleischfabrik von Marshalltown verloren, mutmaßt der ehemalige Gewerkschafter.

Und mit „den Muslims“ ginge es auch nicht so weiter. Trump habe völlig Recht, sie nicht mehr ins Land zu lassen. „Die wollen uns umbringen“. So ähnlich behauptet es auch Fernsehprediger Robert Jeffress, ein prominenter Islam-Kritiker aus dem texanischen Dallas, der eigens nach Pella kam, um Trump zu unterstützen.

Hillary Clinton betont soziale Themen – und verkauft sich als politische Erbin Barack Obamas Foto: Spang

Iowa wird zum politischen Zentrum

Er gehört zu den vielen, die jetzt nach Iowa gekommen sind, in den sonst als „Überflug“-Gebiet verspotteten Bundesstaat im Mittleren Westen. Er wird für ein paar Tage zum politischen Zentrum der USA. Hier stehen die ersten Vorwahlen der beiden großen Parteien zur Präsidentschaftswahl an. „Hier werden Erwartungen gesetzt, Kandidaten begraben und Trends sichtbar“, sagt Politologe Larry Sabato.

Der Trend in diesem Jahr? Seit Wochen schon verkünden die Schlagzeilen, die Wähler in dem eigentlich für seine Nettigkeit („Midwestern Nice“) bekannten Teil des Landes seien stinksauer. In den Umfragen führen bei den Republikanern mit Donald Trump und Ted Cruz zwei Kandidaten, die an die Wut der Wähler appellieren. Auch Bernie Sanders verdankt bei den Demokraten seinen Aufstieg zu einem echten Herausforderer Hillary Clintons dieser Stimmung.

Trump umschmeichelt die Strenggläubigen

Zu Beginn der Kundgebung lädt der baptistische Pastor zum Gebet für den Kandidaten ein. „Heute sagen wir Danke für Donald Trump, der sich selbstlos anbietet, dieser Nation zu dienen“, setzt der prominente Islam-Kritiker aus Dallas an. „Er tut das aus keinem anderen Grund, als dem Wunsch Amerika wieder großartig zu machen.“ Amen. Was nach Real-Satire ausschaut, ist kühle Berechnung. Rund sechzig Prozent der republikanischen Wählerschaft in Iowa versteht sich als wiedergeborene Christen. „Ich liebe Evangelikale“, umschmeichelt Trump seine Zuhörer.

„Trump for President“: Der populistische Kandidat ist zu einer Ikone vieler geworden, die das politische Establishment in Washington satt haben. Foto: Spang

Wie immer spricht der Populist auch in Pella ohne Manuskript. Seine Rede gerät zu einem Amalgam aus selbstherrlichen Anekdoten, bombastischen Übertreibungen und gezielten Beleidigungen. Am liebsten über die „dummen Eliten in Washington“. Die hätten es „wegen ein paar Schlangen und Kröten“ nicht geschafft, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. „Schaut mal die Decke hoch“, fordert er seine Fans auf. „Das ist gar nichts. Wir werden eine große, schöne Mauer bauen“. Die Menge grölt in Vorfreude auf das Ritual, das dem Versprechen folgt. Trumps rhetorische Frage, wer die Mauer bezahlen wird? „MEXICO, MEXICO“. „Er hat bestimmt einen Plan“, verzeiht Schlachter Strasko, dass der Kandidat nicht genauer wird. Trump Fans lassen sich von dem „Willy Wonka“ der US-Politik nur zu gerne verführen. „Ich bin mein ganzes Leben über gierig für mich gewesen“, stimmt er das Credo seines Appeals an. „Jetzt will ich gierig für die Vereinigten Staaten werden.“ Die Wut seiner Zuhörer in Pella verwandelt Trump in magischen Glauben. „Wir gewinnen, gewinnen, gewinnen – auf jedem Niveau. Wir werden Amerika wieder großartig machen.“

Ob es für einen Sieg am kommenden Montag (1.2) in Iowa reicht, hängt davon ab, inwieweit es dem Rechtspopulisten gelingt, seine Fans zu bewegen, bei den Caucuses genannten Parteitreffen aufzutauchen. Kein einfaches Unterfangen, da Trump viele Leute anspricht, die bisher nicht Wählen gegangen sind.

Trumps Konkurrent Cruz: radikal wie Trump, aber ideologischer

Ganz anders als die Anhänger des texanischen Senators, der am Samstag in Waterloo zusammen mit dem rechten Star-Talker Glenn Beck vor 2 000 Evangelikalen Hof hielt. Cruz kann sich auf die Fundi-Aktivisten und Tee-Party-Kader in der Republikanischen Partei stützen, die nicht minder radikal, aber deutlich ideologischer sind.

„Trump ist kein Konservativer,“ erklärt Craig Cornelius (68) sein Misstrauen gegen den Milliardär, der sich kürzlich mit dem falschen Zitieren aus der Bibel blamierte. „Er ist wie alle Politiker, ein Wolf im Schafspelz“. Cruz überlässt Beck die Aufgabe, die Zweifel zu nähren. Selbstherrlich und arrogant sei die Behauptung Trump, er könne jemanden mitten in Manhattan erschießen ohne deswegen einen einzigen Anhänger zu verlieren. „Die Hybris ist unglaublich“, echauffiert sich der Talker im rechten Bruderkrieg.

Fanboy: Craig Cornelius steht voll hinter Ted Cruz Foto: Spang

Cruz selber präsentiert sich in Iowa als prinzipienfesten Einzelkämpfer, der unerschrocken das „Washingtoner Kartell“ herausfordert: so nennt er die vermeintlichen Wischi-Waschi-Kompromissler, denen der Machterhalt wichtiger sei, als gegen Abtreibungen, Schwulen-Ehe, illegale Einwanderer, Obamacare, den IS, das Atomabkommen mit Iran und Obamacare ins Feld zu ziehen. Dass ihn niemand in Washington möge, sei das Ergebnis seiner Standfestigkeit. „Das ist für mich ein Ehrenabzeichen“. Cruz spricht Cornelius aus dem Herzen. Die Wut auf das eigene Establishment ist an der Basis so groß wie die auf Obama oder Hillary Clinton. „Nach Bush, McCain und Romney habe ich mit geschworen nie wieder das kleinere Übel zu wählen.“

Ideologisch und radikal: der republikanische Bewerber Ted Cruz. Foto: Spang

Das ist die Stimmung, die moderatere Kandidaten marginalisiert und die Vorwahlen zu einem Duell der beiden Rechtsaußen Cruz und Trump gemacht hat.

Auch die Demokraten spüren das große Unbehagen

Das große Unbehagen im Land lässt aber auch die Demokraten nicht unberührt. Bernie Sanders hat den Ärger über niedrige Löhne, hohe Ausbildungskosten, teure Krankenversicherung und ein von vielen als ungerecht empfundenes Steuersystem früh erspürt. Der Senator aus Vermont artikuliert auf der politischen Linken das verbreitete Gefühl, die Eliten des Landes kümmerten sich nur um sich selbst.

In Umfragen liegt er Kopf an Kopf mit der von der Parteiführung gesetzten Kandidatin Hillary Clinton, die sich in Iowa schon einmal verkalkuliert hatte. Das war 2008, als der „Yes-We-Can“-Kandidat Barack Obama ihr den Sieg bei den Caucuses wegschnappte.

Joyce Kraus neben dem „demokratischen Sozialisten“ Bernie Sanders Foto: Spang

„Ich war dabei, als Obama hier seinen Siegeszug antrat“, erinnert sich Joyce Kraus nostalgisch, während sie in der Landwirtschaftsschule von Independence mit Hunderten Anhängern auf den „demokratischen Sozialisten“ Sanders wartet. „Das fühlte sich damals anders an“, vergleicht sie die Stimmung heute mit der vor acht Jahren. „Obama war so neu und so anders“.

Aber es seien dieselben Leute, die damals auch die Obama-Koalition ausmachten. „Bernie“ hat mit seiner Vision eines Wohlfahrtsstaats mit freiem College, Anspruch auf Eltern-Urlaub und einer umlagefinanzierten Krankenversicherung für alle das Herz der Partei erobert.

In Independence tritt Sanders dem Argument entgegen, er sei im Herbst nicht wählbar. Dafür zitiert er wie Trump eine Umfrage nach der anderen, die ihn als den stärkeren Kandidaten ausweist. „Nichts von dem, was wir fordern, ist radikal. Alles gibt es schon in anderen Ländern und funktioniert.“

Hillary Clinton lässt es menscheln

Kommentar

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Vielleicht war die Begeisterung für Barack Obama in Deutschland immer schon größer, als in den USA. Sicher aber ist: Sie hat hierzulande länger angehalten...

Ein paar Kilometer weiter südlich in Cedar Rapids versucht Clinton die „Bernie“-Revolution einzudämmen. Hillary lässt es mit einer Geschichte über eine Kellnerin menscheln, die zwei Jobs arbeiten muss, um ihre beiden Kinder durchzubringen. „Sie hat mich gefragt, warum das in Amerika nicht mehr anders geht“.

Wie Bernie spricht sie über das gravierende Wohlstandsgefälle, die Steuertricks der Reichen und die Chancen moderner Umwelttechnologien. Ein ums andere Mal positioniert sich als Erbin Obamas, der viel zu wenig Anerkennung für seine Leistungen erhalten habe.

Die Wähler in Iowa müssten entscheiden, „wer die Erfahrung und das Urteilsvermögen hat, die richtigen Entscheidungen für die USA zu treffen“. Teri Tuomalv (56) nickt zustimmend. Vor acht Jahren hatte die Lehrerin Obama unterstützt. „Wir brauchen eine Macherin, die zu kämpfen versteht“, erklärt sie, warum sie sich diesmal mehr auf den Kopf als ihren Bauch verlässt.

Ärger empfindet Teri keinen. Wie kaum jemand im Publikum. Hillary tritt damit unverkennbar für eine „dritte Amtszeit“ Obamas an. Sie ist die Weiter-so-Kandidatin in einem Land, in dem nicht wenige Wähler das diffuse Gefühl haben, dass sich etwas ändern muss. Die Ergebnisse der ersten Vorwahlen in Iowa werden Auskunft darüber geben, wie stark diese Empfindung ausgeprägt ist.

Wie geht es weiter im US-Wahljahr? Die Termine im Überblick

Termine des Wahljahres

  • 1. Februar:

    Iowa, Erste Caucuses, traditionell wichtiger Stimmungstest

  • 6. Februar:

    New Hampshire, erste Primaries, erste Vorwahlen mit Abstimmung an der Urne

  • 20. Februar:

    South Carolina, erste Vorwahl der Republikaner im Süden der USA.

  • 27. Februar:

    South Carolina, erste Vorwahl der Demokraten im Süden der USA

  • 1. März:

    Super-Dienstag, Wahlen in Alabama, Arkansas, Colorado, Georgia, Massachussetts, Minnesota, Oklahoma, Tennessee, Texas, Vermont, Virgina. Mögliche Vorentscheidung

  • 15. März:

    Kleiner Super-Dienstag, Wahlen in Florida, Illinois, Missouri, Ohio. Frühester Zeitpunkt für de facto Ende des Rennens um Nominierung

  • 19. April:

    Vorwahl in New York

  • 26. April:

    Vorwahlen in Connecticut, Delaware, Maryland, Pennsylvania, Rhode Island

  • 7. Juni:

    Vorwahlen in Kalifornien, Montana, New Jersey, New Mexiko, North Dakota, South Dakota

  • 14. Juni:

    Letzte Vorwahlen in Washington DC

  • 18.-21. Juli:

    Republican National Convention in Cleveland, Ohio

  • 25.-28. Juli:

    Democratic National Convention in Philadelphia, Pennsylvania

  • 26. September:

    Erste Präsidentschaftsdebatte in Dayton, Ohio

  • 4. Oktober:

    Vize-Präsidentenschaftsedbatte in Farmville, Virginia

  • 9. Oktober:

    Zweite Präsidentschaftsdebatte in St.Louis, Missouri

  • 19. Oktober:

    Dritte Präsidentschaftsdebatte in Las Vegas, Nevada

  • 8. November:

    Präsidentschaftswahlen und Wahlen zum Kongress

Caucuses und Vorwahlen: Wie die Kür zum Präsidentschaftskandidaten abläuft, erklärt MZ-US-Korrespondent Thomas Spang hier.

Das komplette Interview unseres Korrespondenten mit US-Politologe Larry Sabato lesen Sie hier

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