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Politik
Montag, 18. Dezember 2017 1

Autoindustrie

E-Mobilität: Autobauer halten Anschluss

Ministerin Wanka spricht über die künftige Antriebstechnik und glaubt, dass die deutschen Firmen eine führende Rolle spielen.
Von Reinhard Zweigler, MZ

  • Die Elektromobilität im Blick: Kanzlerin Merkel und Daimler-Chef Zetsche auf der IAA in Frankfurt Foto: dpa
  • Bundesforschungsministerin Johanna Wanka Foto: dpa

Frau Ministerin, wie viele Elektromobile, Autos mit Wasserstoff-, Hybridantrieb haben Sie im Ministeriums-Fuhrpark?

Wir haben einen eher kleinen Fuhrpark, meist so um die 20 Fahrzeuge. Davon sind derzeit zwei rein elektrisch angetrieben und vier Fahrzeuge mit einem Plug-in-Hybrid ausgestattet.

In China und den USA werden jedes Jahr Milliarden in die Forschung gesteckt. Hat die Forschung in Deutschland das Thema E-Mobilität verschlafen?

2015 haben deutsche Unternehmen mehr als 62 Milliarden Euro in eigene Forschung und Entwicklung investiert. Seit 2005 haben sich die Ausgaben des Bundes für Forschung und Entwicklung von rund neun Milliarden Euro um etwa 73 Prozent auf rund 15,6 Milliarden Euro im Jahr 2016 erhöht. Nein, von Seiten der Forschung sind wir sehr gut aufgestellt, besonders bei Batterieforschung, Sensoren oder Künstliche Intelligenz. Das sind ja Schlüsselthemen für die Mobilität der Zukunft. Gerade beim automatisierten Fahren ist Deutschland stark, weil über die Hälfte aller Patente hierzu bei deutschen Akteuren liegen. Wir werden für unsere Expertise bei Energiespeichern international geschätzt, haben auch das weltweit umsatzstärkste Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz. Bei der Verwertung der Forschungsergebnisse können wir noch zulegen. Deshalb starten wir gerade die Plattform Lernende Systeme und bringen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft beim Thema Künstliche Intelligenz enger zusammen.

Johanna Wanka ist Bundesministerin für Bildung und Forschung

Benzin- und Dieselmotor wurden in Deutschland erfunden, vor über 100 Jahren. Was heißt es für Sie heute, das
Auto neu zu denken?

Dass wir beispielsweise erforschen, wie der Wirkungsgrad des E-Antriebs gesteigert werden kann. Mit Leichtbau, neuer Leistungselektronik sind Fortschritte um 30 Prozent und mehr demonstriert. Auch die Batterieforschung zeigt, dass die Reichweite noch erheblich besser werden kann. Diese Forschung bewirkt, dass jetzt bald E-Fahrzeuge der zweiten Generation auf den Markt kommen, die Praxisreichweiten von 300 km und mehr haben.

Ist das E-Mobil die eierlegende Wollmilchsau?

Aus meiner Sicht müssen wir Mobilität technologieoffen denken. Auch der Diesel kann mehr. Der Dieselskandal ist kein Scheitern der Technik – saubere Diesel sind möglich – sondern ein Skandal der Produktverantwortlichen in den Unternehmen. Wir brauchen mehr als nur eine Technologie wie die Elektromobilität, um nachhaltigen, emissionsfreien Verkehr zu erreichen. Dazu zählen auch die intelligente digitale Verknüpfung der Verkehrssysteme und synthetische CO2-neutrale Kraftstoffe.

Deutsche Hersteller sind Exportweltmeister bei Fahrzeugen mit Benzin- und Dieselmotor. Könnten Softwarekonzerne, etwa Google, schon bald die Märkte beherrschen, weil sie das digitale, vernetzte und automatisierte Fahren besser beherrschen?

Das sehe ich nicht. Deutschland spielt bei Elektronik, einschließlich Hard- und Software für den Fahrzeug- und Verkehrssektor, mit in der ersten Liga. Schauen Sie sich mal an, warum sich Google bei dem bereits genannten Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz als Gesellschafter beteiligt. Es reicht auch nicht, ein Fahrzeug nur zu programmieren. In Wolfsburg wird seit einem Jahr auf dem Forschungscampus Open Hybrid LabFactory an leichteren Karosserien und neuen Produktionstechniken für eine bessere Ökobilanz des Autos gearbeitet. Wir forschen mit Hochdruck daran, dass Deutschland auch weiterhin die Nase vorn hat.

Rächt sich heute, dass vor 20, 30 in Deutschland abgebaut wurde bzw. ins Ausland abwanderte?

Die Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass die Batterieforschung in Deutschland wieder grundlegend aufgebaut wurde. Heute haben wir das Know-how, um die besten Batterien der Welt produzieren zu können. Ich freue mich deshalb über neue Firmengründungen wie TerraE. Der erste Schritt für den Aufbau einer Batteriezellproduktion in Deutschland ist getan.

Dass deutsche Autofahrer Elektrofahrzeugen so reserviert gegenüber stehen, hat offenbar auch mit geringen Reichweiten, langen Ladezeiten und hohen Kosten der Elektrofahrzeuge zu tun. Wann sind „Stromer“ gegenüber Benziner und Diesel konkurrenzfähig?

Aus der Forschung kommen viele wertvolle Impulse. Wir brauchen aber den unternehmerischen Willen, daraus Produkte auf den Markt zu bringen, die die Menschen überzeugen. Beispiel: An der Technischen Universität München haben wir den Visio.M entwickeln lassen. Leicht, sicher, effizient, mit rund 18 000 Euro erschwinglich und mit 160 Kilometer Reichweite ideal für die Stadt. Ich bin mit ihm gefahren und beeindruckt. Wir zeigen, was durch Forschung möglich werden könnte. Das ist unser Job.

Lesen Sie auch: ADAC will von VW Entschädigung.

Wäre ein Enddatum für die Neuzulassung von Verbrennungsmotoren, wie es Frankreich oder Großbritannien haben, nicht sinnvoll, um den Druck auf Forschung und Industrie zu erhöhen?

Ich denke, die Menschen sehen die Vorteile neuer Technologien. Aber sie wollen Verlässlichkeit im Alltag erleben und erwarten zu Recht technische Verbesserungen. Wenn die Infrastruktur weiter aufgebaut ist und neueste Entwicklungen greifen, wird auch die Begeisterung wachsen. Wichtig ist, dass wir nicht nur auf eine Technologie setzen. Wir dürfen auch die Hybridantriebe, die neuen CO2-neutralen Kraftstoffe oder die Brennstoffzellentechnik nicht liegenlassen. Diese Technologieoffenheit schafft die Voraussetzung, auch zu Lösungen für Fernverkehr, Schwerlastverkehr und Flugverkehr zu kommen.

Ärgert es Sie, dass es Wissenschaftler in den USA, und nicht in Deutschland, waren, die mit mobilen Messgeräten den Abgasmanipulationen von Volkswagen auf die Schliche gekommen sind?

Nein. Mich ärgert, dass manipuliert wurde.

Zur Debatte um Fahrverbote für
Dieselfahrzeuge: Sind Stickoxid-Konzentrationen oberhalb des Grenzwertes von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft wirklich gesundheitsschädlich? An Industriearbeitsplätzen sind 950 Mikrogramm erlaubt.

Unabhängig von den Grenzwerten gilt, dass Stickstoffdioxid gesundheitsschädlich ist. Grenzwerte sagen nur dann etwas aus, wenn man dazusagt, wo und wie gemessen wird. Deshalb sind die Werte oben nicht ohne weiteres vergleichbar. Für das Forschungsministerium handlungsleitend ist, dass wir bei weiter steigender Mobilität die besten Technologien für einen emissionsfreien Verkehr in Deutschland voranbringen müssen. So wird nicht nur die Gesundheit geschützt, sondern auch die Wertschöpfung in der deutschen Automobilbranche angesichts des neuen Wettbewerbs gesichert. Im nächsten Wissenschaftsjahr nehmen wir beispielsweise die Arbeitswelten der Zukunft unter die Lupe und zeigen, welche spannenden Ideen und Entwicklungen es gibt. Dabei spielen auch die Gesundheitsvorsorge und die Fachkräftesicherung angesichts des elektrischen und autonomen Fahrens eine zentrale Rolle.

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