mz_logo

Politik
Sonntag, 26. März 2017 13° 3

Deutschland-Ungarn

Ein kleines bisschen Paartherapie

Die Beziehungen zu Ungarn sind angespannt. Die deutsch-ungarischen Tage der Uni Regensburg sollen als Gegengift wirken.
von Sebastian Heinrich, MZ

Ein unstrittig positives Ungarn-Bild: Blick vom Burgberg auf die Donau und das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Budapest Foto: dpa

Regensburg.Seit Jahren fliegen die Worte wie Giftpfeile zwischen Ungarn und Deutschland. Seit dem Herbst 2015 sind die Pfeile noch giftiger, fliegen noch häufiger. „Unsolidarisch“ nennen Berliner Spitzenpolitiker den Widerstand der ungarischen Regierung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. „Moralischen Imperalismus“ wirft man in Budapest den Deutschen daraufhin vor. Es ist kompliziert zwischen Deutschland und Ungarn. Und es gibt in Ostbayern wohl keinen Menschen, der das so stark merkt wie Zsolt Lengyel.

Zsolt Lengyel ist Geschäftsführender Direktor am Hungaricum der Uni Regensburg. Foto: Heinrich

Lengyel ist Geschäftsführender Direktor des Hungaricums – des Instituts an der Uni Regensburgs also, das Studenten in der Region ungarische Kultur und Geschichte näherbringt. Und das ausgerechnet jetzt die Deutsch-Ungarischen Tage abhält: ein Angebot an alle interessierten Bürger, das verknüpft ist mit einer klaren Botschaft: Deutsche und Ungarn, ihr müsst wieder richtig miteinander reden.

Über Brücken, Rebellion und Streit

Denn momentan, glaubt Lengyel, wird viel aneinander vorbei geredet. Das sollen die Veranstaltungen zwischen 2. und 18. November ändern. Drei Termine sind besonders interessant für das breite Publikum: die Fotoaustellung „Brücken, Epochen, Budapest“, die am 2. November eröffnet und zeigen soll, wie stark die Donau Budapest geprägt hat; am 8. November ein multimedialer Gedenk- und Informationsabend zum ungarischen Volksaufstand gegen das kommunistische Regime im Jahr 1956; und die Tagung „Ungarn, Deutschland, Europa“ am 18. November, mit der die Deutsch-Ungarischen Tage enden.

Diese Tagung ist so aufgebaut, dass sie nicht nur für Wissenschaftler attraktiv ist: maximal 20 Minuten sollen die Vorträge dauern, die Diskussionen mit dem Publikum dafür umso länger. Die Besetzung ist vielversprechend: Politikwissenschaftler, Historiker und Journalisten aus Deutschland und Ungarn, die gerade über die heiklen Fragen reden werden: die Flüchtlingskrise, die Klischees in den Medien beider Länder, der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Die Tagung ist unterteilt in vier Themenblöcke und eine Abschlussdiskussion. Zu jedem Thema beleuchtet ein Experte die ungarische, einer die deutsche Perspektive. Bei der Asylpolitik ist das auf ungarischer Seite der Politologe Zoltan Kiszelly, der die Regierung um Premier Viktor Orban berät – und auf deutscher Seite der Migrations- und Rassismusforscher Wolfgang Aschauer.

Detaillierte Informationen zu den Deutsch-Ungarischen Tagen gibt es hier.

Die Programm-Highlights

  • Die Eckdaten

    Die Deutsch-Ungarischen Tage finden in Regensburg zwischen 2. und 18. November 2016 statt. Für das breite Publikum interessant sind vor allem drei Veranstaltungen. Das vollständige Programm der Deutsch-Ungarischen Tage ist hier zu finden.

  • Fotoausstellung

    Am Mittwoch, den 2. November um 18 Uhr wird in der Kunsthalle oberhalb des Audimax der Uni Regensburg die Fotoausstellung „Brücken – Epochen – Budapest“ eröffnet. Die Bilder sollen verdeutlichen, wie sehr Brücken seit jeher das Leben der ungarischen Hauptstadt Budapest bestimmen. Die Ausstellung besteht aus 16 Installationen, sie ist bis 12. November zu besichtigen.

  • Multimediale Erinnerung

    Am Dienstag, den 8. November, wird ab 18 Uhr an einem Gedenk- und Informationsabend im Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa Regensburg (im Gebäude des Alten Finanzamts, Landshuter Str. 4), mit einem Gedenk- und Informationsabend an den Ungarn-Aufstand vor 60 Jahren erinnert. Der Erinnerungsabend beinhaltet einen Vortrag, Schautafeln sowie Filmdokumente aus der Sammlung Historischer Interviews der Ungarischen Nationalbibliothek. Anschließend wird bei einem Glas Wein diskutiert.

  • Tagung für alle

    Am Freitag, den 18. November findet schließlich – ebenfalls im Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa (Regensburg, Landshuter Str. 4) – die Tagung „Ungarn, Deutschland, Europa“ statt. Zu ihr sind laut Hungaricum ausdrücklich alle interessierten Bürger eingeladen. Die Themen sind kontrovers – gerade die Diskussionen über Flüchtlingspolitik und Vergangenheitsbewältigung versprechen Spannung. Die Tagung beginnt um 9 Uhr, schließt mehrerere Kaffeepausen und eine Mittagspause ein und klingt am Abend im Parkhotel Maximilian in der Regensburger Maximilianstraße mit einer Podiumsdiskussion über die Rolle der Medien im deutsch-ungarischen Verhältnis aus.

  • Kulinarisches

    In der Uni-Mensa werden überdies inder Woche vom 14. bis 18. November typisch ungarische Gerichte angeboten.

  • Anmeldung

    Der Besuch aller Veranstaltungen ist kostenlos. Für die Podiumsdiskussion am 18. November bittet das Hungaricum aber um Voranmeldung bis 10. November – via E-Mail an hui@ur.de oder telefonisch unter (0941) 943 5440

Zweimal hatte es in Regensburg schon ähnliche Veranstaltungsreihen wie die Deutsch-Ungarischen Tage gegegeben, 2013 zum dritten Jahrestag des Wahlsiegs der Orban-Partei Fidesz, 2014 zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich, dank der tausende DDR-Flüchtlinge in den Westen kamen. Das Hungaricum hieß damals noch Ungarisches Institut. Seit 2009 gibt es diese Einrichtung in Regensburg, seit 2015 ist sie als eigenständiges Institut in die Universität integriert. Sie bietet Regensburger Studenten aller Fachrichtungen die Möglichkeit, in einer einjährigen Zusatzausbildung studienbegleitend Ungarisch zu lernen und Einblicke in die ungarische Kultur und Geschichte zu bekommen. Institutleiter Lengyels nächstes Ziel: ein eigenständiger Bachelor-Studiengang Deutsch-Ungarische Studien, vergleichbar mit den Deutsch-Tschechischen Studien, die das auf Tschechien fokussierte Institut Bohemicum anbietet.

Hungaricum-Lektorin Krisztina Busa war maßgeblich an der Planung der deutsch-ungarischen Tage beteiligt. Foto: Heinrich

Die Deutsch-Ungarischen Tage sollen ein wichtiges Kapitel für das Hungaricum sein, an dem immerhin um die 30 Studenten pro Jahr ihr kleines Ungarisch-Diplom machen – kein schlechter Wert für eine Sprache, die den meisten Ostbayern ähnlich exotisch vorkommt wie Kisuaheli.

Orban-treu? Der Direktor sagt Nein

Es gibt da aber auch diesen Vorwurf, den Institutsdirektor Lengyel immer wieder zu hören bekommt: Dass er ein Büttel der Orban-Regierung sei, sein Institut ein Sprachrohr der rechtskonservativen Regierung. Zu zwei Dritteln finanziert die Regierung in Budapest das Hungaricum. Auf die Arbeit des Instituts habe das aber keinen Einfluss, sagt Lengyel. Noch nie habe sich irgendjemand aus der Regierung in seine Arbeit eingemischt. Genauso wenig wie die sozialistische Vorgänger-Regierung, die sein Institut ebenso finanziert hatte.

Überhaupt, die Regierung Orban: Während viele Beobachter in Deutschland den Rechtskonservativen als echte Gefahr für die Demokratie sehen, hält Lengyel das für übertrieben. Das umstrittene Mediengesetz? Für ihn eher eine Gegenmaßnahme gegen die vorige Übermacht der linksliberalen Zeitungen. Die Machtbeschneidung des Verfassungsgerichts? Eine Reaktion auf die immer noch übergroße Zahl an Richtern aus kommunistischen Zeiten. Und die Flüchtlingspolitik, die Propaganda gegen Migranten vor dem jüngst von Orban initiierten Anti-Flüchtlingsquoten-Referendum? Lengyel sagt, der Widerstand der Ungarn gegen die Zuteilung muslimischer Flüchtlinge habe viel mit der Geschichte zu tun: mit dem Trauma der Türkenkriege im 16. und 17. Jahrhundert, aber auch mit der Angst davor, die Macht über das eigene Land zu verlieren – so wie einst unter den Habsburgern und im Schatten der Sowjetunion. Für diese Faktoren habe man in Deutschland kaum Verständnis.

Lengyel sagt, bei den Deutsch-Ungarischen Tagen gehe es ihm darum, dass beide Seiten den Standpunkt des anderen zu hören bekämen, dass statt nationalem Egoismus wieder Verständnis für die jeweils andere Seite aufkomme. Ein bisschen Paartherapie also für diese komplizierte Beziehung.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht