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Glaube

Ein Pastor am Scheideweg

Der Papst hat neue Freiheiten in der katholischen Kirche geschaffen. Weniger klar ist, ob die Kirche diese auch nutzen will.
Von Julius Müller-Meiningen, MZ

Papst Franziskus zählt laut dem US-Magazin „Forbes“ zu den fünf mächtigsten Menschen der Welt. Heute wird Jorge Mario Bergoglio, wie der Argentinier mit bürgerlichem Namen heißt, 80 Jahre alt. Bild: dpa

Rom.Nicht einmal an seinem 80. Geburtstag wird Franziskus sich den Luxus erlauben, ein bisschen länger unter der warmen Decke zu liegen. Auch am Samstag wird sich Jorge Bergoglio noch vor fünf Uhr Früh aus seinem massiven Holzbett schälen und beten. Er wird dann an seinem Tisch in der Mensa des vatikanischen Gästehauses Santa Marta frühstücken. Der Papst trinkt morgens Kaffee mit Magermilch, er isst Marmeladebrot und seit seiner Zeit in Buenos Aires auch Ricotta-Frischkäse.

Was er weniger mag, sind die unterwürfigen Ehrerweisungen, die sein Hofstaat ihm zu seinem runden Geburtstag zukommen lassen wird. Um 8 Uhr versammeln sich die in Rom ansässigen Kardinäle in der Paulinischen Kapelle im Apostolischen Palast, um mit dem Papst die Messe zu feiern. Wer Franziskus kennt, der weiß, dass ihm die informelle Routine der Morgenmessen in der Kapelle von Santa Marta lieber wäre. Aber auch ein Papst hat nicht immer die Wahl.

Der Anarchist auf dem Stuhl Petri

„Ich habe das Gefühl, mein Pontifikat wird kurz sein, vielleicht vier, fünf Jahre. Vielleicht täusche ich mich auch“, erzählte Franziskus in einem erst kürzlich veröffentlichten Video-Interview mit seinem Berater und Ghostwriter, dem Jesuiten Antonio Spadaro. Am 13. März 2013 wurde Bergoglio von den Kardinälen gewählt. Bricht also nun sein letztes Amtsjahr an oder handelt es sich nur um ein taktisches Störmanöver dieses Anarchisten auf dem Stuhl Petri?

Die Reaktionen auf solche Spekulationen sind sehr unterschiedlich. Da sind etwa diejenigen, die aus Sorge um das Abdriften ihrer Kirche in die Beliebigkeit einen Rücktritt kaum erwarten können und ihn wie eine Befreiung vom Chaos aufnehmen würden. Andere wiederum sorgen sich, dass das zarte Pflänzchen der Erneuerung stirbt, sobald der Argentinier nicht mehr im Amt ist. Die Mehrheit der Bischöfe harrt papsttreu zwischen beiden Positionen der Dinge.

Bergoglio hat zweifellos einen neuen Stil in der Kirche geprägt. Die Zeiten der Förmlichkeiten und blinden Gehorsams sind vorübergehend archiviert. Wer in den vatikanischen Zirkeln der Macht verkehrt, der lobt bereits seit den beiden Synoden zum Thema Ehe und Familie den offenen Stil, mit dem inzwischen bis auf höchster Ebene diskutiert werde. Franziskus hat eine neue Freiheit geschaffen. Weniger klar ist, wie sehr seine Kirche diese Freiheit auch nutzen will.

Papst verliert an Zustimmung

Da ist etwa ein harter Kern von Kardinälen und Bischöfen, die alles tun, um die Vorstöße Bergoglios zu delegitimieren. Zuletzt protestierten vier Alt-Kardinäle, darunter auch der ehemalige Kölner Erzbischof Joachim Meisner mit fünf „Zweifeln“ am päpstlichen Lehramt sogar öffentlich gegen Franziskus. Auslöser war dessen Schreiben Amoris Laetitia, in dem der Papst die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion in Einzelfällen andeutet. Das Thema wirkt meilenweit entfernt von den Bedürfnissen der Menschen, ist aber von entscheidender Bedeutung für die katholische Kirche, weil hier die grundsätzliche Frage entschieden wird, ob das Gewissen des Einzelnen Vorrang vor absoluten Normen haben kann. Deshalb sind die Diskussion um Amoris Laetitia, die Schlussfolgerungen des Papstes aus den beiden Familiensynoden von 2014 und 2015, so scharf. Und deshalb ist in Rom schon länger von einem „verdeckten Schisma“ die Rede, das den Spielraum des Papstes empfindlich eingegrenzt hat.

Wie Päpste Geburtstag feiern

  • Papst Franziskus

    ist bekannt für seine außergewöhnlichen Gesten – auch zu seinem Geburtstag. Zu seinem 77. Ehrentag lud er Obdachlose zum Frühstück ein, zum 78. tanzten Hunderte Tangotänzer auf dem Petersplatz für ihn.

  • Papst Benedikt XVI.

    wollte an seinem 85. Geburtstag eigentlich nicht feiern, sondern arbeiten. Namenstage sind ihm als bayerischem Katholiken ohnehin wichtiger. Dann jedoch kündigte sich für den 16. April 2012 eine Delegation von mehr als 150 Bayern an, darunter sein Bruder Georg, der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer – und eine Gruppe Schuhplattler. Statt am Schreibtisch verbrachte Benedikt seinen Geburtstag also grüßend, winkend und dankend.

  • Papst Johannes Paul II.

    feierte seinen 80. Geburtstag groß: Hunderte von Kardinälen und Bischöfen, 4000 Priester und Zehntausende von Gläubigen kamen. Sein Geburtstag am 18. Mai 2000 war ein Gottesdienst der Rekorde. Der sichtlich geschwächte Papst klammerte sich während des feierlichen Gottesdienstes an seinen Kreuzstab. Nach dem anschließenden Festessen mit Torte spielte abends des London Symphony Orchestra für ihn.

  • Papst Pius XII.

    war arbeitswütig – aber oft krank. Auch zu seinem 80. Geburtstag am 2. März 1956 plagte ihn eine Erkältung. Die 30 000 Feiernden auf dem Petersplatz segnete Pius XII. von seinem Fenster aus. Die Glückwünsche von katholischen Kindern aus Dutzenden Ländern nahm er aber persönlich entgegen. Die mehr als 200 Schulkinder sangen ihm ein Ständchen, brachten ihm eine große Geburtstagstorte mit 80 Kerzen und tanzten im Kreis um ihn herum.

Auch bei fortschrittlichen Katholiken verliert der Papst an Zustimmung. Der katholische Psychotherapeut und Theologe Wunibald Müller, der in Münsterschwarzach bei Würzburg Priester und Laien in Krisensituationen unterstützt, setzte zu Beginn große Hoffnungen in Franziskus. Heute ist er skeptisch: „Für Franziskus hat die Götterdämmerung begonnen, wenn er nicht an das Eingemachte geht und nicht in der Lage oder bereit ist, die notwendige Reformation der Kirche in Gang zu setzen.“ Müller behauptet, den schönen Worten seien zu wenige Taten gefolgt, was die Rolle von Frauen in der Kirche, den Zölibat oder den Umgang mit Sexualität angeht.

Erst vor Tagen bekräftigte die für den Klerus zuständige Vatikanbehörde, dass Homosexuellen der Zugang zum Priesteramt weiterhin verwehrt bleiben soll. Wie passt dieses Verbot mit einem Papst zusammen, der mit einem einzigen Satz eine neue Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen andeutete? „Wer bin ich, dass ich über einen Homosexuellen urteile?“, fragte Franziskus bald nach Amtsbeginn. „Der Papst muss jetzt liefern“, sagt Wunibald Müller.

Dabei stellt sich die Frage, ob es tatsächlich der Papst ist, der weiterhin Antworten schuldig ist. Oder ob es die Bischöfe sind, die die Bälle, die ihnen ihr Oberhaupt zuspielt, nicht aufnehmen. Man dürfe nicht immer nur darauf warten, dass der Papst konkrete Schritte unternimmt, gab jüngst der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann jüngst zu Bedenken. Die Bischöfe sollten die Räume nutzen, die Franziskus geöffnet hat.

Mangelnde Courage

Lehmann schlug die Weihe von verheirateten Diakonen in Deutschland vor, die dann priesterliche Aufgaben übernehmen könnten. Aber in den Ortskirchen hält man solche Alleingänge für nicht praktikabel. Aus Sorge um die Einheit der Kirche, heißt es. Wohl auch aus mangelnder Courage.

„Der Papst weiß sehr gut, dass der Reformprozess der Kirche, wenn er effektiv sein soll, Spannungen schafft und entwickelt, und dass es gut ist, wenn diese irgendwie zum Ausdruck kommen“, sagt der Papst-Vertraute Antonio Spadaro. Franziskus will Entwicklungen anstoßen und nichts übers Knie brechen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kirche den richtigen Zeitpunkt für nachhaltige und unumkehrbare Reformen bereits verpasst hat. So lautet zumindest die Befürchtung von Kirchenmännern, die sich anfangs freuten und nun die Kräfte einer innerkirchlichen Gegenreformation fürchten. Die Vatikanbeobachter sind sich einig, dass die Mehrheit der Kardinäle beim nächsten Konklave keinen Sprung ins Ungewisse mehr unternehmen wollen. Gesucht wird, dem Vernehmen nach ein zuverlässiger Vermittler, der die auseinanderdriftenden Blöcke wieder versöhnen kann.

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