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Politik
Dienstag, 30. Mai 2017 30° 8

Gewalt

„Einsame Wölfe“ als großes Problem

Vor allem psychisch gestörte junge Männer üben Bluttaten aus. Sie im Vorfeld zu identifizieren, ist fast unmöglich.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Bereiche der Fußgängerzone in der Münchner Innenstadt waren am Freitagabend gesperrt. Der Amoklauf wirft viele Fragen auf – vor allem danach, wie solche Taten verhindert werden können. Foto: dpa

Berlin.War es ein zeitlicher Zufall oder vom mutmaßlichen Münchner Amokläufer perfide geplant? Genau fünf Jahre nach dem furchtbaren Massaker des norwegischen Amokläufers Anders Behring Breivik, der auf der Insel Utoya 77 junge Menschen erschoss, verübte der Deutsch-Iraner David Ali S. seine Bluttat. Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass der 18-jährige Münchner, dessen Eltern in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen waren, sich andere Amokläufer zum Vorbild genommen hat.

Die Grenzen verwischen

GSG9-Beamte, die seine Wohnung durchsuchten, fanden Material und Zeitungsartikel über Attentäter sowie das Buch des US-amerikanischen Psychologen Peter Langman „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“. Langman hat die Morde von zehn jugendlichen Amokläufern in den USA analysiert. Die Herkunft und der soziale Hintergrund der jugendlichen Täter sind unterschiedlich, doch ihnen ist gemeinsam, dass sie psychisch gestört waren, sich einsam fühlten, teilweise von anderen gemobbt wurden, wie dies im jetzigen Münchner Fall gewesen sein könnte. Amokläufer, aber auch Terroristen, sind zudem kaum oder gar nicht zu Mitgefühl mit anderen Menschen fähig. Ihre Opfer seien ihnen völlig gleichgültig. Der Hass auf andere überlagere jede Empathie, analysierte Langman.

Oft würden sich in den Attacken Probleme mit der eigenen Männlichkeit entladen. Manche reagierten auf körperliche Defizite, Schwächen, auf das Scheitern in Beziehungen, in der Schule, aber auch auf Kränkungen, Verletzungen, Mobbing. Ihre Gewalt sei Reaktion auf die eigene Hilflosigkeit, die eigenen Probleme vernünftig zu regeln. Manche Amokläufer nähmen sich Vorbilder, etwa Adolf Hitler, den norwegischen Rechtsterroristen Breivik oder aus Büchern. In Deutschland machten etwa die Amokläufer von Erfurt oder Winnenden Schlagzeilen. Auch das „unerträgliche Ausmaß“ von Killerspielen aus dem Internet trüge dazu bei, dass Jugendliche und junge Männer zu Amoktätern und Terroristen würden, warnte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere.

Die Europol warnte jetzt davor, dass „einsame Wölfe“, also vereinsamte, enttäuschte junge Männer, zunehmend der Propaganda der IS-Terroristen ins Netz gehen könnten. Mörderische Aktionen von Einzeltätern, geleitet von einer perfiden Ideologie, sind allerdings nichts Neues. In den späten 90er Jahren waren es in den USA nicht Dschihadisten, sondern weiße Rassenfanatiker, die Gleichgesinnte dazu aufriefen, Angehörige von Minderheiten, etwa Schwarze, im Alleingang zu töten. Die Grenzen zwischen Terrorattentätern und Amokläufern verwischen dabei. Terrorgruppen wie der IS oder El Kaida riefen wiederholt Muslime in westlichen Ländern dazu auf, als Einzeltäter Terroranschläge auf Menschen in ihren Ländern zu verüben. Laut dem jetzt veröffentlichten Jahresbericht von Europol sind im vergangenen Jahr in den 28 EU-Staaten 151 Menschen Opfer von Terroranschlägen geworden. Viele Opfer gingen auf das Konto von „einsamen Wölfen“.

Die Täter fallen durch alle Raster

Gemeinsam ist sowohl terroristischen Einzelgängern als auch Amokläufern, dass sie nur schwer im Vorfeld zu erkennen sind. Sie haben kaum oder gar keine Kontakte zu terroristischen Gruppen, radikalisieren sich oft relativ anonym über das Internet. Sie fallen auch kaum durch „verdächtige Kommunikationsmuster“ in das Raster von Ermittlern. Auch Amoktäter bewegen sich in der Regel „unter dem Radar“ von Sicherheitsbehörden. Dennoch hinterlassen beide Gruppierungen im Internet Spuren. Experten fordern deshalb, in sozialen Netzwerken etwa IS-Terrorpropaganda zu „demaskieren“ oder die „Hilferufe“ von potenziellen Amoktätern als solche zu erkennen. Gefordert sei allerdings viel mehr das direkte persönliche Umfeld.

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