mz_logo

Politik
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Terrorismus

Eltern von NSU-Opfer kritisieren Gericht

Die Eltern des ermordeten Halit Yozgat richten bittere Vorwürfe an das Gericht – und an Beate Zschäpe.
Von Christoph Trost und Christoph Lemmer, dpa

Die Eltern des vom NSU getöteten Halit Yozgat, Ayse und Ismail Yozgat, bei einem Gespräch mit Journalisten in WiesbadenFoto: dpa

München. Dass dies besondere Minuten werden würden im Münchner NSU-Prozess, das ist sofort zu spüren. Mucksmäuschenstill ist es im Gerichtssaal, als Ayse Yozgat ans Mikrofon tritt, sich die Brille zurechtrückt. „Im Namen Allahs“, beginnt sie – und kommt sofort zur Sache. Sie spricht die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe, die gegenüber auf der Anklagebank sitzt, direkt an – auf Türkisch, ein Dolmetscher übersetzt.

„Ich kann auch nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr“

Ayse Yozgat, Mutter eines Opfers

„Können Sie einschlafen, wenn Sie Ihren Kopf auf das Kissen legen?“, fragt sie. „Ich kann auch nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr.“

Ihr Sohn ist Halit Yozgat, erschossen am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel. Der junge Mann war das neunte Mordopfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Er wurde nur 21 Jahre alt. Mehr als elf Jahre später ist die große Stunde seiner Eltern gekommen. Auf der Zielgeraden des NSU-Prozesses dürfen sie ihre Plädoyers halten. Dürfen sagen, was ihnen auf der Seele liegt. Und Ayse und Ismail Yozgat – die schon zu Beginn des Prozesses als Zeugen ausgesagt hatten – nutzen diese Gelegenheit zu einer Anklage.

„Sie waren meine Hoffnung“

„Sie waren meine letzte Hoffnung und mein Vertrauen“, ruft Ayse Yozgat den Richtern zu. Aber der Prozess bleibe ohne Ergebnis. „Sie haben wie Bienen gearbeitet, aber keinen Honig produziert.“ Auch die Richter hätten Kinder, „und ich wünsche Ihnen so etwas nicht“: Sie wünsche keiner Mutter, so etwas erleiden zu müssen wie sie selbst. Dann ist Ismail Yozgat an der Reihe. „Mein einziger, 21-jähriger Sohn starb in meinen Armen“, sagt er – und beklagt sich dann wie zuvor seine Frau über einen mangelnden Aufklärungswillen des Gerichts.

Der Mord an Halit Yozgat wirft tatsächlich bis heute dicke Fragezeichen auf. Denn zum Zeitpunkt der Ermordung des 21-Jährigen war auch Verfassungsschützer Andreas Temme am Tatort. Der surfte nach eigenen Angaben in einem Nebenraum privat im Internet, von der Tat habe er nichts bemerkt. Und er habe den sterbenden Halit Yozgat nicht einmal beim Hinausgehen hinter dem Tresen liegen gesehen. Temme stand zeitweise sogar unter Mordverdacht, die Ermittlungen wurden aber später eingestellt. Und: Das Oberlandesgericht bewertete Temmes Angaben in einem Beschluss aus dem Sommer 2016 als glaubwürdig.

„Temme hat unseren Sohn ermordet oder ließ unseren Sohn ermorden“

Ismail Yozgat, Vater eines Opfers

Damit kann, damit will sich Ismail Yozgat nicht abfinden. Er hat sich vielmehr sein eigenes Urteil gebildet: „Temme hat unseren Sohn ermordet oder ließ unseren Sohn ermorden“, sagt er. Immer wieder, klagt Yozgat, habe er eine Ortsbegehung verlangt, um damit zu zeigen, dass Temme lüge, dass dieser den Mord mitbekommen und den sterbenden Halit gesehen haben müsse. Vergeblich.

Vorwürfe an Bouffier

Temme sei vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier – heute Ministerpräsident – gedeckt worden. „Sie glauben dem Film des Agenten Temme, der nach seinen Wünschen gedreht wurde“, sagt Yozgat. Er habe Bouffier auch um ein Gespräch gebeten – doch der habe abgelehnt. Da bricht Yozgat die Stimme: Wie das sein könne, dass einem Mann, der seinen einzigen Sohn verloren habe, so ein Wunsch verweigert werde.

In diesen emotionalen Minuten wird deutlich: Familie Yozgat hat ihre Hoffnung aufgegeben. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt Ayse Yozgat zu Zschäpe. Früher sei die von ihren beiden „Uwes“ versorgt worden, jetzt sorge der Staat für sie – im Gefängnis. Doch Frau Yozgat hofft vor allem etwas anderes: „Ich wünsche den Schuldigen hier, bei Allah, dass sie Menschen werden und dass sie ihre Straftaten zugeben.“

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht