mz_logo

Politik
Mittwoch, 21. Februar 2018 5

Bildungsarbeit

Erinnern, aber ohne Zwang

Jörg Skriebeleit erklärt, wie es gelingt, Jugendliche für das Thema Holocaust zu interessieren – und was sie abschreckt.
Von Katharina Kellner

Für Jörg Skriebeleit ist es wichtig, dass Jugendliche sich ernst genommen fühlen. Foto: Kellner

Flossenbürg.Was erwartet Schulklassen, wenn sie nach Flossenbürg kommen?

In der Philosophie unserer Bildungsarbeit ist es uns wichtig, dass wir ein außerschulischer Bildungsort sind. Das heißt: Das hier funktioniert anders als Schule und das soll man merken, auch wenn viele Gruppen im Rahmen eines Schulbesuchs kommen. Wir bieten seit langem und immer intensiver eine ganze Bandbreite von Programmen an. Das heißt nicht nur unterschiedliche Themen, sondern auch Methoden. Zum Beispiel ein selbstgeführter oder ein selbstentdeckender Rundgang. Oder Arbeiten mit einer Objektkiste in der Ausstellung.

Welche Erfahrungen machen Sie?

Äußerst gute. Unabhängig von Alter und Schulart merken die Leute: Wir werden ernst genommen. Da steht nicht jemand vorne, der fragt: Wie viele Häftlinge waren in Flossenbürg, wie viele Kommandanten, wie viele Tote gab es? Das ist nicht das Ziel der Arbeit hier. Man soll sich tatsächlich mit dem, was man selber mitbringt, an Haltungen, an Stereotypen, an Emotionen, auf diesen Ort einlassen können.

Wie schaffen Sie das?

Wir versuchen erstmal, nicht moralisierend zu sein. Wir wollen an diesem Ort die Schwellen von Erwartungen senken. Wenn Politiker oder Lehrer erwarten: Die fahren jetzt zwei Stunden nach Flossenbürg, wo sie frieren sollen und nichts essen und hinterher sind das alles bessere Menschen – kann das so nicht funktionieren. Frieren bildet ja nicht. Und wenn die Kids das Gefühl haben, sie gehen nach zwei Stunden raus und müssen dann „Nie wieder!“ sagen, dann hat das keine Nachhaltigkeit.

Moralisieren die Lehrer denn?

Ich will absolut kein Lehrer-Bashing betreiben. Aber wir werden regelmäßig konfrontiert mit Aussagen wie: Wir wollen im Winter kommen, dann können die Schüler das besser nachempfinden. – Ich kann doch noch so interessiert sein, aber wenn ich nach zwanzig Minuten nicht mehr stehen kann, weil mir einfach nur kalt ist, dann bin ich für nichts mehr zugänglich. Es kommen auch immer wieder Forderungen, ob man nicht eine Baracke rekonstruieren kann. Wir sagen aber: KZ kann man nicht nachempfinden.

Wie macht man es nachhaltiger?

Viele kommen ja mit so einem Bild: KZ ist Gaskammer, ist „Arbeit macht frei“-Tor, ist Stacheldraht – nichts von dem ist in Flossenbürg vorhanden. Aber es war – bis auf die Gaskammer – mal da. Wir geben den Jugendlichen historische Bilder und schicken sie in Kleingruppen los: Schaut mal, ob ihr es findet. Gerade die Irritation, dass hier in Flossenbürg so wenig steht, funktioniert super. Weil es hier offensichtlicher ist: Man kann es sich nicht vorstellen. Man kann es sich auch in Dachau, wo mehr steht, nicht vorstellen. Aber man hat die Illusion, man könnte es. Dann rastert man ab, macht ein Foto vom Tor, man sieht drei Wachtürme. Vorstellen kann man sich’s trotzdem nicht. Aber mit dieser Irritation kann man hervorragend arbeiten: Sie knackt einen anders auf, weil es sperriger ist.

Wie gelingt es, an die Erfahrungswelt der Schüler anzuknüpfen?

Wir versuchen es über Individualität. Wir zeigen an Nachzeichnungen: Das war der Raum einer Baracke. Wie viele Leute, glaubt ihr, waren da drin? Die schätzen dann vielleicht 150. Bis zum Schluss waren es aber 500. Oder: Wie wichtig ist Dir Dein eigenes Zimmer? Warst Du schon mal länger von zuhause weg, ohne dass Du einen Brief schreiben durftest oder SMS? Klingt total banal. Wir fragen also: Was ist für Euch selbstverständlich, nicht nur als Wert, sondern für Euch als menschliches Wesen? Und was war hier null komma null selbstverständlich? Wir versuchen, Anknüpfungspunkte zu finden. Das ist keine Entwürdigung der Opfer oder Bagatellisierung von dem, was hier passiert ist. Ganz im Gegenteil: Das ist ein Aufschließen von Empathie.

Erleben Sie die Schüler als offen oder desinteressiert? Und gibt es auch Antihaltungen?

Antihaltungen sind sehr sehr selten. ,Schon wieder Holocaust‘, das gibt es als pubertäre Grundhaltung. Gleichzeitig: Massivste Menschheitsverbrechen, Tod und Verderben, Massenentwürdigung – das ist etwas, was Menschen grundsätzlich beschäftigt. Ein Konzentrationslager ist einer der extremsten Orte, an denen das passiert ist. Auch wenn an dem Ort baulich nichts vorhanden ist, man kommt hierher und weiß: Hier sind vor 70 Jahren viele tausend Menschen entwürdigt und massenhaft getötet worden. Darüber will man was wissen.

Was halten Sie von der Debatte über Pflichtbesuche?

Bei dem Thema bin ich zurückhaltend, trotz guter Erfahrungen. Wenn das pflichtschuldig gemacht wird – jetzt fahren wir da zwei Stunden hin und dann wieder heim, weil der Bus wartet – dann sind die Voraussetzungen nicht sehr günstig.

Und Pflichtbesuch für Migranten?

Wir merken in den Integrationsklassen, dass die aus einem anderem politischen und Wertediskurs kommen. Insofern kann ich die Forderung der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nachvollziehen. Das ist ein Thema, ohne dass man gleich sagen muss, alle arabischen oder islamischen Jugendlichen sind Antisemiten. Wir machen mit Integrationsklassen ein Planspiel. Das geht davon aus: Wie stellt ihr euch eine Gesellschaft vor, in der ihr gerne wärt? Welche Rolle haben Frauen, Juden, Homosexuelle?

Überraschend für uns ist: Das Thema Antisemitismus ist nicht das allererste. Homosexualität ist ein sehr großes Tabu. Da können wir andocken: Wir versuchen, Stereotype mit vorwegzunehmen. Das gehört zum Schwellen senken: Die müssen das Gefühl haben, da steht jemand vorne, der uns nicht Moral und Werte eintrichtert, sondern der auch hören will, was bei uns so los ist.

Wie sieht das konkret aus: Stereotype mit vorwegzunehmen?

Wir fragen nicht ab, bist Du Antisemit, findest Du Schwule blöd? Wir versuchen, das in so einem Planspiel zum Setting zu machen. Wie stellt ihr Euch das ganz praktisch vor? Soll man ein Gesetz erlassen gegen Homosexuelle oder sie einsperren? Dann machen wir einen Cut und gehen raus. Und zeigen ihnen was von Flossenbürg und welche Konsequenzen ihre Haltungen für Juden, Schwule oder wegen „Zigeunertums“ Verfolgte damals hatten. Wir versuchen, sie abzuholen und mit Fakten dossiert einzugreifen. Und dann wird deren Bild von Verfolgung größer und breiter. Die Jugendlichen merken: Das hätte theoretisch auch mich betreffen können. Es findet eine Umkehrung statt über die eigene Erfahrung. Die Jugendlichen merken, dass diese Geschichte sehr konkret ist. Und dass hier einer der Orte ist, an dem diese Geschichte tatsächlich stattgefunden hat. Manche haben sich noch nie intensiv damit auseinandergesetzt, weil sie denken, Holocaust ist Erfindung oder ,Ach, nicht schon wieder KZ‘.

Wie gehen die Schüler raus? Gelingt es hier, Vorurteile zu drehen?

Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist die Praxis. Schulklassen sind nie homogen. Wir merken in hundert Prozent der Fälle, dass sie diskutieren, miteinander, gegeneinander, in Gruppen. Das ist unser Ziel. Es wäre komplett idealisiert, wenn einer rausgeht und sagt: Meine Stereotype gegenüber Homosexualität sind komplett weg. Wir wollen Impulse geben für weitere Auseinandersetzung: In der Klasse, in der Peergroup, in der Familie, in einem selber.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht