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Politik
Dienstag, 16. Januar 2018 7

Afghanistan

Europa soll Grenzen aufzeigen

Junge Männer aus Afghanistan stehen im Fokus. Nur Abschreckung hilft, sagt der bekannte Entwicklungshelfer Reinhard Erös.
Von Bernhard Fleischmann und Claudia Bockholt

Afghanistan-Experte Dr. Reinhard Erös nimmt – wie hier an der Uni Regensburg – desöfteren an Veranstaltungen zur Lage in Afghanistan und im gesamten Nahen und Mittleren Osten teil. Im MZ-Interview stand er Rede und Antwort. Foto: Lex/MZ-Archiv

Herr Erös, was sind das für junge Männer, die zu uns kommen?

In den 80er Jahren, während des Krieges gegen die Sowjets, kamen rund 150 000 Flüchtlinge aus Afghanistan zu uns, die zumeist innerhalb weniger Wochen voll integriert waren. Denn sie waren akademisch gebildet und sprachen bei Ankunft schon fließend Deutsch. Die Flüchtlinge der vergangenen drei Jahre sind eher das Gegenteil: Buben oder junge Männer aus armen Familien, die alle in Afghanistan keine Lebensperspektive sehen. Das Land leidet unter extrem hoher Arbeitslosigkeit. Ihr Hauptziel ist, hier einen Job zu finden und Geld zu verdienen. Ein Großteil von ihnen möchte nach einiger Zeit zurückkehren und mit dem Geld einen Laden oder eine Werkstatt aufmachen und eine Familie gründen. Sie haben keine Ausbildung, sind aber bereit, jede Arbeit anzunehmen. Aber wer nicht als Asylbewerber anerkannt ist, darf hier nicht arbeiten. Das ist ja die Crux. Deshalb kommen manche auf schlechte Gedanken: Schwarzarbeit oder Abgleiten ins kriminelle Milieu.

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Sollte Deutschland die Arbeitsmärkte öffnen?

Sobald jemand für längere Zeit bleiben darf, ist es für beide Seiten von Vorteil, wenn er möglichst umgehend einer bezahlten Arbeit nachgehen kann. Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kostet den Steuerzahler 5000 Euro pro Monat, ein Erwachsener 2000 Euro. Es ist nicht richtig durchdacht, wenn man von Staats wegen verhindert, dass sich der Flüchtling seinen eigenen Lebensunterhalt verdient. Bei jenen, die nicht bleiben dürfen, überlegt man nun in Berlin, ihnen etwas Geld zu geben für die Rückkehr. 500 oder 2000 Euro sind aber kein Anreiz. Ich habe Innenminister Thomas de Maizière vorgeschlagen, 10 000 Euro mitzugeben – in mehrere Raten gestaffelt. Davon könnte der Betreffende in Afghanistan den Schleuser abzahlen und sich gleichzeitig etwas aufbauen.

Damit gibt man doch einen enormen Anreiz zur Flucht?

Das ist derzeit noch zutreffend. Man muss deshalb zunächst die europäischen Grenzen so dicht machen, dass aus Afghanistan kaum mehr eine Fluchtchance nach Deutschland besteht. Und darüber hinaus muss man über die Deutsche Welle, die in Afghanistan täglich in beiden Landessprachen sendet, informieren, dass diese Regelung nur jetzt und für die bereits anwesenden Flüchtlinge gilt, nicht für neu Ankommende. Abschreckende Maßnahmen sprechen sich schnell herum.

„2015 und 2016 konnte man in Reisebüros die Schleusungen ganz offiziell buchen“

Dr. Reinhard Erös

Anrecht auf Asyl haben also wohl nur wenige. Sie sagen, die meisten, die hierherkommen, sind Wirtschaftsmigranten?

Ich spreche eher von „Perspektivlosigkeitsflüchtlingen“. Nur ein geringer Teil sind tatsächlich Verfolgte; z.B. Männer, die mit den westlichen Truppen oder mit der afghanischen Armee oder dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben. Sie gelten bei den Aufständischen und vielen anderen Afghanen als Spione. Da reden wir von ein paar Hundert. Und selbst diese sind von den Taliban bedroht, nicht vom Staat.

Wie organisiert man die Flucht aus Afghanistan?

2015 und 2016 konnte man in Reisebüros die Schleusungen ganz offiziell buchen: Economy für 6000 Euro oder Business-Class für 12 000 Euro. Bei Business erfolgt der Transport mit Bussen und nicht auf einem LKW, die Unterkunft während der Flucht wird in Pensionen organisiert und nicht „unter den Brücken von Istanbul“. Man wird nicht mit einem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland gebracht, sondern mit einem Motorboot.

Es wird gerade viel über die Altersfeststellung der Geflüchteten diskutiert. Warum machen sich viele jünger als sie sind?

Der sogenannte „minderjährige unbegleitete Flüchtling“ genießt bei uns zahlreiche Vorteile: Er muss nicht in einer Massenunterkunft leben, sondern in Kleingruppen oder bei Familien Er darf nicht abgeschoben werden. Um ihn kümmern sich Sozialarbeiter. Er erhält Sprachunterricht und vieles mehr. Eine Altersfeststellung auf Monate oder gar Wochen genau ist medizinisch nicht möglich. Juristisch ist dies jedoch bei der Strafzumessung oft von großer Bedeutung. Dokumente aus Afghanistan sind mit Vorsicht zu bewerten; Ausweise mit gewünschter Altersangabe sind dort gegen 500 Euro bei den Behörden leicht zu beschaffen.

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Deutschland debattiert über schwere Gewalttaten junger Flüchtlinge. Gibt es in Afghanistan eine gewaltbereitere Kultur gegenüber Frauen?

Meine Erfahrungen nach 35 Jahren in Afghanistan sagen: Nein. Eine Übersicht des deutschen Familienministeriums in Deutschland besagt, dass 40 Prozent aller Frauen in Deutschland in ihrem Leben schon einmal mit physischer Gewalt konfrontiert worden sind. Diese Zahl ist – aus meiner Erfahrung – in Afghanistan nicht höher. Im Übrigen: „Die“ afghanische Kultur gibt es nicht. In Europa haben wir in Skandinavien eine andere Kultur wie etwa in Süditalien. So ähnlich ist es in Afghanistan auch, einem Land mit mehr als 20 verschiedenen Ethnien und 15 Sprachen.

Aber Gewalt gegen Frauen ist in Afghanistan akzeptiert?

Ich kenne die Kultur der Paschtunen, der mit ungefähr 50 Prozent Anteil größten Bevölkerungsgruppe, seit über 30 Jahren recht gut. Bei ihnen ist auf den Dörfern, in denen 80 Prozent der Menschen leben, innerhalb des Hauses die Frau der Chef, außerhalb bestimmt der Mann das gesellschaftliche Leben. Physische Gewaltanwendung gegenüber einer ja körperlich unterlegenen Frau widerspricht der patriarchaischen Kultur der Paschtunen. Wenn bekannt wird, dass der Mann seine Frau körperlich misshandelt, wäre das ein Zeichen der Schwäche des Mannes, da der Mann nicht über die notwendige personale Autorität verfügt, um seine Familie, deren wesentlicher Bestandteil ja die Ehefrau ist, „im Griff“ zu haben.

„Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren ungefähr 250 000 Afghanen aufgenommen, 90 Prozent davon junge Männer. Nun gab es drei oder vier Tötungsdelikte von Afghanen. Das ist statistisch nicht viel höher als bei jungen deutschen Männern.“

Dr. Reinhard Erös

Noch einmal die Frage: Warum waren es zuletzt vor allem afghanische Flüchtlinge, die schwere Verbrechen begangen haben?

Ich will nicht das Wort „Einzelfälle“ strapazieren. Aber wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren ungefähr 250 000 Afghanen aufgenommen, 90 Prozent davon junge Männer. Nun gab es drei oder vier Tötungsdelikte von Afghanen. Das ist statistisch nicht viel höher als bei jungen deutschen Männern.

Wie soll man mit den Tätern umgehen?

Wer wegen einer schweren Straftat verurteilt ist, muss seine Haft nicht in Deutschland, sondern in seinem Heimatland absitzen. Jeder Hafttag kostet bei uns pro Tag 250 bis 350 Euro, in Afghanistan nur drei bis vier Euro. Mein Vorschlag: Die Unterbringungskosten in einer afghanischen Haftanstalt übernimmt – nach vorheriger vertraglicher Vereinbarung durch Berlin – Deutschland und spart damit sehr viel Geld. Gleichzeitig würde dieses Vorgehen bei potentiellen Straftätern eine abschreckende Wirkung erzielen und der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit viel Wind aus den Segeln nehmen.

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  • PH
    Peter Franz Hammer
    03.01.2018 11:38

    Bravo - endlich sagt mal jemand die Wahrzeit und nicht irgendwelche Floskeln - warum können sich unsere Politiker nicht derartiger Experten bedienen und deren Ratschläge befolgen , anstatt irgendwelche Phrasen zu dreschen .... und uns mit den immensen Kosten für all die ach so tollen Ideen zu belasten.

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