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Politik
Montag, 18. Dezember 2017 3

Trauer

Fidel Castro: „Übervater“ der Kubaner

Der Tod des Revolutionsführers trifft die Kubaner. MZ-Redakteur Wolfgang Ziegler berichtet von der Stimmung im Karibikstaat.
Von Dagmar Unrecht, MZ, und den Nachrichtenagenturen

Castro war mit der "Bewegung des 26. Juli" die treibende Kraft der kubanischen Revolution, die 1959 zum Sturz des Diktators Fulgencio Batista führte. In dieser Bilderstrecke zeigen wir Stationen und Weggefährten seines Lebens.

Havanna.Von seinen Feinden wurde er schon oft totgesagt. Jetzt ist Fidel Castro tatsächlich im Alter von 90 Jahren in Havanna gestorben. Der kubanische Revolutionsführer hatte zuvor alles und alle überlebt: die Wirtschaftsblockade der USA, zehn US-Präsidenten, mehr als 600 Attentatsversuche und das Ende der großen Schutzmacht Sowjetunion. Dass MZ-Redakteur Wolfgang Ziegler gerade jetzt auf Recherchereise in Cuba ist, mag man kaum Zufall nennen. Das Land ist für den Regensburger zur zweiten Heimat geworden. Unzählige Male hat er Kuba bereist, er kennt dort viele entlegene Winkel und hat einen umfassenden Reiseführer über den Karibikstaat verfasst. „Die Menschen hier sind furchtbar traurig“, berichtet Ziegler am Samstagnachmittag am Telefon, da ist es bei ihm gerade früher Vormittag. Besonders die Älteren hätten Tränen in den Augen, wenn sie über den Tod von Fidel sprächen.

Der MZ-Redakteur befindet sich in Viñales, einem kleinen Ort rund 170 Kilomenter westlich der kubanischen Hauptstadt Havanna. Beim Frühstück hat er vom Tod Castros erfahren. „Momentan sind hier alle in Schockstarre“, berichtet er. Fidel Castro sei für die Menschen in Kuba ein Übervater und unantastbar. „Aus Sicht der Kubaner ist ihm alles zu verdanken, dieses Gefühl der Dankbarkeit geht quer durch alle Generationen“, so Ziegler weiter.

Person mit „unheimlicher Kraft“

Viele Kubaner seien mit Fidel Castro als Präsidentem aufgewachsen oder alt geworden, zum Beispiel Caridad Delgado aus Havanna. Sie wurde 1942 geboren und hat als 17-Jährige miterlebt, wie Castro 1959 nach der geglückten Revolution triumphal in die Hauptstadt eingezog. Delgado lebt heute in Alamar, einem Vorort von Havanna, und ist inzwischen Rentnerin. Ihr Arbeitsleben hat sie im erweiterten Team des heutigen Präsidenten Raúl Castro verbracht, auch Fidel Castro hat sie oft persönlich getroffen.

An den verstorbenen Präsidenten erinnert sie sich als eine Person „mit unheimlicher Kraft“. Wie so viele ihrer Landsleute glaube auch sie, dass sich in Kuba nach dem Tod Fidel Castros nichts ändern werde, berichtet Ziegler: „In Kuba gibt es noch viele Revolutionäre, die die Sache von Fidel weiterführen werden“, so die Überzeugung der alte Dame. Die Kubaner seien der festen Meinung, dass Fidel Castro bis zu seinem Tod die Fäden im Hintergrund gezogen habe, so Ziegler weiter. Das sei auch die offizielle Version. „Ich glaube aber, dass Raúl durchaus seine eigenes Ding gemacht hat“, so Ziegler und verweist auf die USA-Politik. Dass sich diese in Zukunft ändern könnte, sei möglich: „Aber das liegt an Trump, nicht an Raúl Castro.“

Jubel in Miami

Im Miami haben hunderte Exil-Kubaner in der Nacht zum Samstag im Stadtteil Little Havanna den Tod von Fidel Castro gefeiert. Kubanische Fahnen schwenkend zogen sie in hupenden Autos und zu Fuß mit Kleinkindern auf dem Arm eine Straße entlang, an der sich zahlreiche kubanische Lokale befinden. „Ich wünschte, mein Vater wäre noch hier, um dies zu erleben“, sagte weinend der 27 Jahre alte Abraham Quintero der Zeitung „Miami Herald“.

Dass Exil-Kubaner in den USA dessen Tod feiern, sei für die Menschen in Kuba ein entsetzlicher Gedanke, berichtet Ziegler. Auch die 46-jährige Sandra Perez aus Havanna könne diese Reaktion nicht verstehen. Sie sei voll des Lobes für den toten Revolutionsführer, der ihr Großvater hätte sein können. „Er war intelligent und geschichtsbewusst“, findet sie. Er habe den kubanischen Sozialismus eingeführt und so dafür gesorgt, dass die ganze Welt mit Interesse auf Kuba blicke.

Lesen Sie hier auch die Geschichte zum Geburtstag von Fidel Castro, die Wolfgang Ziegler geschrieben hat: „Wenn ich sterbe wird es keiner glauben“

Fidel hatte sich nach einer schwierigen Darmoperation im Juli 2006 aus der Politik zurückgezogen und seine Amtsgeschäfte als Staatsoberhaupt an seinen Bruder Raúl, den damaligen stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden und Verteidigungsminister, übergeben und war zunächst nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Sogleich gab es Spekulationen, der Tod des damals mit 47 Amtsjahren dienstältesten Präsidenten der Welt stehe unmittelbar bevor.

Fidel Castro (l.) mit seinem Bruder Raul 2011 in Havana Foto: dpa

Bald werde ich wie alle anderen sein.

Fidel Castro im April 2016

Doch die exilkubanischen Konterrevolutionäre tanzten zu früh in den Straßen von Miami. Nach dem Motto „Totgesagte leben länger“ war Castro nach der Operation mehrmals im Fernsehen zu sehen – anfangs noch stark geschwächt im Schlafanzug, später schon weniger gebrechlich und geistig klar im Trainingsanzug in den kubanischen Nationalfarben.

Skepsis gegenüber Annäherung an die USA

Wiederholt äußerte sich Castro dabei auch zu politischen Fragen. Nicht immer lag er dabei auf einer Linie mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl und bis zuletzt verfolgte er die unter diesem eingeleitete Annäherung an die USA mit einer gewissen Skepsis.

Das Leben Fidel Castros in Bildern:

Das Leben des Fidel Castro

Der am 13. August 1926 im ostkubanischen Birán geborene Sohn eines aus Spanien eingewanderten Landbesitzers war ein ehrgeiziger, intelligenter Schüler und ein hervorragender Sportler. Bei seinen Lehrern an der Jesuitenschule galt er allerdings auch als jähzornig und stur. Als Jurastudent organisierte Castro Proteste gegen die Diktatur von Fulgencio Batista. Bereits mit 27 Jahren war er von sich und seiner historischen Mission überzeugt. Im Jahr 1953 stand der junge Anwalt wegen eines Umsturzversuchs vor Gericht und schleuderte seinen Anklägern entgegen: „Die Geschichte wird mich freisprechen.“

Der Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953, dem späteren kubanischen Nationalfeiertag, schlug fehl. Etliche Aufständische wurden gefangengenommen, gefoltert und ermordet. Castro wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1955 aber im Zuge einer Generalamnestie freigelassen.

Rückkehr mit Che auf der Granma

Fidel Castro (r.) kehrte nach seiner Ausreise mit dem Argentinier Ernesto Che Guevara nach Kuba zurück. Foto: afp/Roberto Salas/Cubadebate

Fidel Castro (M.) bei einer Rede mit Camilo Cienfuegos (r.) und Ernesto Che Guevara (l) in Havana. Foto: afp

Die brutale Reaktion der Batista-Diktatur auf ihre Gegner brachte die Bevölkerung auf die Seite Castros. Im mexikanischen Exil bereitete er mit dem argentinischen Arzt Ernesto „Che“ Guevara den Guerilla-Krieg gegen den Diktator vor. Im Dezember 1956 kehrte Castro an Bord der legendären „Granma“ nach Kuba zurück und begann seinen Untergrundkampf. Er endete am 1. Januar 1959 mit seinem triumphalen Einzug in der Hauptstadt Havanna.

Nach der Revolution verwirklichte Castro nach und nach seine politischen Vorstellungen: Wohnraum, Bildung und kostenlose Gesundheitsfürsorge für die gesamte Bevölkerung. Großgrundbesitzer und ausländische Firmen wurden enteignet, tausende „Konterrevolutionäre“ aus dem Land gejagt. Sie fanden vor allem im US-Bundesstaat Florida Zuflucht und gehörten von da an zu Castros erbittertsten Feinden. Gegen Systemgegner und Dissidenten griff Castro hart durch: Sie wurden drangsaliert, aus dem Land getrieben oder eingesperrt.

Für den südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela (r.) war die kubanische Revolution „eine Quelle der Inspiration“ im Kampf gegen die Apartheid. Foto: dpa

Kubanische Exilanten in Miami feiern den Tod Fidel Castros. Foto: dpa

Castros Tochter Alina floh 1993 nach Miami, seine Schwester Juanita forderte seinen Rücktritt. Sein Bruder Raúl allerdings blieb ihm treu. Im Jahr 2008 wurde er offiziell kubanisches Staatsoberhaupt, im April 2011 folgte er Fidel auch auf dessen Posten an der Spitze der Kommunistischen Partei Kubas (PCC).

Auf dem Parteitag im April hielt Fidel Castro eine Art Abschiedsrede. „Bald werde ich wie alle anderen sein. Für jeden von uns kommt die Zeit“, sagte er. Zugleich rief er dazu auf, die „Ideen der kubanischen Kommunisten“ hochzuhalten. Die tausend Delegierten feierten ihn mit „Fidel, Fidel!“-Rufen.

Der damalige venezolanische Präsident Hugo Chavez besucht Castro nach dessen Darmoperation im Juli 2006. Foto: afp

In Kuba ist nach dem Tod des Revolutionsführers eine neuntägige Staatstrauer ausgerufen worden. Der kubanische Staatsrat ordnete die Staatstrauer bis zum 4. Dezember an, wie die Zeitung „Juventud Rebelde“ am Samstag online berichtete. Während der Trauerperiode sollen die Fahnen auf halbmast gesetzt werden, Rundfunk und Fernsehen auf eine „informative, patriotische und historische“ Programmgestaltung achten und alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt werden. Am Samstag sollte der spanische Tenor Plácido Domingo erstmals ein Konzert in Kuba geben.

Fidel Castro hat die kubanische Revolution mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen verkörpert.

Frankreichs Präsident Francois Hollande

Die sterblichen Überreste Castros sollen zunächst zum monumentalen Denkmal für den Nationalhelden José Martí in Havanna gebracht werden. Dort sollen die Kubaner Abschied von Fidel Castro nehmen können. In Havanna soll am Dienstag zum Abschied von Fidel Castro eine Massenkundgebung auf dem Revolutionsplatz stattfinden. Anschließend soll die Urne mit der Asche in einem viertägigen Trauerzug über verschiedene Ortschaften zur 900 Kilometer von Havanna entfernten Stadt Santiago de Cuba gebracht werden.

Führende Politiker der deutschen Linkspartei haben die Leistungen des verstorbenen Castros gewürdigt. „Gemeinsam mit den Menschen in Kuba, Lateinamerika und überall dort, wo die kubanische Befreiungsbewegung einen emotionalen Wert besitzt, gedenken wir nicht unkritisch der großen Leistung dieses Revolutionärs“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Linken-Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch am Samstag in Berlin.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat den gestorbenen kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro als herausragenden Staatsmann gewürdigt. „Er gilt zurecht als Symbol einer ganzen Ära der Zeitgeschichte“, schrieb Putin am Samstag in einem Beileidstelegramm.

Der französische Staatspräsident François Hollande hat den verstorbenen kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro als „eine Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts“ gewürdigt. Er habe die kubanische Revolution mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen verkörpert, erklärte Hollande am Samstag in Paris. (afp/dpa)

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