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Politik
Montag, 11. Dezember 2017 4

Gesellschaft

Fürs Spielen ist der Papa da

Den Vatertag halten sich Männer heute öfter frei für die Familie. Väter sind wichtiger als lange Zeit gedacht.
Von Marianne Sperb, MZ

Der Papa ist wichtig. In ihrer bahnbrechenden Langzeit-Studie zu Bindung belegten die Regensburger Psychologen Klaus und Karin Grossmann den Einfluss der Väter. Foto: dpa

Regensburg.Im Mai werden Mütter mit Blumen und Parfum beschenkt und ausgeführt. Zum Vatertag dagegen gehört eher das Bild von Männergruppen, reichlich Alkohol und Besorgnis erregenden Unfall-Statistiken. Aber: Das traditionelle Rollenbild wandelt sich. Die Mutter, die das Kind prägt, im Guten wie im Schlechten, wird kritischer betrachtet. Mama ist nicht mehr automatisch „die Beste“, sondern vielleicht auch „die Bestie“. Und Väter sind längst nicht mehr nur als Geldverdiener anerkannt; sie übernehmen ihren Platz als Partner in der Familienarbeit.

Auf einem Spielplatz im Regensburger Westen tobt Thomas D. mit seinen zwei Töchtern Lilly (3) und Lore (5) herum. Er schubst die Schaukel mit der Kleinen – so hoch, bis die Dreijährige juchzt – und erkundet mit der Großen das Kletterhaus. Und das an einem Werktag, nachmittags um drei.

Thomas D. arbeitet Teilzeit, 26 Stunden die Woche. Er tritt beruflich kürzer, um mehr Zeit mit seinen Mädchen verbringen zu können. Der 34-Jährige, der ziemlich erfolgreich in der IT-Branche unterwegs ist, sagt: „Ich wollte, dass die Kinder, so lange sie klein sind, von beiden Eltern etwas haben, nicht nur von der Mutter. Väter sind schließlich wichtig.“

22 Jahre lang Familien studiert

Väter sind wichtig. Dieses Wissen ist noch gar nicht so alt und einen bahnbrechenden Beitrag haben zwei Regensburger Forscher geliefert, die in Fachkreisen eine Legende sind: Prof. Dr. Klaus Grossmann und seine Frau Dr. Karin Grossmann. Über Bindung weiß in Deutschland kaum jemand so gut Bescheid wie sie.

Das Paar hat ab den 1970er Jahren in einer Langzeitstudie 98 Familien begleitet und untersucht, welche Rolle Mütter und Väter für Kinder spielen – eine revolutionäre Arbeit, deren Erkenntnisse bis heute gültig sind. Ab einem Alter von elf Monaten, in 49 Fällen sogar vom Moment der Geburt an, sammelten und analysierten die Psychologen Daten dazu, wie Kinder und Eltern kommunizieren und aufeinander reagieren – über sagenhafte 21 bzw. 22 Jahre hinweg. Ein Ergebnis: Väter haben entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.

Ein Priester wird Papa

„Genau aus diesem Grund habe ich mich zu meiner Tochter bekannt“, sagt Stefan Hirblinger am Telefon. Der Oberpfälzer hat gerade etwas Zeit, weil Frau und Baby unterwegs sind. Er war Priester und Religionslehrer in Amberg, als im Januar 2017 seine Judith zur Welt kam. „Es hat mich immer sehr bewegt, wenn ich Dokumentationen über Kinder anschaute, die erst spät erfahren haben, dass ihr Vater Priester war“, erzählt er. Der Geistliche machte seine Vaterschaft also öffentlich – und wurde vom Bistum Regensburg suspendiert. Ein hoher Preis. „Aber für mich war immer klar: Falls ich Vater werde, werde ich mich dazu auf jeden Fall bekennen. Mein Kind soll mit Vater aufwachsen können.“

Kinder und ihre Väter im Kurpark in Bad Wörishofen: Immer mehr Häuser bieten Vater-Kind-Kuren an. Foto: dpa

Stefan Hirblinger orientiert sich beruflich gerade neu; er kann sich die Zeit für das Baby frei einteilen. Er umsorgt das Kind gemeinsam mit der Mutter, die sich in Elternzeit befindet. „Das Baby nimmt bereits wahr, dass zwei Menschen für es da sind. Und beide sind ihm wichtig.“ Und noch etwas fällt Hirblinger auf: „Wenn ich länger unterwegs bin und heimkomme, reagiert das Kind sehr lebhaft.“

Der Vater ist fürs Spielen, für Entdeckungen und Abenteuer zuständig, haben Karin und Klaus Grossmann beobachtet. Das ließ sich in der Studie an standardisierten Checks ablesen: Ist der Gesichtsausdruck interessiert? Macht das Kind Greifgesten? Typische Spiellaute? „Wenn das Kind dagegen weint, wenn es unruhig ist oder müde, wendet es sich eher der Mutter zu.“

Der große Einfluss der Väter

Wie der Vater mit dem Baby umgeht, geht weit über Spielerei hinaus: Es prägt die spätere Entwicklung. Die Grossmanns zeigten in ihrer Studie: Kinder mit feinfühligen Vätern, die es ebenso unterstützten wie ermutigten, waren im Kindergarten bei Gleichaltrigen und bei Erzieherinnen beliebter. Sie konnten in der Schule ihr Potenzial besser abrufen. Und sie gingen später mehr auf ihre eigenen Partner ein.

Stefan Hirblinger gehört mit seinen 56 Jahren zur wachsenden Gruppe älterer Väter. Genau wie Dr. Christian F. aus dem Landkreis Regensburg. Der Chirurg hat spät eine zweite Familie gegründet. Seine Söhne sind heute acht und zehn Jahre alt, er selbst knapp 70. „Für meine Kinder in erster Ehe hatte ich kaum Zeit“, bedauert er. „Ich war beruflich stark eingespannt.“ Für die beiden Nachzügler hat er seinen Arbeitstakt strikt reguliert. „Früher war ich oft bis nachts in der Klinik. Heute gehe ich um halb sieben, damit die Familie beim Abendessen komplett ist.“

Männer in der Doppelbelastung

Der Mediziner hat sich den Vatertag für die Familie freigehalten. Genau wie Michael Sch. aus Niederbayern. Der Vater, Ende 30, erzieht seine Kinder allein. Die beiden Söhne, heute sieben und neun, wollten nach der Trennung der Eltern 2015 bei Papa bleiben, in der vertrauten Umgebung. Michael Sch. hat sein Leben darauf eingerichtet. Er arbeitet Teilzeit als Beamter und führt einen kleinen Handwerksbetrieb. „Da kann ich mir die Zeit einteilen. Wann immer es geht, hole ich die Kinder nachmittags von der Schule ab. Am Wochenende unternehmen wir gemeinsam etwas, in den Ferien fahren wir immer alle miteinander weg.“ Im Wohnwagen. Wohin die Reise geht, entscheiden die Buben mit.

Ein Vater füttert sein Baby: Mehr als jeder vierte Vater hat in Bayern zuletzt Elterngeld bezogen. Foto: dpa

Den Kindern Vater und Mutter zugleich zu sein, ist „schon ein Spagat“, bekennt der Niederbayer. Er bekommt Unterstützung von seinem Umfeld, von anderen Eltern und von seiner Mutter, die im Familienanwesen lebt und sich ebenfalls um die Jungs kümmert. Trotzdem denkt er manchmal, seine Kraft reicht nicht. Am Vatertag wird er durchatmen. Er fährt auf Kur, mit den Kindern, versteht sich.

Ein Impuls kam von Konrad Lorenz

  • Die Autorin: Mütter stehen im Mai im Fokus. Väter weniger. Marianne Sperb, Leiterin der Kulturredaktion, erinnerte sich beim Nachdenken über Vatertag und Vaterrollen an eine berühmte Regensburger Studie. Karin und Klaus Grossmann schenkten bereitwillig Zeit, um von ihrer Bindungsforschung zu erzählen.

  • Die Forscher: Klaus Grossmann, habilitierter Psychologe und Verhaltensbiologe, und Karin Grossmann, promovierte Psychologin, gelang mit ihrer Studie über Eltern-Kind-Bindung etwas Seltenes: Über 21 bzw. 22 Jahre hinweg beobachteten sie in rund 100 Familien in Bielefeld und Regensburg, wie Mütter und Väter mit ihren Kinder kommunizieren, aufeinander reagieren und wie sich die Kinder entwickeln.

  • Der Anstoß: Einer der Impulse zu der Arbeit kam von Konrad Lorenz. Der Verhaltensforscher lud das Paar in den 1960er Jahren zur Gänsebeobachtung ein. „Wir dachten uns: Gänse können nicht sprechen, trotzdem kann man ihr Verhalten toll erforschen, einfach durch Beobachtung. Warum machen wir das nicht auch mit kleinen Kindern?“, zitiert der Tagesspiegel Berlin Karin Grossmann in einem Beitrag 2012.

  • Die Studie: 51 Geburten erlebte Karin Grossmann 1976 in der Klinik Bielefeld. Sie und ihr Mann begleiteten die Kinder bis ins Erwachsenenalter. Die Erkenntnisse zu Bindung, die die Grossmanns gewonnen haben, beeinflussten auch die Praxis. Die Psychologen schlugen in der Bielefelder Klinik vor, die Babys nach der Geburt bei den Müttern zu lassen, statt sie Säuglingsschwestern zu übergeben. Rooming-In führten später Kliniken in ganz Deutschland ein.

Geld verdienen, Karriere machen und die Kinder zu besonderen Menschen erziehen: Das bekommen viele Eltern kaum unter einen Hut, zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Emnidine. Für die Zeitschrift „Eltern“ wurden 1000 Väter und Mütter mit Kindern bis zu zehn Jahren befragt. Nur 29 Prozent der Eltern sagten, sie bekämen Beruf und Familie gut hin. 2013 hatten diese Aussage noch 43 Prozent unterschrieben.

Die traditionelle Rollenverteilung hat nach wie vor Anhänger, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage. 17 Prozent der Befragtem wünschen sich, dass der Mann das Geld verdient und die Frau Haushalt und Kinder versorgt – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2013 (6 Prozent). Am beliebtesten ist das Modell, in dem der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit arbeitet (41 Prozent). Alles gerecht aufteilen, von Arbeitszeit bis Kinderbetreuung, das wollen 23 Prozent.

Lesen Sie alle Beiträge in der Reihe „Essay“:

„Schau mich bitte nicht so an“ – über Sexismus

„Das geht dir unter die Haut“ - über Tattoos

„Liebe mich – aber bitte von fern“ – über Städte-Tourismus

„Unter grünen Dächern“ – über den Wald

„Arbeit: Es gibt wenig Besseres“ – zum Tag der Arbeit

Konrad und Karin Z. aus dem Landkreis Regensburg werden in ein paar Wochen Eltern. Sie haben sich auf das traditionelle Modell verständigt. Der 38-Jährige und seine Frau (32) arbeiten in der Kommunikationsbranche, sind ähnlich qualifiziert und bekommen in etwa das gleiche Gehalt. Konrad Z. wird nach der Geburt des Babys vier Wochen in Elternzeit gehen und ansonsten der Geldverdiener bleiben, seine Frau wird sich mindestens zwei Jahre vollständig auf die Familie konzentrieren. „Wir haben das beide in unseren eigenen Elternhäusern so erlebt und fanden das sehr schön“, sagt der künftige Vater. Sein Arbeitgeber gibt ihm einigen zeitlichen Freiraum. „Ich werde also auch viel Zeit mit dem Baby verbringen können.“

Im Korsett von äußeren Erwartungshaltungen, eigenen Wünschen und realen Gegebenheiten hilft Vätern wie Müttern am ehesten etwas mehr Gelassenheit bei der eigenen Beurteilung, sagt Prof. Barbara Thiessen von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut. Eltern, die sich von dem Druck, alles müsse perfekt sein, frei machen, tun sich leichter. Thiessen: „Das Motto sollte auch mal sein: Gut genug genügt.“

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