mz_logo

Politik
Samstag, 16. Dezember 2017 5

Katastrophe

Fukushima: Als die Welt den Atem anhielt

Vor sechs Jahren kam es zum Super-GAU. Die Katastrophe veränderte alles: Doch die größte Herausforderung steht noch bevor.
Von Lars Nicolaysen, dpa

Um an die Opfer der Fluten zu gedenken, wirft diese Frau Blumen ins Meer. Foto: dpa

Fukushima.Die Kirschbäume haben sie stehen lassen. Als Japaner hänge man an ihnen, erzählt ein Mitarbeiter des japanischen Atomkonzerns Tepco lächelnd. Etwas bizarr ist dieser Hinweis auf die Bäume, während im Hintergrund die havarierten Reaktoren der Atomruine Fukushima Daiichi in den Himmel ragen. Sechs Jahre sind vergangen, seit an jenem 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. 18 500 Menschen starben damals in den Fluten. Zum Sinnbild der Katastrophe aber wurde der Gau im Atomkraftwerk Fukushima, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Noch heute lassen grotesk verbogene Stahlstreben und geborstene Betonplatten das Chaos erahnen, das hier damals herrschte.

Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges hier getan. In erstaunlich großen Gebieten der Anlage brauchen die täglich 6000 hier arbeitenden Männer laut Tepco keine aufwendigen Schutzanzüge mit Vollgesichtsmaske mehr zu tragen, da die Strahlenwerte deutlich gesunken seien. Die Lage sei „stabil“, wie es Manager Shunji Uchida ausdrückt. Doch die größten Herausforderungen stehen noch bevor: Rund 1500 abgebrannte Brennstäbe liegen noch in den zerstörten Reaktoren 1, 2 und 3. Nächstes Jahr will Tepco mit der Bergung im Reaktor 3 beginnen. Bis 2022 sollen dann alle Brennstäbe aus den Meilern entfernt und an einem sichereren Ort gelagert werden.

Wie sich die Region entwickelt hat, zeigt diese Bildergalerie:

Fünf Jahre nach der Katastrophe in Fukushima

Noch immer weiß niemand genau, wo sich der geschmolzene Brennstoff befindet. Ein kürzlich in den Reaktor 2 geschickter skorpionförmige Roboter drang wegen Trümmern nicht so nahe zum Kern vor wie erhofft. Wegen der extremen Strahlung von bis zu 650 Sievert pro Stunde, bei der ein Mensch innerhalb weniger Minuten sterben würde, ging er kaputt.

Tepco muss wissen, wo sich der Brennstoff in jedem der drei Reaktoren befindet, um herauszufinden, was die beste und sicherste Methode ist, ihn herauszuholen. Obwohl der Robotereinsatz bislang nicht den erhofften Erfolg brachte, halten Tepco und die Regierung an ihrem Plan fest, in diesem Sommer die grundsätzliche Vorgehensweise zum Herausholen des Brennstoffs festzulegen und dann 2021 anzufangen.

Doch trotz dieser und anderer großer Probleme wie der Entsorgung der riesigen Mengen an verstrahltem Wasser sollen nach dem Willen der Regierung die früheren Bewohner einiger umliegender Gebiete zurückkehren. Durch die großflächigen Dekontaminierungsarbeiten der vergangenen Jahre sei es angeblich wieder sicher, dort zu leben.

„Die japanische Regierung verrät die Opfer der Katastrophe und stellt Konzerninteressen über das Wohl der Menschen“

Susanne Neubronner, Atomexpertin

Der Staat und Tepco wollten auf diese Weise die hohen Entschädigungen an die Betroffenen einsparen, beklagen Kritiker. „Die japanische Regierung verrät die Opfer der Katastrophe und stellt Konzerninteressen über das Wohl der Menschen, beklagt Susanne Neubronner, Atomexpertin bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

So ist laut Greenpeace die von ihr in umliegenden Wäldern der Gemeinde Iitate gemessene Strahlung vergleichbar mit dem derzeitigen Strahlenniveau innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl. Trotzdem solle die Evakuierungsverfügung für einen Großteil von Iitate zum 31. März aufgehoben werden. Ein Jahr später fallen die Kompensationszahlungen für die ehemals 6000 Bewohner weg. Zuvor war auch schon die Sperrung anderer Gemeinden aufgehoben worden.

Fukushima: Das ist passiert

  • Was geschah im März 2011 in Fukushima?

    In der nordostjapanischen Präfektur Fukushima ereigneten sich am 11. März 2011 ein schweres Seebeben und in den folgenden Tagen mehrere Nuklearkatastrophen im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi („Fukushima I“). Die Katastrophe ging vom größten bekannten Beben der japanischen Geschichte der Stärke 9,0 aus. In dessen Folge bildete sich ein Tsunami mit bis zu 15 Meter hohen Wellen, die den Atommeiler fluteten. In drei der sechs Reaktorblöcke von Fukushima I kam es zu Kernschmelzen. Große Mengen radioaktiven Materials wurden freigesetzt; sie kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel der Umgebung. Schätzungen zufolge dürften die Entsorgungsarbeiten noch 30 bis 40 Jahre dauern. Die Folgekosten werden auf 150 bis 200 Milliarden Euro geschätzt.

  • Wieviele Menschen waren betroffen?

    Durch die Flutwelle starben an der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu mehr als 18.000 Menschen. Fast eine halbe Million Personen mussten in Notunterkünften untergebracht werden. 375.000 Gebäude wurden ganz oder zum Teil zerstört. Untersuchungen zufolge kommt es unter den Umgesiedelten etwa fünfmal häufiger zu psychischen Störungen als im Landesdurchschnitt. Unter den evakuierten Senioren stieg die Sterblichkeit in den ersten drei Monaten um das Dreifache. Die Zahl der Toten im havarierten Kraftwerk sowie durch die Evakuierung oder ihre Folgen wird auf etwa 600 beziffert.

  • Insgesamt wird langfristig mit bis zu 10.000 Toten durch die Atomkatastrophe und ihre Folgeerkrankungen gerechnet. Direkte Strahlungserkrankungen machen davon nur den geringeren Teil aus. Nach Angaben der japanischen Organisation AAR, Partner von Caritas International, lebten im Frühjahr 2016 noch rund 170.000 Evakuierte in provisorischen Verhältnissen, davon 55.000 in den staatlichen Behelfsunterkünften.

  • Welche Fehler wurden am Reaktor Fukushima-Daiichi gemacht?

    Die Schutzmauern zur Meerseite waren deutlich zu niedrig. Der größten Flutwelle in der Geschichte des Landes konnten sie keinesfalls standhalten. Die Erdbebensicherheit war bis zu einer maximalen Stärke von 8,0 ausgelegt. Weitere Konstruktionsmängel waren bereits vor der Katastrophe bemängelt worden. Zudem musste die Betreiberfirma Tepco nachträglich einräumen, über Jahre Wartung und Schutzmaßnahmen vernachlässigt und mehrere Störfälle verschwiegen zu haben. Tepco wie auch der damaligen japanischen Regierung werden mangelnde Koordination und schlechte Informationspolitik vorgeworfen. Dadurch seien unnötig viele Menschen schädlicher Strahlung ausgesetzt worden; viele, vor allem Alte und Kranke, seien durch zu spät eingeleitete Rettungsmaßnahmen ums Leben gekommen.

  • Wie viele Verantwortliche wurden juristisch belangt?

    In den ersten fünf Jahren nach der Reaktorkatastrophe wurden keine Prozesse angestrengt beziehungsweise entsprechende Klagen von den Gerichten abgewiesen. Zum fünften Jahrestag reichte ein Komitee unabhängiger Bürger Anfang 2016 eine neue Klage gegen die drei damaligen Top-Manager der Betreiberfirma Tepco wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge und mangelhafter Informationspolitik ein. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Anklage zuvor mehrfach aus Mangel an Beweisen abgelehnt.

  • Wie steht es um Japans Atomausstieg?

    Nach der Katastrophe von Fukushima stieg weltweit die Skepsis gegenüber der Kernenergie. In Deutschland beschloss die Bundesregierung einen stufenweisen Atomausstieg bis 2022. Die japanischen Regierungen steuern seit 2011 einen Zickzackkurs: Zunächst wurde ein baldiger Ausstieg angekündigt; bald darauf wurde dieser Schritt auf Druck der Industrie wieder zurückgenommen. Schon vor der Katastrophe hatte Japan auf einen Energie-Mix mit nur einem Drittel Atomenergie gesetzt. Dieser Anteil sank bis 2016 auf rund 20 Prozent. Dies macht die japanische Wirtschaft abhängig von teurer Importkohle aus China. In Umfragen spricht sich eine große Mehrheit der Bevölkerung für einen Ausstieg aus der Atomenergie aus. (kna)

Noch in diesem Monat wird zudem denjenigen, die „freiwillig“ aus Gebieten flohen, die nicht zur Evakuierungszone erklärt worden waren, die Wohnzuschüsse gestrichen. Das trifft vor allem viele Frauen mit Kindern. Sie seien „Opfer der staatlichen Atompolitik“, beklagt eine der betroffenen Mütter. Sie hätten auch angesichts von Berichten über zunehmende Fälle von Schilddrüsenkrebs unter Kindern weiterhin Angst.

Bislang sind denn auch nur wenige frühere Anwohner bereit, der Aufforderung des Staates zur Rückkehr zu folgen. Gerade mal gut zehn Prozent der wegen des Gaus evakuierten Menschen aus fünf Gemeinden der Präfektur Fukushima sind inzwischen in ihre früheren Häuser zurückgekehrt.

Ein umfangreiches Dossier über die Reaktorkatastrophe von Fukushima finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht