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Politik
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Recht

Gängelung der Trauernden

Für Bestattungen gelten viele Vorschriften. Manche schränken die Bürger unangemessen ein. Ein Beispiel: der Friedhofszwang.
Von Alexander Helbach

Alexander Helbach ist Pressesprecher von Aeternitas e.V. – VerbraucherinitiativeBestattungskultur.

Berlin.Fast jeder hat sie schon mal in amerikanischen Spielfilmen gesehen oder zumindest davon gehört: Die Urne auf dem Kaminsims. Die Asche der verstorbenen Oma hat einen Platz gefunden im Kreise ihrer Lieben statt auf dem Friedhof. Manche Menschen wünschen sich auch, dass ihre Asche an einem bestimmten Ort verstreut wird, zum Beispiel in einem Fluss oder einem Waldstück (außerhalb der mittlerweile mancherorts genehmigten Bestattungswälder). Beides ist hierzulande verboten, Begriffe wie „Pietät“ und „Totenwürde“ werden oft als Begründung genannt.

In Deutschland herrscht Friedhofzwang. Auch wenn Bestattungsrecht Ländersache ist und in manchen Fällen wie zum Beispiel bei der Seebestattung auf Nord- oder Ostsee Ausnahmen möglich sind: Die Asche Verstorbener zuhause aufzubewahren oder in der freien Natur zu verstreuen ist nirgendwo erlaubt.

In vielen anderen Staaten ist die Rechtslage jedoch weitaus liberaler. Wissen also nur deutsche Gesetzgeber, was pietätvoll ist und gehen Menschen in anderen Ländern weniger würdig mit ihren Verstorbenen um? Lässt man Lobbyinteressen von Bestattern, Steinmetzen und Friedhofsgärtnern und von Kommunen und Kirchen mit ihren nicht ausgelasteten Friedhöfen beiseite, was spricht dagegen, die Wünsche der Bürger zu erfüllen? Warum vertrauen die Gesetzgeber den Menschen nicht?

Gerne wird argumentiert, dem Missbrauch sei ohne Friedhofszwang Tür und Tor geöffnet: Urnen könnten „entsorgt“ oder die Asche entgegen dem Willen der Verstorbenen verstreut werden, um Kosten für ein Grab zu sparen. Die Praxis in anderen Staaten entlarvt diese Befürchtungen als unrealistisches Schreckensszenario.

Umfragen zeigen übrigens, dass nur eine kleine Minderheit überhaupt wünscht, dass ihre Asche in der Natur verstreut oder zuhause aufbewahrt werden soll. Gleichzeitig aber hält die große Mehrheit den Friedhofszwang für Urnen nicht mehr für zeitgemäß. Bestattungskultur verändert sich. So haben wir heutzutage über 60 Prozent Feuerbestattungen in Deutschland, vor 20 Jahren waren es noch weniger als 40. Teure Särge und aufwendige Gräber verkörpern für immer weniger Menschen ein Statussymbol. Das ist kein Traditionsverlust, sondern gesellschaftlicher Wandel. Traditionen und überlieferte Wertvorstellungen verlieren in vielen Bereichen an Bedeutung bzw. erfahren mit der Zeit Veränderungen oder bilden sich neu.

Um diverse Bedenkenträger zu beruhigen, könnte übrigens Voraussetzung sein, dass die hier beschriebenen Wünsche vom Verstorbenen zu Lebzeiten verfügt worden sein müssten. Ähnlich wird derzeit die nur im Bundesland Bremen erlaubte Aschebeisetzung im eigenen Garten gehandhabt.

Ein zeitgemäßes Bestattungsrecht muss auch an diejenigen denken, die sich nicht den Friedhof als letzte Ruhestätte wünschen, die Wünsche außerhalb der Norm haben. Die Würde der Verstorbenen gründet nicht in einem bestimmten, vorgeschriebenen Bestattungsort. Würdig ist es, die Wünsche der Verstorbenen umzusetzen und den Trauernden einen Abschied nach ihren Vorstellungen zu ermöglichen.

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