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Politik
Montag, 23. Oktober 2017 5

Asyl

Gebaut wird nicht nur für Flüchtlinge

Jährlich werden etwa 350 000 neue Wohnungen benötigt. Vielerorts werden Alternativen zu Containersiedlungen gesucht.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

Ein Arbeiter stellt auf dem Gelände einer neuen Flüchtlingsunterkunft einen Wohncontainer auf. Der wachsende Zustrom von Flüchtlingen zwingt etliche Kommunen zu Notmaßnahmen. Foto: dpa

München.Noch riecht es nach Farbe, Holz und Baustaub, der Fußboden ist nicht ganz fertig und die Zimmer sind leer. Doch man kann sich vorstellen, wie es hier in einigen Wochen sein wird. Wenn 158 Menschen durch die langen Flure des dreigeschossigen Hauses streifen, an den Küchenzeilen ihr Essen zubereiten, in den Gemeinschaftsräumen beisammen sitzen. Oder sich in ihre Zimmer zurückziehen, 15 Quadratmeter für jeweils zwei Betten, zwei Tische und zwei Schränke.

Die Flüchtlingsunterkunft in der Schleißheimer Straße 438 in München, die Ende Oktober eröffnen soll, ist nur eine von vielen und doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Entworfen hat sie der Architekt David M. Meuer, vier Häuser baut er derzeit allein in München. Der Bedarf ist riesig. Niemand kann abschätzen, wie viele Flüchtlinge bis Ende des Jahres gekommen sein werden und wie viele sich in den kommenden Jahren auf den Weg nach Deutschland machen. Realistisch sind wohl Zahlen von etwa einer Million Menschen pro Jahr, von denen ein großer Anteil langfristig untergebracht werden muss. Dabei geht die Bundesbauministerin Barbara Hendricks schon jetzt davon aus, dass jährlich etwa 350 000 neue Wohnungen benötigt werden, auch um Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt zu verhindern. Doch es geht nicht um Wohnungsbau um jeden Preis: „Das sind nicht Leute, die untergebracht werden müssen“, sagt Meuer, als er die Unterkunft in der Schleißheimer Straße vorstellt, „Das sind Menschen, die wohnen wollen.“.

Meuer ist nicht allein mit seiner Ansicht. Immer mehr Kommunen rücken ab von den lange beliebten Containerlösungen. Nicht nur, weil der Markt für Container momentan so gut wie leergefegt ist, sondern vor allem auch, weil immer deutlicher wird, dass die Flüchtlingskrise kein vorübergehendes Phänomen ist. Der Wohnraum, der nun geschaffen wird, muss langfristig zur Verfügung stehen, zur Umgebung passen und am besten auch dann nutzbar sein, wenn die Flüchtlinge ausgezogen sind.

An der Schleißheimer Straße hat Meuer dafür auf Holzmodule gesetzt. 26 Wochen Bauzeit, das günstigste Angebot in der Ausschreibung und vor allem auch nach der geplanten Nutzungsdauer von 15 Jahren weiter bewohnbar, als Bürogebäude oder Studentenwohnheim: „Nur jede dritte Innenwand ist tragend“, sagt Wolfgang Knöpfle von der Holzbaufirma Weizenegger, die das Haus erstellt hat, „So können die Räume anschließend problemlos verändert werden.“ Eine Bauweise, auf die mittlerweile viele große Hoffnungen setzen. Auch, weil sie der heimischen Forst- und Holzwirtschaft Aufträge verschafft. So sprechen einige schon von einem neuen Konjunkturprogramm, das durch den Bau der Flüchtlingsunterkünfte entstehe.

Gute Sicherheit für Unternehmen

Der Bedarf an Wohnraum ist riesig. Niemand kann abschätzen, wie viele Flüchtlinge bis Ende des Jahres gekommen sein werden und wie viele sich in den kommenden Jahren auf den Weg nach Deutschland machen. Foto: dpa

Auch für private Investoren wird der Bau der Unterkünfte interessant. „Ein fester Mieter für zehn bis 15 Jahre, der nicht pleite gehen kann: Das gibt einem Unternehmer eine gute Sicherheit“, sagt Andreas Adldinger, Bauunternehmer aus Freising. Er baut momentan eine Flüchtlingsunterkunft für 78 Menschen in Langenbach bei Moosburg. „Wir sind da so reingerutscht“, erzählt er. Er habe der Regierung von Oberbayern ein Grundstück in Freising angeboten, die wollte darauf Container errichten. Das konnte er sich gar nicht vorstellen. Auch aus einer christlichen Einstellung heraus, sagt er. Seither interessiert er sich für alternative Konzepte.

Er stieß auf die Gruppe um den Architekturprofessor Jörg Friedrich aus Hannover, dem Herausgeber des Buches „Refugees Welcome. Konzepte für eine menschenwürdige Architektur“. Der hat gemeinsam mit seinen Studenten Projekte entwickelt, die innerstädtische Räume neu denken: Parkdecks mit Wohnmodulen ausstatten, Flachdächer mit Wohneinheiten aufstocken, ausrangierte Güterwaggons bewohnbar machen. Besonders angesprochen hat Adldinger dabei die Mischnutzung in vielen der Projektideen, die Begegnungsräume beispielsweise für Studenten und Flüchtlinge schaffen.

Kommentar

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Vielleicht, sagt Adldinger, will er das ein oder andere Projekt verwirklichen, denn seiner Meinung nach kommt es bei gelungenen Unterkünften genau darauf an: Begegnungsräume zu schaffen und sich in die Gemeinde einzufügen. So baut er in Langenbach unter anderem auch einen Beachvolleyballplatz zur Flüchtlingsunterkunft. Den hatte sich die Stadt sowieso schon lange gewünscht, nun kann er zum Integrationsplatz werden. Und ganz nebenbei steigert das Engagement auch die Akzeptanz für die Unterkunft.

Wie Flüchtlingsunterkünfte eine gute Integration befördern können, darüber sind sich noch längst nicht alle einig. Vieles spricht dafür, dass kleine Einheiten, eingebettet in eine intakte Nachbarschaft, es allen Seiten einfacher machen: Den Flüchtlingen, weil sie nicht zu Hunderten zusammenleben müssen und sich weniger Konfliktpotenzial aufbauen kann, aber auch den Nachbarn, die sich nicht einer anonymen Masse gegenüber sehen. Andererseits, sagt Adldinger, könne man größere Einheiten für 70, 150 oder 200 Menschen kostengünstiger bauen, auch Angebote wie Sprachkurse, Fahrradwerkstätten oder ähnliches ließen sich dort leichter organisieren.

Markus Gildner, Investor aus der Oberpfalz, setzt auf die kleine Lösung: Er hat in einem Wohngebiet in Mittelfranken sechs Häuser gebaut, 18 Wohnungen sind so entstanden, die er an Flüchtlinge vermieten will. Später, sagt er, könne man die Zwischenwände herausnehmen und die Häuser als reguläre Reihenhäuser vermieten. Der Aufschrei in der Nachbarschaft war groß, das Medienecho um die vermeintlichen Luxus-Asyle riesig. Gildner lacht ein wenig, als er auf der Münchner Messe Expo Real davon erzählt, auf der das Thema auch diskutiert wird. Ihm hat die Aufmerksamkeit letztlich genutzt.

Transparenz bei allen Verträgen

Immer mehr Kommunen rücken ab von den lange beliebten Containerlösungen. Foto: dpa

Einige vermuteten schon einen PR-Coup, doch die Investition in Flüchtlingsunterkünfte kann auch ein Risiko sein. Sagt zum Beispiel der Fondsmanager Steffen Ulrich von der Berliner BEOS-AG: „Die Branche muss aufpassen, nicht als Kriegsgewinnler dazustehen.“ Und er zeigt einen Zeitungsartikel, in dem von gierigen Investoren die Rede ist, die vom Elend der Flüchtlinge profitieren. Umso wichtiger sei Transparenz bei allen Verträgen, sagt Jürgen Erbach von der Holzmindener Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst. Er sieht die Frage der Flüchtlingsunterbringung als Chance. Endlich könne die Immobilienbranche ihre wirkliche Bedeutung für die Volkswirtschaft zeigen, sagt er, und appelliert eindringlich: „Der Winter kommt, die Leute können in den nächsten Wochen nicht draußenbleiben!“. Wie viele Wohnungen genau benötigt werden, lässt sich ebenso schwer absehen wie die genaue Zahl der ankommenden Flüchtlinge. Von 455 000 Wohneinheiten zu je 80 Quadratmetern, die in den kommenden zwei Jahren entstehen müssen, geht Immobilienexperte Wulff Aengevelt aus. Eine große Chance für die Immobilienbranche sei das, sagte Erbach, denn die könne nun beweisen, dass sie tatsächlich die volkswirtschaftliche Bedeutung habe, die sie für sich reklamiere. Und gemeinsam mit den Kommunen günstigen Wohnraum für Flüchtlinge schaffen.

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