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Politik
Samstag, 18. November 2017 5

Agrar

Gefahr für die Landwirtschaft

Eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel setzt falsche Anreize. Die Abgabe hätte zahlreiche ungewollte Nebenwirkungen.
Von Oliver Mußhoff

Prof. Dr. Oliver Mußhoff ist Professor für Landwirtschaftliche Betriebslehre an der Georg-August-Universität Göttingen

Berlin.Braucht Deutschland eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel, um den Einsatz der Mittel zu senken? Gutachter des Umweltforschungszentrums (UFZ) Leipzig kamen zu diesem Schluss und präsentierten 2015 ein entsprechendes Modell. Wenn man dieses Modell mit Daten füttert und durchrechnet, zeigt sich jedoch, dass die Steuer viele ungewollte Folgen hätte.

1. Der Maisanbau, der schon heute in vielen Regionen in der Kritik steht, wird weiter ausgeweitet, denn der Mais ist deutlich weniger pflanzenschutzmittelintensiv als z.B. Gerste.

2. Auf ertragsschwachen Standorten würde die Steuer die Landwirtschaft unrentabel machen. Die Gefahr: Landwirte würden die Flächen nicht mehr bewirtschaften, so dass die Landschaft zumindest teilweise zu verbuschen droht.

3. Ineffizientere landwirtschaftliche Betriebe werden die Sondersteuer nicht „schultern“ können. Gerade für die weniger profitablen, kleinstrukturierten, familiengeführten Landwirtschaftsbetriebe könnte eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel also das Aus bedeuten.

5. Bemerkenswert: Auch der Biolandbau würde zum Leidtragenden. Denn sollten viele Betriebe die Steuer zum Anlass für die Umstellung auf Ökolandbau nehmen, würden die Preise für ökologisch erzeugte Produkte durch das steigende Angebot sinken. Der vorgesehene Etat für Ökoprämien müsste auf mehr Empfänger verteilt werden.

6. Die Einkommensverluste des landwirtschaftlichen Sektors werden deutlich höher ausfallen als erwartet und sich, je nach Szenario, auf 1,8 Mrd. bis 2,2 Mrd.Euro belaufen.

7. Werden in Deutschland weniger Agrarrohstoffe produziert, ist auch der vor- und nachgelagerte Bereich betroffen. Die Auswirkungen auf z.B. den Agrarhandel, die Mühlen und die Lebensmittelproduzenten belaufen sich auf 400 bis 700 Mio. Euro. Der volkswirtschaftliche Verlust einer Sondersteuer würde insgesamt also etwa drei Mrd. Euro ausmachen.

Es steht außer Frage: Es müssen, insbesondere von der Landwirtschaft und der Industrie, alle Anstrengungen unternommen werden, um die Risiken des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln zu minimieren. Die Vorstellung, dass man dies mit einer Steuer erzwingen kann, greift zu kurz und verkennt die Zielkonflikte: Werden Pflanzenschutzmittel in Deutschland durch eine Sondersteuer verteuert, reduziert sich möglicherweise die ausgebrachte Menge. Die heimische landwirtschaftliche Produktion würde jedoch ebenfalls sinken. Geht der Verbrauch von Agrarrohstoffen nicht mindestens im gleichen Maß zurück – was unwahrscheinlich ist –, verlagert sich die Produktion in andere Weltregionen, wo im Zweifel z. B. die Umweltstandards niedriger sind.

Über Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen der Erzeugung von Agrarrohstoffen kann man diskutieren, auch engagiert streiten, und man muss sich in den Schlussfolgerungen nicht einig sein. Allerdings muss die Diskussion auf Basis solider wissenschaftlicher Grundlagen erfolgen.

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