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Politik
Donnerstag, 27. Juli 2017 21° 7

Familie

Gewalt gegen Kinder ist bis heute Alltag

Eine Ohrfeige oder sexuelle Gewalt – viele Erwachsene haben damit Erfahrungen gemacht. Aus der Welt ist das Thema nicht.

Obwohl Gewalt in der Kindererziehung gesellschaftlich immer weniger akzeptiert ist, sind Schläge und emotionale Übergriffe weiterhin verbreitet. Fotos: dpa

Wie viele Deutsche haben in
ihrer Kindheit Gewalt erfahren?

Knapp ein Drittel (30,8 Prozent) der Bundesbürger gibt an, in der Kindheit körperliche oder emotionale Gewalt erfahren zu haben, fast jeder siebte (13,9 Prozent) Deutsche ist demnach Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Das ergab eine repräsentative Umfrage unter etwa 2500 Bundesbürgern zwischen 14 und 94 Jahren, die Forscher der Universität Ulm im vergangenen März vorstellten. Die Zahl der Todesopfer unter Kindern sei im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent gestiegen, auf 133, teilte die Deutsche Kinderhilfe gestern mit.

Wie akzeptiert sind Schläge in der Erziehung heutzutage noch?

In der Nachkriegszeit waren Schläge in der Kindererziehung oft noch die Regel, seitdem wächst die Zahl derer, die körperliche Strafen ablehnen. Für die Mehrheit sind „ein Klaps auf den Po“ oder eine Ohrfeige mittlerweile Tabu, sagte der Ulmer Experte für Kindeswohlgefährdung, Jörg M. Fegert, im vergangenen Jahr. In einer seiner Studien von 2016 bewerteten 44,6 Prozent einen „Klaps auf den Po“ als akzeptabel (2005: 76,2 Prozent); eine leichte Ohrfeige bewerteten 17 Prozent als in Ordnung (2005: 53,7 Prozent). Eine Tracht Prügel mit Blutergüssen, oder das Schlagen mit einem Stock sahen im vergangenen Jahr nur noch 0,1, beziehungsweise 0,4 Prozent als vertretbar an (2005: jeweils 1,9 Prozent).

Wer ist in der Regel am häufigsten betroffen?

Da gibt es unterschiedliche Meinungen: Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung aus dem Jahr 2013 zeigt: Heranwachsende aus armen Familien seien am stärksten von körperlicher Gewalt betroffen. Sozial besser und durchschnittlich gestellte Kinder erfuhren demnach deutlich seltener Gewalt. Dem widerspricht die Professorin für Pädagogik an der Hochschule Koblenz, Kathinka Beckmann: Gewalt gegen Kinder gebe es entgegen der gängigen Vorurteile in Familien, die Hartz IV beziehen, genauso wie in Akademikerfamilien. Rund ein Viertel der Todesfälle unter Kindern gibt es im Zusammenhang mit Trennungen und Streit um das Sorgerecht. Sinnvollste Gegenmaßnahme sei eine breit aufgestellte Kinderhilfe, meint Beckmann.

Augen auf bei Trennungen

  • Gewalt gegen Kinder

    endet manchmal tödlich – in Deutschland sterben pro Woche drei Kinder an den Folgen.

  • Oft gebe es

    einen Zusammenhang zwischen Trennungen und Streit um die Kinder und häuslicher Gewalt, sagt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe.

  • Daher sei es wichtig

    , wenn es im Bekanntenkreis eine Trennung gebe, acht zu geben: „Das sind die Zeiten, wo die Kinder besonders gefährdet sind.“

  • Statistisch gesehen

    säßen in jedem Klassenzimmer zwei betroffene Kinder, sagte die Psychologin und Expertin für Cyber Crime und sexuelle Gewalt, Julia von Weiler. Sie bezog sich auf eine Studie der Universität Ulm von 2016, die von einer Million betroffenen Kindern ausgeht. (dpa)

Wer sind in solchen
Fällen die Täter?

Die Gewalttäter kommen zum großen Teil aus dem häuslichen Umfeld: Väter, Mütter, Onkel und Tanten, Freunde der Familie, sagte Beckmann gestern. Julia von Weiler, Psychologin und Expertin für Cyber Crime und sexuelle Gewalt, meint: Ein Kind muss im Schnitt acht Erwachsene ansprechen, bevor ihm geglaubt wird. Ein Grund dafür sei die noch immer vorherrschende Tabuisierung. Dass jemand aus dem eigenen Umfeld Täter sein könnte, sei ein „schwerer Gedanke“, sagte sie. Deshalb sei das Dunkelfeld der Betroffenen sehr groß.

Welche Rolle spielt das Internet beim Thema Gewalt?

Eine immer größere. Soziale Netzwerke haben Gewalt gegen Kinder fundamental verändert, sagt von Weiler, insbesondere über das Smartphone seien Kinder und Jugendliche für Gewalttäter immer erreichbar. Sie forderte, schon den Versuch des sogenannten Cybergroomings – also das Ansprechen Minderjähriger im Netz mit dem Ziel sexueller Kontakte – unter Strafe zu stellen.

Welche Spätfolgen kann Gewalt in der Kindheit haben?

Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung erlitten, haben ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen sowie ein höheres Suizidrisiko. Deutlich häufiger als Menschen ohne Gewalterfahrungen leiden sie an Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischen Schmerzen, sagte Markus Huber-Lang, Chirurg am Zentrum für Traumaforschung der Uni Ulm erst im März. (dpa)

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  • AO
    Angelika Oetken
    14.07.2017 08:51

    "Ein Kind muss im Schnitt acht Erwachsene ansprechen, bevor ihm geglaubt wird" Ursprünglich war diese These anders gemeint als sie formuliert ist. Denn eigentlich ist es so, dass Kinder im Durchschnitt an sieben verschiedene Erwachsene Signale senden müssen, bevor einer handelt und hilft. Dafür gibt es verschiedene Gründe, angefangen von Unwissen, bis hin zu Unwillen. Auf jeden Fall verdeutlicht das, dass wir mehr Informationsquellen und Fachberatungsstellen benötigen. Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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