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Politik
Montag, 11. Dezember 2017 4

Protest

Hamas ruft zu „neuer Intifada“ auf

Die radikale Palästinenserorganisation reagiert auf Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

Mitglieder der Kassam-Brigade, dem bewaffneten Arm der Hamas, nehmen in Gaza an einer Demonstration gegen US-Präsident Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen teil. Die Entscheidung führte zu gewaltsamen Unruhen in den Palästinensergebieten. Foto: Wissam Nassar/dpa

Gaza.Der Muezzin der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg ruft zum Gebet. Sein Gesang erschallt über die Jerusalemer Altstadt. Gläubige Juden beten, singen und stecken Zettel mit Wünschen in die Ritzen des Mauerwerks. Der Tempelberg, für die Muslime Al-Haram Al-Scharif (das edle Heiligtum), ist beiden Religionen heilig – und damit der perfekte Zankapfel zwischen Israelis und Palästinensern.

Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA befeuert den Streit – mit nicht absehbaren Folgen. „Ich denke, das ist keine gute Sache, das zu tun“, schimpft Osama Scheich, Palästinenser aus Jerusalem, über die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump. Der 19-Jährige ist einer der wenigen, die an diesem Tag arbeiten. „In Jerusalem befindet sich die Al-Aksa-Moschee und die gehört zu uns und nicht zu ihm“, sagt der junge Mann. Trump habe kein Recht, hier etwas zu verteilen, was nicht ihm gehöre. „Al-Aksa ist für alle Muslime wichtig, nicht nur für die Palästinenser.“

Radikal-islamische Gruppe ruft zu Aufstand auf

Die radikal-islamische Hamas hat zu einem neuen Palästinenseraufstand (Intifada) gegen Israel aufgerufen. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch den US-Präsidenten Donald Trump komme einer „Kriegserklärung gegen die Palästinenser“ gleich, sagte Hamas-Chef Ismail Hanija am Donnerstag in Gaza.

Hamas Anführer Ismail Hanija (M) spricht über Donald Trump, der Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt hat. Foto:Said Khatib/afp

Am Freitag müsse die „Intifada zur Befreiung Jerusalems“ beginnen, forderte der Chef der bisher im Gazastreifen herrschenden Organisation. Hanija verlangte außerdem von der palästinensischen Autonomiebehörde, dass sie alle Friedensbemühungen mit Israel einstellt.

Während der als „Krieg der Steine“ begonnenen ersten Intifada von 1987 bis 1993 verloren etwa 2200 Palästinenser und 200 Israelis ihr Leben. Bei der „Al-Aksa-Intifada“ von 2000 bis 2005 hatten die Palästinenser mit über 3500 Toten die meisten Opfer zu beklagen, mehr als 1000 Israelis starben bei Anschlägen von Palästinensern.

Palästinenser begannen Generalstreik

Aus Protest gegen Trumps Entscheidung begannen die Palästinenser am Donnerstagmorgen einen Generalstreik. Im Westjordanland und im Gazastreifen sowie in Ost-Jerusalem blieben öffentliche Einrichtungen, Geschäfte, Schulen und Banken geschlossen.

Im Gazastreifen sowie in verschiedenen Städten des Westjordanlands kam es am Mittwochabend zu ersten Protesten. In Gaza verbrannten Demonstranten Bilder von Trump, US-Flaggen sowie Autoreifen.

Auf Twitter teilt er seine Entscheidung mit:

Israel feiert die Entscheidung, Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach am Donnerstag von einer „historischen Erklärung“ des US-Präsidenten. „Präsident Trump hat sich auf ewig mit der Geschichte unserer Hauptstadt verbunden.“ Israel sei bereits in Kontakt mit weiteren Staaten, die Jerusalem ebenfalls anerkennen wollten, sagte Netanjahu.

Israel beansprucht ganz Jerusalem als seine unteilbare Hauptstadt. Dieser Anspruch wird international nicht anerkannt. Israel hatte 1967 während des Sechstagekrieges den arabischen Ostteil der Stadt erobert und später annektiert. Die Palästinenser sehen in Ost-Jerusalem die künftige Hauptstadt eines unabhängigen Palästinenserstaates.

Angst vor einer Explosion

In der Jerusalemer Altstadt herrscht am Donnerstag weitgehend gespenstische Stille. Ein Hund kläfft, ein Radio plärrt, doch die Läden der Palästinenser bleiben geschlossen. Die Palästinenser streiken aus Protest gegen Trumps Entscheidung. Der Chef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija, ruft zu einem neuen Palästinenseraufstand auf. Es gibt die Sorge, dass es nach den Freitagsgebeten zu einer neuen Explosion der Gewalt kommen könnte.

Schon am Donnerstagabend versammeln sich Dutzende junge Palästinenser am Damaskus-Tor, einem der Eingänge zu Jerusalems Altstadt. Sie machen ihrer Empörung mit Sprechchören Luft. Schwer bewaffnete israelische Sicherheitskräfte vertreiben die Palästinenser. Die Anspannung wächst.

Jerusalem ist Juden, Christen und Muslimen heilig. In der Altstadt liegt der Tempelberg. Nach islamischem Glauben ritt der Prophet Mohammed von dort aus in den Himmel. An dieser Stelle steht heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Daneben befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Die Stätten bilden das drittwichtigste islamische Heiligtum. Für die Juden ist der Ort ebenfalls von höchster Bedeutung, weil dort zwei jüdische Tempel standen. Die Klagemauer ist der Überrest der ehemaligen westlichen Stützmauer des zweiten Tempels, der von den Römern im Jahr 70 zerstört wurde.

USA erkennen Jerusalem als Hauptstadt Israels an

An der Klagemauer feiern an diesem Tag viele Menschen. Männer singen bei der Bar Mizwa ihrer Söhne, Gläubige beten an der Mauer. „Es ist die richtige Zeit dafür“, sagt Jonathan Charasch, groß, breit, Kippa auf dem Kopf, über die Entscheidung Trumps. „Für alle Leute anderswo ist das jetzt irgendwie Wow, aber es ist nicht neu, für die Juden war Jerusalem seit Tausenden von Jahren die Hauptstadt von Israel.“ Auch Lior Baraschi findet Trumps Entscheidung gut. Aber: „Das gibt wieder Krieg“, sagt die Israelin.

„Die Anerkennung macht die Situation noch komplizierter und noch gefährlicher“

Galid Dschabari, muslimischer Palästinenser

Aus Angst vor palästinensischen Attacken gehe sie nicht mehr in die Altstadt. Galid Dschabari, muslimischer Palästinenser, sagt: „Die Anerkennung macht die Situation noch komplizierter und noch gefährlicher.“ Wenn die US-Botschaft umziehe, werde es zudem weiteren Ärger geben, meint der 57 Jahre alte Sicherheitsmann aus Ost-Jerusalem.

Israel eroberte 1967 im Sechs-Tage-Krieg unter anderem Ost-Jerusalem von Jordanien und annektierte den Stadtteil später. Die internationale Gemeinschaft erkennt diesen Schritt nicht an. Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt für einen künftigen unabhängigen Staat Palästina. Israel beansprucht die ganze Stadt. Die Altstadt mit der Klagemauer und dem Tempelberg liegt in Ost-Jerusalem.

Friedensgespräche blockieren

Für den palästinensischen Analysten Muhannad Abdulhamid zerstört die Entscheidung Trumps die Chance auf einen Friedensprozess. „Jerusalem war und ist historisch gesehen das religiöse, kulturelle und politische Zentrum für die Palästinenser“, sagt er. „Ohne das gibt es kein Palästina.“ Wenn man diesen Teil ausklammere, bleibe nichts mehr übrig, worüber man verhandeln könne. Den Palästinensern werde nichts anderes übrigbleiben, als alle Kontakte zu den USA abzubrechen und aus jeglichen Friedensgesprächen auszusteigen.

„Die politische Anerkennung ist eine Art der Kompensation, um den Schmerz zu lindern, den die Geschichte erzeugt hat“

Gerald Steinberg, Politikprofessor

„Jerusalem ist die Wiege der jüdischen Kultur und Zivilisation“, sagt dagegen Gerald Steinberg, Politikprofessor an der Bar-Ilan-Universität, über die Bedeutung der Stadt für die Juden. „Die biblische Geschichte geht zurück auf König David, König Salomon und die Tempel.“ Die Aussage von Palästinensern, dass es keine jüdischen Wurzeln in Jerusalem gebe, mache die Anerkennung als Hauptstadt Israels umso wichtiger. „Die politische Anerkennung ist eine Art der Kompensation, um den Schmerz zu lindern, den die Geschichte erzeugt hat“, sagt Steinberg. Benediktinermönch Nikodemus Schnabel lebt seit 14 Jahren in Jerusalem. „Jerusalem ist einfach eine Stadt, die 4500 Jahre auf dem Buckel hat und eine Geschichte, die teilweise erinnert und teilweise verdrängt wird.“ Die Stadt sei „wie ein feines Spinngewebe“: „Da kann man sich nicht elefantös darin bewegen, das tut den Menschen nicht gut.“

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