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Politik
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Erinnerungen

Helmut Kohl hinterließ Spuren in Ostbayern

Quer über die Parteien hinweg erntet Kohl Respekt. Gloria von Thurn und Taxis erinnert sich mit gemischten Gefühlen.
Von Katharina Kellner, Christine Schröpf und Marianne Sperb, MZ

  • Helmut Kohl war häufig in Bayern unterwegs und pflegte Kontakte: Das Bild zeigt ihn bei der Feier zum 50. Geburtstag der CSU umrahmt vom (l.) damaligen CSU-Chef Theo Waigel und dessen Frau Irene sowie Ministerpräsident Edmund Stoiber (r.) und seiner Frau Karin. Fotos: dpa |
  • Gloria von Thurn und Taxis (links, mit ihrer Tochter Elisabeth): Die Regensburger Fürstin hat Helmut Kohl als zuvorkommend erlebt. Sie beurteilt einige seiner Entscheidungen aber als falsch. Foto: dpa
  • Oberpfälzer SPD-Mann Ludwig Stiegler Foto: dpa
  • Kardinal Gerhard Ludwig Müller erfuhr in Polen von der Todesnachricht. Foto: dpa
  • Ein Foto vom Gästebuch der Prinzess Konditorei, in dem sich Helmut Kohl am 26. Mai 1989 verewigte. Auf dem Foto ist er mit dem damaligen Bundesminister Hans „Johnny“ Klein zu sehen. Foto: Giebelen

Regensburg. Der Tod von Helmut Kohl lässt auch politische Begleiter aus anderen Parteien nicht unberührt: Der Oberpfälzer SPD-Mann Ludwig Stiegler (73) zollt dem früheren Bundeskanzler große Anerkennung – und erinnerte zeitgleich an einen anderen bedeutenden Kanzler, der vor eineinhalb Jahren gestorben war. „Erst ist Helmut Schmidt gegangen. Jetzt ist Helmut Kohl gegangen. Damit ist die Geschichte der Bonner Republik zu Ende.“

Stiegler hatte Kohl erstmals 1967 aus der Nähe beobachtet. „Ich kenne ihn auch als lebenslustigen Oppositionspolitiker.“ Der Oberpfälzer war damals noch Büroleiter des früheren Weidener SPD-Bundestagsabgeordneten Franz Zebisch. Erst ab 1980 hatte er ein eigenes Bundestagsmandat, stieg in der SPD-Fraktion rasch in führende Funktionen auf. Stiegler harrte 1982 mit Helmut Schmidt an der Seite des Plenarsaals aus, als ein konstruktives Misstrauensvotum Kohl ins Kanzleramt spülte. „Nein, mein Junge, dieses Mal gibt es kein Wunder“, tröstete ihn der damit abgewählte Schmidt. Ein Moment der großen Kluft zwischen Union und SPD.

„Toll, wie er die Chance beim Schopf ergriffen hat. Da war ich fast sein Parteigänger.“

Ludwig Stiegler

Stiegler erinnert sich aber genauso an zahlreiche Augenblicke, in denen er sich Kohl politisch sehr nahe fühlte. „Ich habe ihn immer unterstützt bei seinem Einsatz für die Deutsche Einheit. Toll, wie er die Chance beim Schopf ergriffen hat. Da war ich fast sein Parteigänger.“ Große Zustimmung Stieglers fand auch Kohls Annäherung an Frankreich, der die Aussöhnung folgte. Er schätzte zudem dessen Europapolitik und die Einführung des Euro. „Er hat fröhliche, schreckliche und unglaublich historische Zeiten erlebt. Da habe ich einen saftigen Respekt davor“, sagt Stiegler. Mitgefühl empfinde er angesichts der persönlichen Schicksalschläge, die Kohl einstecken musste. „Er hat alle Höhen und Tiefen im Leben mitgemacht und er hat in den schwierigsten Lagen Haltung bewahrt.“

Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation und frühere Regensburger Bischof, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte Kohl 2005 für einen Vortrag im Dom nach Regensburg geholt – „als herausragenden Europäer, der aus den zerstörerischen Auseinandersetzungen gottloser Systeme die richtigen Konsequenzen gezogen hat“. Kohl sei es zu verdanken, dass das Christentum als wesentlicher Bestandteil der Identität Europas im Bewusstsein gehalten worden sei, reagierte Müller auf die Todesnachricht.

„Mit Enteignung und Kindstötungen kann man keinen Staat machen.“

Gloria von Thurn und Taxis

Gloria von Thurn und Taxis erinnert sich an Helmut Kohl mit ambivalenten Gefühlen. Der damalige Bundeskanzler war im fürstlichen Schloss Gast beim Jubiläum 500 Jahre Post Thurn und Taxis, die Fürstin selbst war häufig bei den Kanzlerfesten in Bonn eingeladen. „Dort habe ich Helmut Kohl als sehr umgänglich erleben dürfen. Er war immer sehr zuvorkommend und gastfreundlich – und das, obwohl er mit mir eigentlich so nichts zu tun hatte“, so die Regensburger Adlige gegenüber unserem Medienhaus. „Nach der Wende aber hat er mich sehr enttäuscht, denn er hat die unrechtmäßigen Enteignungen durch die Kommunisten in der DDR nachträglich legitimiert, zum kulturellen und wirtschaftlichen Schaden der Bevölkerung“, sagt Gloria von Thurn und Taxis. „Das Gleiche gilt für die Abtreibungsgesetze der DDR, die für ganz Deutschland übernommen wurden. Mit Enteignung und Kindstötungen kann man keinen Staat machen. Das war großes Unrecht“, hält die Schlossherrin fest. Gleichzeitig betont sie: „Helmut Kohl ist sicherlich einen schweren Kreuzweg gegangen, mit seiner Krankheit und den menschlichen Enttäuschungen. Er möge ruhen in Frieden.“

Zierer: „Er hatte eine Schwäche für Schleckereien“

Der ehemalige Regensburger CSU-Bundestagsabgeordnete Benno Zierer hat den früheren Kanzler als perfekten Netzwerker in Erinnerung. „Kohl kam immer gerne nach Regensburg, man musste ihn nicht lange bitten.“ Bei diesen Veranstaltungen habe er seine Kontakte zur CSU-Basis gepflegt. Er habe sich gerne unterhalten, sagt Zierer, das habe man gespürt. Und er zitiert einen Scherz von damals: „Wir haben gesagt, er ist Pfälzer, aber wir sind Oberpfälzer.“

Bei einem Regensburg-Aufenthalt am 26. Mai 1989 – Kohl besuchte damals einen Empfang im Rathaus – erkundete der Kanzler das nahe Café Prinzess. „Er hatte eine Schwäche für Schleckereien“, erinnert sich Zierer. Der Ausflug ist in die Annalen der Konditorei eingegangen. Claudius Giebelen, der das Traditionshaus mit seiner Familie betreibt, suchte am Freitag das Gästebuch heraus. Dort hatten sich Kohl und der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel verewigt. „Mit herzlichem Dank für die Gastfreundschaft!“, schrieb Kohl in steilen Lettern und blauer Tinte. Legende ist in der Familie, wie sich Kohl auf dem Weg zur Konditorei weder um Absperrungen noch um Bodyguards gekümmert hatte. Mit einer Entourage, zu der auch der ehemalige Regensburger Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher zählte, nahm er im Obergeschoss Platz und ließ sich Kuchen servieren.

Lesen Sie einen Kommentar von Heinz Gläser: Auge in Auge mit der Geschichte

Kohl kannte Regensburg von zahlreichen Visiten. Schon 1978 war er im OB-Wahlkampf als Helfer für die CSU aufgetreten – SPD-Gegenkandidat war damals Albert Schmid. Die beiden sollten sich später in der damaligen Hauptstadt Bonn noch einmal nahe kommen. Schmid kann für sich verbuchen, trotz konträrer Parteizugehörigkeit 1982 an der ersten Kabinettssitzung des CDU-Kanzlers Kohl teilgenommen zu haben.

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Als Staatssekretär im Bundesbauministerium des Vorgänger-Kabinetts von Helmut Schmidt war er für eine Übergangszeit von wenigen Wochen im Amt geblieben. „Ich habe ihn als freundlich und als einfachen Mann des Volkes wahrgenommen“, erinnert sich der Oberpfälzer. Ein Kontrast zum Kommandoton, der unter Helmut Schmidt herrschte. Es habe „Fühlungsnahmen“ aus der Union gegeben, dass er als Staatssekretär im Amt bleibe, erinnert sich Schmid. Ein Plan, den am Ende beide Seiten nicht weiterverfolgten. Schmid machte anderswo Karriere: erst als SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag, später als Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

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Kommentar

Auge in Auge mit der Geschichte

Helmut Kohl hat sich in der kollektiven Erinnerung der Nation unsterblich gemacht – bei allen menschlichen Schwächen.

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