mz_logo

Politik
Samstag, 23. September 2017 21° 1

Porträt

Im vereinten Europa dahoam

Der Niederbayer Manfred Weber ist mit 44 Jahren der mächtigste deutsche Europapolitiker. Aber es gibt noch Luft nach oben.
von Sebastian Heinrich, MZ

Athen.Jetzt hat er sie gesehen. Erst grinst Manfred Weber, dann strahlt er. Er zeigt mit dem Finger nach oben, wo sie im Wind flattert, azurblau mit zwölf goldenen, fünfzackigen Sternen, an einem weißen Mast an einem rostroten Baugerüst in Koropi, gut 40 Autominuten von Athen entfernt. „Da haben wir ja eine Europaflagge“, ruft Weber auf Englisch, zeigt mit der Rückseite seiner rechten Hand nach oben und dreht sich nach rechts und nach links, zu den vier Managern in dunklen Businessanzügen neben ihm. Dann stellen sich alle zum Foto auf. Die Apparate der Fotografen klicken, die Geschäftsmänner schauen nach vorne, mit geraden Mundwinkeln und ernstem Blick. Und Manfred Weber lächelt noch immer, zeigt seine Zähne, seine Augen sind zu Schlitzen verengt.

Weber reist viel herum in Europa

Die Europaflagge, die Weber zum Lächeln gebracht hat, hängt auf dem Gelände der Firma Theon, die Nachtsichtgeräte für Soldaten herstellt. Webers Besuch dort ist Teil einer zweitägigen Reise nach Athen. Er reist viel herum in Europa. Weber ist stellvertretender Vorsitzender der CSU und Chef der EVP-Gruppe, der größten Fraktion im Europaparlament. Seit Martin Schulz nicht mehr Parlamentspräsident ist, ist Manfred Weber aus Wildenberg im Landkreis Kelheim im Alter von 44 Jahren der mächtigste deutsche Europapolitiker.

Traumkulisse: Manfred Weber beim Fernseh-Interview auf der Terrasse des Athener Büros des Bayerischen Rundfunks. Foto: Heinrich

Wie wichtig Weber in Europa ist, lassen schon seine ersten drei Termine in Athen erahnen. Der erste ist beim Gouverneur der griechischen Zentralbank, Giannis Stournaras. Weber, so ist später zu hören, spricht über die Fortschritte Griechenlands bei der Sanierung des Staatshaushalts, über die griechische Wirtschaft, die nicht in den Gang kommt. Darüber, ob sich der Internationale Währungsfonds weiter an den Griechenland-Programmen beteiligen soll. Der zweite, auf der Dachterrasse eines unscheinbaren Hauses in Athen: ein Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Weber, die von der Sommersonne aufgeheizte weiße Akropolis im Rücken, spricht über die Brexit-Verhandlungen, die gerade in Brüssel begonnen haben.

Weber-Klammer statt Merkel-Raute

Der dritte Termin ist beim griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos. „Die griechische Stimme ist genauso entscheidend“, sagt Weber auf Englisch zu Pavlopoulos, in der Bibliothek des Präsidenten, „bei der Vertiefung der europäischen Einigung.“ Weber kann staatstragend auftreten wie die Bundeskanzlerin. Er hat sogar eine eigene Variante der Merkel-Raute, man könnte sie Weber-Klammer nennen. Wenn er im Stehen spricht oder für ein Foto posiert, dann umklammert Weber den kleinen Finger der rechten Hand mit Daumen und Zeigefinger der linken.

Staatstragend: Manfred Weber zu Besuch beim griechischen Staaatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos. Foto: Heinrich

Auch politisch steht Weber der Kanzlerin näher als manchem prominentem CSU-Politiker. Er ist ein liberaler Konservativer, er redet vehement an gegen jene Rechten auf dem Kontinent, die mehr Nation, mehr Abschottung und weniger Europa wollen, gegen die Französin Marine Le Pen, den Niederländer Geert Wilders, den Österreicher Heinz-Christian Strache. Fast genüsslich zerlegt er Großbritanniens Brexit-Kurs. „Schlichtes Chaos“, sagt er im Interview mit dem BR, herrsche jetzt in London, während Europa stabil sei und die Wirtschaft wachse. Er schwärmt von der Stärke freier Märkte, von einem Steuerwettbewerb in der EU. Aber Europa sagt er, müsse auch sozialer werden. Ortstermin im Athener Stadtzentrum, im Sitz von „Apostoli“. Die christlich-orthodoxe Hilfsorganisation unterstützt bedürftige Menschen. In einem Sitzungssaal im Keller werden zwei Filme abgespielt, die Apostoli-Projekte für bedürftige Griechen zeigen – und für Flüchtlinge, die in Griechenland stranden. „Love Parcels“, Liebespakete, heißt ein Programm, mit dem Freiwillige Lebensmittelpakete an Menschen in Armut verteilen. 293 000 haben sie seit 2011 davon verteilt, heißt es in dem Video. Die Videos dauern fast eine Stunde, Weber sieht fast ununterbrochen zu, die Augen weit offen, die Ellbogen auf dem Tisch vor ihm gestützt. „Ich bewundere, was Sie tun“, sagt er dann. Was Europa den griechischen Hilfsorganisationen gibt, sei zu wenig. „Ich würde gerne bald die europäische Flagge auf den Love Parcels sehen“, sagt er.

Parteiisch: Weber mit Kyriakos Mitsotakis, Vorsitzender der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia, einer Schwesterpartei von CDU und CSU. Foto: Heinrich

Das sind Botschaften, mit denen sich auch Linke anfreunden könnten. Doch Weber ist Konservativer, daran will er keine Zweifel lassen. Links, das bedeutet für Weber rückwärtsgewandt. Linke, so glaubt er, misstrauen Unternehmern, wollen, dass der Staat mehr Geld ausgibt, als er einnimmt. Weber macht in Athen viel Parteipolitik. Er besucht Kyriakos Mitsotakis, Sprössling einer konservativen Politiker-Dynastie und Hoffnung der Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND). „Das Chaos unter Alexis Tsipras, das ist Geschichte“, sagt er in der ND-Parteizentrale über den jetzigen linken Ministerpräsidenten. Die europäischen Geldgeber hätten kein Vertrauen mehr in Tsipras’ Regierung. „Die Zukunft liegt in der Hand einer künftigen Nea-Dimokratia-Regierung.“

Und Manfred Webers Zukunft?

Weber ist bestens vernetzt. Er genießt das Vertrauen der Kanzlerin, CSU-Chef Horst Seehofer lobt ihn regelmäßig öffentlich, er ist eng befreudent mit dem Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, er sitzt regelmäßig mit allen europäischen Staats- und Regierungschefs zusammen. Als SPD-Kanzlerkandidat Schulz noch Parlamentspräsident in Brüssel war, hat er über Weber einmal gesagt: „Wann hatte die CSU zuletzt so eine internationale Figur?“

Sein Akzent ist unverkennbar

Gleichzeitig gibt Weber gern den Heimatmenschen. Sein niederbayerischer Akzent ist unüberhörbar, ob er nun deutsch oder englisch spricht. Er fängt an zu grinsen, wenn er über seine Termine im Wahlkreis spricht. Dann wechselt er in den Dialekt, spricht vom „Burgamoasta“ und von der „Feiawehr“. Auf seiner Website steht: „In Bayern dahoam. In Europa zuhause.“

Am Abend, bevor er abfliegt aus Athen, hat er einen Termin für die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Eine Veranstaltung für junge Griechen, etwa 80 Zuhörer sind da, Weber hält eine Grundsatzrede, auf Englisch. Er, Jahrgang 1972, spricht davon, dass seine Generation die erste sei, die in einem friedlichen und – nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – vereinten Europa erwachsen geworden sei. Er fordert eine europäische Identität, die neben regionalen und nationalen stehe. Er sagt: „Ich will kein französisches, spanisches, deutsches Europa.“ Und dann kommt er ins Schwärmen, sagt: „Es ist so schön, Europäer zu sein“.

Mit seiner pro-europäischen, liberal-konservativen Linie hat sich Weber in der CSU durchgesetzt gegen die Erzkonservativen an der Parteispitze, gegen die von Peter Gauweiler, der immer wieder vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Eurorettungspolitik geklagt hat. Als er im März beim Politischen Aschermittwoch in Passau ein starkes, friedliches Europa forderte, war es im Saal ruhig, fast andächtig still. Wird er 2019 Kommissionspräsident nach der nächsten Europawahl?

Manfred Weber aus Wildenberg, mächtigster Politiker der Europäischen Union, als Nachfolger von Jean-Claude Juncker? Seit Monaten wird darüber in den Medien spekuliert. Weber selbst sagt dazu nichts, zumindest öffentlich nicht.

Bei der Hanns-Seidel-Stiftung In Athen wirft er dann noch eine Zukunftsvision ins Publikum: „Warum sollten wir eigentlich nicht eines Tages einen europäischen Präsidenten wählen, der mit denen der USA und China zusammen sitzt?“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht