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Selbstschutz

Indien: Gewaltopfer setzten sich zur Wehr

Alle 22 Minuten wird in Indien eine Frau vergewaltigt –und das sind nur die offiziellen Zahlen. Nun wehren sich Frauen und Mädchen.
Von Philipp Hedemann, MZ

  • Diese jungen Frauen setzen ein Zeichen: Um sich vor Vergewaltigern zu schützen, nehmen die 14-jährige Sunita (links, Name geändert) und Vandana (22) in Delhi an einem Selbstverteidigungskurs teil und lernen, wie man Angreifer mit einem gezielten Schlag erfolgreich außer Gefecht setzt. Foto: Hedemann
  • Auch wie sie sich aus einem Würgegriff befreien können, haben mittlerweile viele Mädchen in Indien gelernt. Foto: Hedemann

Delhi.„Ich möchte nicht wie Nirbhaya enden. Lieber würde ich selbst töten, als vergewaltigt und getötet zu werden“, sagt Vandana Sonkhar. Dann packt sie die Angreiferin mit dem Messer, dreht ihr die Waffe aus der Hand und hält ihr die Klinge an die Kehle. Nirbhaya wurde im Dezember 2012 in einem fahrenden Bus in der indischen Hauptstadt Delhi von sechs Männern vergewaltigt und mit einer Eisenstange missbraucht. Sie starb 13 Tage später im Krankenhaus.

Eigentlich heißt Nirbhaya Jyoti Singh Pandey, doch weil sie noch im Sterben gegen ihre Peiniger aussagte, nennt ganz Indien sie Nirbhaya, die Furchtlose. Seitdem sie starb, lernen immer mehr Inderinnen, sich zu verteidigen, immer häufiger werden Vergewaltiger angezeigt, und auch die Politik hat erkannt, dass die knapp 600 Millionen indischen Frauen und Mädchen besser gegen sexuelle Gewalt geschützt werden müssen.

Vergewaltigt und gehängt

Alle 22 Minuten wird in dem 1,2 Milliarden-Einwohner-Staat eine Frau vergewaltigt. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer liegt wohl um ein Vielfaches höher. Immer wieder schockiert die Brutalität der Verbrechen. Im Mai ging das Bild von zwei Cousinen, die an einem Mangobaum hingen, um die Welt. Fünf Männer hatten die zwölf und 14 Jahre alten Mädchen aus dem Bundesstaat Uttar Pradesh vergewaltigt und gehängt.

Das abscheuliche Verbrechen ist kein Einzelfall. In einer Befragung des amerikanischen International Center for Research on Women aus dem Jahr 2012 gaben 73 Prozent aller in Delhi befragten Frauen und Mädchen an, dass Frauen in ihrer Umgebung sexueller Gewalt ausgesetzt seien.

Auch Vandana, die im Selbstverteidigungskurs gekonnt ihre Trainingspartnerin entwaffnet, hatte Angst, eine weitere Zahl in der Vergewaltigungsstatistik zu werden. Doch mittlerweile müssen die Täter eher Angst vor ihr haben. Mit einem Mann, der sie zuvor wochenlang telefonisch sexuell belästigt hatte, verabredete die Studentin sich auf einem Markt. Was der Stalker nicht wusste: Vandana hatte 50 Mädchen mitgebracht. „Ich habe dem Typen gesagt: ,Ich könnte Deine Tochter sein. Schäm Dich!‘ Dann habe ich ihm eine gescheuert.“

Damit hatte der etwa 50-Jährige noch Glück, denn im Selbstverteidigungskurs, der von der Hilfsorganisation „World Vision“ und der indischen Polizei angeboten wird, hat Vandana auch fiesere Techniken gelernt: den Angreifer mit einer Haarnadel ins Auge zu stechen, ihn mit einem Schal zu strangulieren, ihn mit in ein Tuch gewickelten Münzen schlagen, ihm mit dem Ellbogen die Rippen oder einem Handkantenschlag das Schlüsselbein zu brechen oder ihm das Knie zwischen die Beine zu rammen. Die Trainer nennen die Stelle den Hauptpunkt. „Es soll dem Mann so sehr weh tun, dass er nie wieder auf die Idee kommt, ein Mädchen oder eine Frau anzugreifen“, sagt Vandana.

Eine christliche Hilfsorganisation, die Mädchen beibringt, Männer schwer zu verletzen, ist das nicht ein Widerspruch? „Nein“, findet World-Vision-Sozialarbeiterin Shiny Matthews, die die Mädchen beim Selbstverteidigungskurs begleitete. „Wenn die Mädchen angegriffen werden, können sie nicht mehr diskutieren. Dann müssen sie sich wehren, dann ist Gewalt legitim“, sagt die gläubige Christin.

„Gerechte Strafe ist der Strick“

Wie alle 70 Mädchen aus dem Selbstverteidigungskurs kennt auch die Sozialarbeiterin die Geschichte der sieben- und elfjährigen Schwestern aus der Nachbarschaft, die von einem Mann vergewaltigt wurden. Er läuft da draußen noch irgendwo rum. Und wenn es nach den Teilnehmerinnen des Kurses geht, gibt es für ihn nur eine gerechte Strafe: den Strick. „Wer so etwas tut, hat nichts anderes als den Tod verdient. Außerdem reduziert das die Zahl der potenziellen Angreifer“, sagt Vandana.

Tatsächlich wurden vier der sechs Männer, die Nirbhaya im Bus vergewaltigten und sie schwer verletzt zum Sterben auf die Straße warfen, zum Tode verurteilt, doch die meisten Vergewaltiger werden in Indien gar nicht erst angezeigt oder gar verhaftet.

Zwar verabschiedete das Parlament kurz nach der Massenvergewaltigung im Bus verschärfte Gesetze, aber die Gerichtsverfahren ziehen sich meist über Jahre hin, oft werden die Opfer währenddessen massiv bedrängt. So wurde eine 16-jährige Schülerin aus Kalkutta, die zweimal von einer Jugendbande vergewaltigt wurde und die Verbrechen anzeigte, von den Familien der Täter so stark unter Druck gesetzt, dass sie sich schließlich selbst anzündete. Ihr letzter Satz lautete: „Wir sind Frauen. Es gibt keine Zukunft für uns.“

Über Geschichten wie diese berichten indische Medien mittlerweile fast täglich. Seitdem über das einst tabuisierte Thema gesprochen wird, boomt das Geschäft mit der Angst. Die staatliche Waffenfabrik Indian Ordnance Factories stellt jetzt einen „Damenrevolver“ her, der nach der im Bus vergewaltigen Studentin benannt wurde. Die umgerechnet rund 1500 Euro teure Waffe passt nach Herstellerangaben bequem in jede Handtasche und wird wie ein Schmuckstück in einer mit samt ausgeschlagenen Schatulle angeboten. Auch der Verkauf von Pfefferspray stieg sprunghaft an. Doch Vandana und ihre Freundinnen aus dem Selbstverteidigungskurs könnten sich noch nicht einmal das leisten.

Vom Ehemann zum Sex gezwungen

Auch die 14-jährige Tochter der Frau, die in der Zeitung Murghi heißt möchte, besucht einen Karatekurs. Ihre Mutter hingegen hat erst spät gelernt, sich zu wehren. Zu spät. Mit 16 Jahren wurde sie verheiratet, seitdem zwang ihr älterer Mann sie zum Sex. Nach zwei Jahren wurde sie zum ersten Mal schwanger, vier Jahre später zum zweiten Mal. Doch Murghi brachte „nur“ Mädchen zur Welt. In einem Land, in dem noch immer ungeborene Mädchen illegal abgetrieben und weibliche Babys getötet werden, war dies für die Mutter fast das Todesurteil. In der Hoffnung, doch noch Vater eines Sohnes zu werden, vergewaltigte Murghis Mann sie immer wieder.

Weil sie ihm dennoch keinen Sohn gebar, misshandelte der Mann sie. Monatelang sperrte er seine Frau in einen kleinen Verschlag. Ohne Licht, ohne Toilette, ohne fließend Wasser. Einmal am Tag stellte ein Familienmitglied ihr ein bisschen Wasser und einen Teller Linsen in ihr Gefängnis im eigenen Haus. Einmal schlug ihr Mann sie mit dem Kopf gegen die Wand. Als Murghi ins Krankenhaus ging und sagte, dass ihr Mann sie so schwer verletzt habe, wollte kein Arzt sie behandeln. Erst als ihr wieder „einfiel“, dass sie gestürzt sei, wurde ihr geholfen.

Seitdem Murghi damit drohte, sich umzubringen und ihrem Mann damit die Chance genommen hätte, doch noch einen Sohn zu bekommen, schlägt ihr Mann sie seltener. Was die Frau zu Hause erlebt, ist das, was sie „erträgliche Gewalt“ nennt. „Erträglich“, weil Murghis älteste Tochter mittlerweile Karate kann und sich oft schützend vor die Mutter stellt.

Hilfe beim Start in ein neues Leben

Erträglich auch, weil Murghi mittlerweile regelmäßig das Crisis Intervention Center im Süden Delhis besucht. In dem von der Frauenrechtlerin Ranjana Kumari gegründeten Zentrum erhalten Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, kostenlose Rechtsberatung, psychotherapeutische Unterstützung, medizinische Behandlung und – wenn eine Rückkehr in die Familie nicht mehr möglich ist – einen sicheren Unterschlupf und eine Ausbildung, die den Gewaltopfern beim Start in ein neues Leben helfen soll.

Das Wort Opfer fällt im Crisis Intervention Center jedoch nur selten. Frauen, die vergewaltigt wurden, heißen hier „Überlebende sexueller Gewalt“. Das soll die Stärke, nicht die Schwäche der Frauen in den Vordergrund stellen. Auch Murghi nennt sich mittlerweile mit Stolz in der Stimme „Überlebende“. Trotz allem, was sie durchgemacht hat, möchte sie nicht als Junge wiedergeboren werden. Murghi: „Ich bin gerne Frau. Ich möchte deshalb nur nicht geschlagen und missbraucht werden.“

Am 25. November ist der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, den die Vereinten Nationen 1999 festlegten.

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