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Politik
Samstag, 20. Januar 2018 10

Natur

Jede Wildsau ein Risiko

„Nur noch eine Frage der Zeit“: Die Afrikanische Schweinepest rollt auf den Freistaat zu. Bauern fürchten Milliarden-Schäden.

Der Wildschwein-Bestand wächst explosionsartig. Jedes Tier erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Afrikanische Schweinepest in Deutschland ausbricht. Foto: Gregor Fischer/dpa

Regensburg.Die Schweine auf dem Hof von Reinhard Brunner haben’s gut. Sie haben bei dem Bio-Bauern in der Nähe von Weiden reichlich Auslauf und können sich sauwohl fühlen. „Wellness pur für die Tiere“, schwärmte zum Beispiel Hans Kick von der CSU-Arbeitsgemeinschaft Landwirtschaft (AGL). Die Idylle ist in Gefahr. Auf Bayern rollt die Afrikanische Schweinepest (ASP) zu. „Es ist keine Frage mehr, ob die Seuche kommt – sondern nur noch, wann“, sagt der Landwirt, der bis zu 500 Schweine hält.

Die Fälle von ASP häufen sich. Die Krankheit bewegt sich von Osteuropa Richtung Freistaat. Erste Tiere in Tschechien sind befallen, das heißt: Die Seuche nähert sich der bayerischen Grenze. Für Menschen ist ASP ungefährlich. Für Schweine ist sie tödlich.

Um zu ermessen, was die Schweinepest für Deutschland bedeutet, muss man sich die Details vor Augen halten: Eine einzige Wurstsemmel, deren Reste ein Tourist oder Lkw-Fahrer aus Osteuropa im Mülleimer an der Autobahn entsorgt, könnte die Seuche einschleppen. Und ein einziges Wildschwein, das an der Raststätte Futter sucht und sich infiziert, würde internationale Handelssperren für Hausschwein-Produkte in Kraft setzen, langfristig und weitreichend. Die Ausfuhr zu Abnehmern in Drittländern wäre blockiert, die Preise in Deutschland brächen ein: ein Katastrophen-Szenario.

20 Euro Kopfgeld ausgesetzt

„Die Folge“, sagt Johann Ertl, Referent beim Bayerischen Bauernverband (BBV), „sind Schäden in Milliardenhöhe“, nicht nur bei Bauern, auch bei Verarbeitern und Exporteuren. „Der Staat ist auf der ganzen Linie gefordert“, sagt Ertl – nicht nur bei der Kontrolle von Güterverkehr. Die Politik müsse vor allem mit Partnern in Asien verhandeln, um die Abkommen für Schweinefleisch-Export zu modifizieren.

Reinhard Brunner mit seinem Bio-Hof träfen Handelssperren weniger als große Zuchtbetriebe, weil er Verträge mit regionalen Abnehmern schließt. Andererseits: Seine Tiere leben in Freilandhaltung; eine Stallpflicht könnte sein Hof gar nicht einhalten. Schläft er da noch gut? „Ja. Aber wahrscheinlich deshalb, weil man sich nicht vorstellt, was auf einen zukommt.“

Tödliche Seuche

  • Ausbreitung:

    Schweinepest breitet sich seit Jahren Richtung Westeuropa aus. ASP – für Menschen ungefährlich – befällt Wild- und Hausschweine. 2017 wurden in Tschechien erste Wildschweine infiziert; die Seuche dürfte wohl durch Speiseabfälle aus der Ukraine eingeschleppt worden sein. Infizierte Tiere leiden an Fieber, Schwäche und Atemproblemen. Die Krankheit endet fast immer tödlich. Es gibt keinen Impfstoff.

  • Risiko:

    Schwarzwild wird seit längerer Zeit intensiver bejagt. Die Zahl der Abschüsse steigt, allein in den vergangenen drei Jahren von 65 000 auf 85 000 Sauen pro Jahr. Das Bundesinstitut für Tiergesundheit (FLI) ,schätzt das Risiko, dass ASP nach Deutschland eingeschleppt wird, als hoch ein. Die Regierung der Oberpfalz verweist auf umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen, alle Details: www.regierung.oberpfalz.bayern.de

Bauern, Jäger und Staatsregierung sind alarmiert. Jürgen Vocke, Präsident des Bayerischen Jagdverbands (BJV), und Martin Neumeyer, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Staatsforsten, betonten nach einem Gespräch Anfang der Woche in Regensburg, man ziehe an einem Strang. Revierübergreifende Drückjagden und forcierter Abschuss sollen den Wildschweinbesatz drosseln, denn jedes Tier macht den Ausbruch von ASP wahrscheinlicher. Auch der probeweise Einsatz von Saufängen im Staatsforst ist geplant – die Lebendfallen sind bei Tierschützern durchaus umstritten. Das bayerische Kabinett beschloss noch kurz vor Weihnachten, Jägern 20 Euro Kopfgeld pro Wildsau zu zahlen, und hat einen Topf von 1,5 Millionen Euro bereitgestellt.

Sonderurlaub für die Jagd

Nicht nur Bayern: Auch andere Bundesländer und auch Osteuropa rüsten auf. Mecklenburg-Vorpommern zahlt 25 Euro Wildsau-Prämie und legt zwei Millionen Euro für die Anreize auf. Niedersachsen hebt die Schonzeit auf und stellt bis zu 3,5 Millionen Euro Prämie bereit. Polen will Wild-Zäune an der Grenze zu Weißrussland hochziehen und zahlt bis zu sechs Tage Sonderurlaub im Jahr, wenn man auf Saujagd geht. Tschechien setzt Scharfschützen der Polizei ein und rüstet sie mit Nachtsichtgerät und Wärmebildkamera aus.

Im Netz kursierte zum Jahreswechsel ein Video, das eine einschüchternd große Rotte zeigte: Mehrere Hundert Stück Schwarzwild kreuzten eine Straße. Bruno Ebner ist Jäger in Bad Kötzting, nicht weit von der Grenze zu Tschechien. „Warme Winter, extensiver Mais-Anbau: Der Wildschwein-Besatz wächst explosionsartig“, sagt der Vorsitzende des BJV-Kreisgruppe. Selbst in Gegenden, in denen seit Jahrzehnten kein Schwarzwild gesichtet wurde, tauchen jetzt Rotten auf. Die einzigen Möglichkeiten, Schweinepest abzuwenden, seien verstärkte Bejagung – und intensive Aufklärung.

Ein Hinweisschild an einem Wildgehege warnt vor der Schweinepest und der Fütterung von Wildschweinen mit Speiseresten. Foto: Friso Gentsch/dpa

Das Bundesinstitut für Tiergesundheit schätzt die Gefahr, dass die Seuche eingeschleppt wird, als hoch ein. „Es geht weniger um offiziell eingeführtes Fleisch“, erklärt Johann Ertl vom BBV. „Es geht um die Hinterhofhaltung. Eine Familie, die fünf Schweine hält, verwurstet vier, auch wenn das fünfte schon die Ohren hängen lässt.“ Mit der Brotzeit gelangt ASP dann über die Grenze. Die Aufklärungskampagne läuft. Schilder an Autobahnen warnen davor, Wurstreste wegzuwerfen. Ertl macht sich stark für wildschweinsichere Mülleimer, für Zäune an Autobahn-Rastanlagen, für Schutzmaßnahmen im Bahn- und Flugverkehr. Der Bauernverband selbst tritt an Bauwirtschaft und Spediteure heran und fordert sie auf, pendelnde Mitarbeiter für die Risiken zu sensibilisieren.

Kommentar

Zu lange zugeschaut

Die Wirtschaft kennt den Kobra-Effekt. Er bezieht sich auf einen angeblich historischen Fall: Ein Gouverneur in Britisch-Indien versuchte, Kobras auszumerzen;...

Landwirt Reinhard Brunner aus Weiden betrachtet die Lage nüchtern: „Wir werden über kurz oder lang akzeptieren müssen, dass wir auch hier infizierte Wildsauen haben. Aber wir müssen alles, wirklich alles tun, um die Seuche von Hausschweinen fernzuhalten.“ Damit nicht ganze Bestände gekeult werden müssen. Wie im September in der russischen Region Belgorod. Als die Schweinepest ausbrach, blieb dem Agrarkonzern Rusagro nichts anderes übrig, als 15 000 Tiere zu töten.

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