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Politik
Freitag, 20. Oktober 2017 19° 1

Kommentar

Keine Entzauberung

Ein Kommentar von Adelheid Wölfl, MZ

Die Rechtspopulisten legen seit dreißig Jahren in Österreich zu – nun stehen sie kurz davor, in die Regierung zu kommen. „Ich verspreche Euch, ich werde ausmisten in diesem Land“, sagte Jörg Haider vor vielen Jahren. Es war nichts anderes als die Ankündigung einer Revolution. Allerdings erfolgte diese nicht ruckartig, sondern schleichend. Die FPÖ, die 1986 von Haider übernommen wurde, hat den öffentlichen Diskurs in Österreich maßgeblich geprägt und verändert. Sowohl im Ton, als auch in der Themensetzung. Als die Freiheitlichen im Jahr 2000 erstmals auf Bundesebene in die Regierung kamen, dachten noch viele, dass nun jene „Entzauberung“ stattfinde. Doch die Geschichte zeigte anderes. Unter Heinz-Christian Strache wurde die Partei noch stärker und ihre Agenda „normal“. Sogar die Sozialdemokraten regieren mittlerweile auf Landesebene mit den Blauen.

Und vieles deutet darauf hin, dass die kommende Regierung eine Koalition aus ÖVP und FPÖ sein wird. Die Anhänger der FPÖ, die sich lange verdeckt hielten, stehen jetzt freimütig zu ihrer Gesinnung. Die ÖVP unter Sebastian Kurz hat auch das Metathema – jegliches Politikfeld mit Flüchtlingen in Zusammenhang zu bringen – von den Freiheitlichen übernommen. In der FPÖ fanden sich zornige Menschen – meist Männer – wieder, weil ihre diffuse Wut von den Freiheitlichen als Aufstand gegen die sogenannte „Überfremdung“ interpretiert wurde. Das schuf Identität und Zugehörigkeitsgefühl. Die Gefühle von Ohnmacht und Zu-kurz-gekommen-sein wurden legitimiert und zu einem Forderungskatalog umformuliert.

Man darf dabei nicht vergessen, dass die Freiheitlichen historisch betrachtet aus dem deutschnationalen Milieu kommen – es handelte sich ursprünglich um Leute, die ihre Identität auf der Annahme gründeten, sie seien im völkischen Sinne „Deutsche“. Sie beriefen sich demnach auf die „Ethnie“ und nicht auf die Religion. Heute ist die Gruppenzugehörigkeit anders definiert. Ein „echter Österreicher“ ist für die FPÖ jedenfalls ein Christ und kein Muslim.

Die vermeintlichen Anwälte der „Entrechteten“ haben freilich einen autoritären Zug. Das alles löst in Österreich mittlerweile nur mehr resigniertes Schulterzucken aus. Die FPÖ ist nicht entzaubert worden, stattdessen scheinen sich viele Leute an ihrem Zaubertrank des Nationalismus regelmäßig zu berauschen.

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