mz_logo

Politik
Mittwoch, 20. September 2017 17° 3

USA

Klima der Angst breitet sich aus

Migranten fühlen sich in Amerika nicht mehr sicher. Ein Besuch in einer Einwanderer-Stadt vor den Toren von Los Angeles.
von Thomas J. Spang, MZ

Ohne „Rights Card“ trauen sich mittlerweile viele Migranten in den USA nicht mehr auf die Straße. Foto: Spang

Maywood.Bevor Adriana Rodriguez (Anm. d. Red., Name geändert) morgens das Haus verlässt, überprüft sie ihre Handtasche. „Ohne diese Karte gehe ich nirgendwo mehr hin“, sagt Adriana, die als Vierjährige mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester 1992 mit einem Touristen-Visum aus Mexiko in die USA kam. Und blieb.

„Ich möchte nicht mit Ihnen sprechen oder weiteren Kontakt mit Ihnen haben“, liest die 30-Jährige in akzentfreiem Englisch den Schlüsselsatz, der auf dem „Rechte-Kärtchen“ mit dem braunen Rand steht. Im Fall ihrer Festnahme werde sie weiter schweigen bis sie sich mit ihrem Anwalt beraten habe. „Das ist unsere neue Realität“, beschreibt die junge Frau ihren Alltag in Maywood vor den Toren von Los Angeles. Seit Donald Trump ins Weiße Haus einzog, und per Exekutivbefehl die Hatz auf die schätzungsweise elf Millionen Einwanderer ohne Papiere in den USA eröffnete, fühlt sich Adriana nicht mehr sicher.

Sie weiß weder, ob sie abends von der Arbeit nach Hause kommt, oder ihre gesundheitlich angeschlagenen Eltern noch da sind. Eine Erfahrung, die sie mit den auf eine Million geschätzten Migranten aus Lateinamerika teilt, die ohne Papiere im Großraum LA leben. Soviel wie nirgendwo sonst in den USA.

US-Präsident Donald Trump Foto: dpa

Maywood ist eine von rund einem Dutzend selbstständiger Einwanderer-Gemeinden, die sich entlang der Alameda Street von Downtown LA zum Hafen von Long Beach wie Perlen an einer Kette aufreihen. Die industriellen Vorstädte entstanden kurz nach der Jahrhundertwende um die Fabriken von „General Motors“ und „Bethlehem Steel“ herum.

Während diese längst verschwunden sind, ziehen Orte wie Huntington Park, Bell, Belle Garden, South Gate, Cudahay, Commerce oder Maywood Migranten immer noch wie Magneten an. Statt aus Europa kommen sie heute vor allem aus Mexiko.

Willkür der neuen Abschiebe-Praxis

Laut Zensus aus dem Jahr 2010 drängen sich in Maywood, der am dichtest besiedelten Stadt Kaliforniens, auf etwas mehr als drei Quadratkilometer mindestens 27 000 Menschen. Die Wäscheleinen vor den Garagen verraten, dass es in Wirklichkeit sehr viel mehr sein dürften. Die Schätzungen reichen bis zu 40 000 Einwohnern, ein Drittel davon hat keine Papiere.

Stadtrat Eduardo de la Riva hält diesen Anteil für realistisch. Seine Eltern fanden vor vielen Jahren den Weg hierhin, weil andere Familien-Angehörige schon da waren. Die Supermärkte und Pfandhäuser, Autowerkstätten und Restaurants werben auf Spanisch. Pastoren, Ärzte und Rechtsanwälte sprechen die Sprache der Einwanderer.

„Trump hat den Alltag hier verändert.“

Eduardo de la Riva

Und seit Maywood sich 2006 zu einer „Sanctuary City“ erklärte, fragt die lokale Polizei nicht mehr nach dem Aufenthaltsstatus.

„Trump hat den Alltag hier verändert“, beschreibt de la Riva die Konsequenzen der Wahl eines Präsidenten, der mit dem Versprechen angetreten war, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen und „Illegale“ im großen Stil zu deportieren. „Sie sehen, wie hier täglich die Angst wächst.“

Der Stadtrat weiß von Eltern, die seit der auf Video dokumentierten Festnahme eines vierfachen Familienvaters in einer Nachbargemeinde, ihre Kinder nicht mehr von der Schule abholen. Der Fall des Mexikaners Romulo Avelica-Gonzalez machte USA-weit Schlagzeilen, weil er die Willkür der neuen Abschiebe-Praxis illustriert.

Die Einwanderungs-Polizei ICE stoppte den Mann, der seit 25 Jahren in den USA lebt, als er zwei seiner Töchter an der Schule abliefern wollte. Wegen eines zehn Jahre zurückliegenden Verkehrsdelikts führten ihn die Beamten wie einen Verbrecher in Handschellen ab; vor den Augen seiner Familie.

„Das ist ein Leben im Terror“

Als wäre die neue Realität des knallharten Durchgreifens der ICE-Beamten nicht genug, versetzen Gerüchte und „Fake-News“ die Einwohner Maywoods zusätzlich in Angst und Schrecken. Sie reichen von Kontrollen an den Ausfallstraßen über Razzien im Supermarkt bis hin zu nächtlichen Hausbesuchen der Einwanderungspolizei ICE. „Das ist ein Leben im Terror“, beschreibt de la Riva das neue Klima für Migranten in Trumps Amerika. Zusammen mit anderen Verantwortlichen in Maywood versucht er nach Kräften, die Einwohner über Ihre Rechte aufzuklären. Große Immigranten-Gruppen wie CHIRLA verteilen die „Rechte-Karten“, die auch Adriana immer bei sich trägt.

Lesen Sie auch: Trump-Favorit wendet sich gegen ihn.

Doch selbst in einer „Sanctuary City“ gibt es keinen Schutz vor dem Zugriff der Einwanderungspolizei. „Es breitet sich ein Gefühl der Belagerung aus“, analysiert Einwanderungsexperte Caspar Rivera Slagado von der University of California die Konsequenzen des Exekutiv-Befehls Trumps.

Entgegen der verbalen Versicherungen des Präsidenten geht es darin nicht bloß um die Ausweisung straffällig gewordener „Bad Hombres“ (dt. schlechte Kerle). Das Dekret vom 25. Januar erklärt ausdrücklich jeden zum Kriminellen, der gegen das Einwanderungsrecht verstoßen hat.

Professor Slagado weist darauf hin, für Massendeportationen im großen Stil fehlten Trump noch die Einsatzkräfte. Er will dafür zusätzliche 10 000 ICE-Polizisten und 5000 Grenzbeamte der „Border Patrol“ anheuern. Doch bis diese ausgebildet sind vergehen nach Schätzungen von Experten mindestens noch zwei Jahre.

„Wir wollen unseren Bürgern die Möglichkeit geben, Verbrechen zu melden, ohne Angst zu haben, ausgewiesen zu werden.“

Eduardo de la Riva

Trumps Heimatschutz-Minister John Kelly versucht zwischenzeitlich örtliche Polizeikräfte zum verlängerten Arm der ICE zu machen. Der für Maywood zuständige Polizeichef von LA County, Jim McDonnell, erteilte dem umgehend eine Absage. Das behindere die Aufklärung von Verbrechen. Eine Sicht, die von den Sheriffs anderer US-Metropolen und fast überall in Kalifornien geteilt wird.

Tatsächlich zeigen Statistiken, das „Sanctuary Cities“ erfolgreicher bei der Prävention von Kriminalität sind als andere Kommunen. Das trifft gewiss auch auf die Einwanderer-Stadt-Maywood zu, die anders als Trump behauptet, keine „Brutstätte der Kriminalität“ ist. Die Gemeinde bewegt sich im unteren Mittelfeld der 50 sichersten Städte Kaliforniens.

„Wir wollen unseren Bürgern die Möglichkeit geben, Verbrechen zu melden, ohne Angst zu haben, ausgewiesen zu werden“, erklärt Stadtrat de la Riva, warum Maywood notfalls Sanktionen Trump in Kauf nimmt und auf eine Millionen Dollar an Hilfen aus dem Bundeshaushalt verzichtet. Wie Maywood insgesamt hat Adriana Rodriguez für sich persönlich beschlossen, Widerstand zu leisten. Am meisten sorgt sie sich um ihre Eltern, die Tag und Nacht im eigenen Tante-Emma-Laden schufteten, um ihr einen College-Abschluss zu ermöglichen.

Vorsichts-Maßnahmen eingeleitet

„Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser für sie wäre, zurück nach Mexiko zu gehen“, sagt Adriana. Vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Obwohl sie über Jahre Steuern und in die Sozialversicherungen eingezahlt haben, erhalten sie als „Undokumentierte“ weder Zugang zum Gesundheitssystem „Medicare“ noch Rente. Eine Erfahrung, die sie mit Millionen Einwandern teilen.

Lesen Sie auch: Trump reist im Mai zum Nato-Treffen nach Brüssel.

Kürzlich besprach sie mit ihren Eltern Vorsichts-Maßnahmen. Sie riet ihnen, in den nächsten drei bis sechs Monaten bestimmte Märkte oder Plätze zu meiden. „Bis wir wissen, wie es läuft.“ Adriana besorgte ihren Eltern auch so ein „Rechte-Kärtchen“, ohne dass sie selber das Haus nicht mehr verlässt. Verbunden mit der Mahnung, „nicht die Tür aufzumachen, nichts zu sagen und nichts zu unterschreiben“.

Adriana hofft, dass der Spuk vielleicht doch bald vorübergeht. „Ich liebe LA und alles wofür es steht“, gesteht die Frau, die keine andere Heimat hat, wehmütig. „Das ist die Zukunft unseres Landes, auch wenn die Realität im Moment eine andere ist“.

Mehr Politik lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht