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Politik
Freitag, 22. September 2017 21° 2

Kommentar

Knapp geschafft

Ein Kommentar von Philipp Seitz, MZ

Aus Fehlern soll man lernen. Das gilt nicht nur in der Schule, sondern auch in der Politik. Mit der faktischen Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium räumt Ministerpräsident Horst Seehofer nicht nur Fehler ein, sondern startet einen längst überfälligen Lernprozess innerhalb seiner Partei. Für die CSU kann es ein wichtiger Befreiungsschlag werden. Es gilt, die Anliegen der Schüler, Eltern und Lehrer aufzugreifen.

Nachdem das achtjährige Gymnasium in Stoiberschem Rekordtempo eingeführt worden war, verschloss die CSU viel zu lange ihre Ohren, ignorierte Schülerproteste und die Kritik der Opposition. Stattdessen bastelte sie am Gymnasium herum und führte etwa die „Mittelstufe plus“ ein. Nun rettet das Aus für das längst gescheiterte G8 die CSU auf den letzten Metern der Legislaturperiode vor dem Sitzenbleiben. Seehofer bekommt noch eine 4.

Das miese Zeugnis haben ihm die Schüler sowie deren Eltern ausgestellt. An den Pilotschulen gingen die Jugendlichen lieber ein Jahr länger in die Schule, um noch etwas von ihrer Freizeit zu haben. Spätestens da war der Druck so stark geworden, dass das Ende des G8 eigentlich unausweichlich war. 13 Jahre – so lange dauerte früher eine Schullaufbahn mit Abitur – brauchte die CSU, um das Scheitern des achtjährigen Gymnasiums einzugestehen und die Kehrtwende einzuläuten. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer Verbandes, Simone Fleischmann, bringt es auf dem Punkt. Sie sagt: „Wir haben beim G8 13 Jahre diskutiert, 13 Jahre ausprobiert und nichts ist passiert.“

Jetzt ist das Schicksal des Gymnasiums und das Ende des G8 besiegelt. Die Erwartungen sind hoch. Es soll der große Wurf werden, das verspricht die CSU. Die Lehrerverbände fordern nichts Geringeres als eine vollständige Überarbeitung des bisherigen gymnasialen Konzepts.

Das Gymnasium hat Horst Seehofer zwar zur Chefsache erklärt. Die Reform klingt aber eher nach einem Reförmchen. „Behutsam“ wolle die CSU das Gymnasium reformieren, die Neuausrichtung sei keine Rückkehr zum G9.

Seehofer weiß, wie schwierig es wird, denn die Palette an Forderungen ist groß. Eltern, Lehrer, Schüler – alle haben verschiedene Ansichten. Abgeordnete der CSU vergleichen sich gerne mit dem Fußball-Bundestrainer: Egal wie er seine Elf aufstellt, er wird auf jeden Fall von den Fans kritisiert. Auch in der Bildungspolitik ist das so. 325 000 Schüler besuchen ein bayerisches Gymnasium, jeder hat eine eigene Auffassung. Allen Recht machen kann man es nicht.

Das weiß auch Ministerpräsident Horst Seehofer. Trotzdem erweckt er den Anschein, bewusst den Schulterschluss mit den Verbänden zu suchen und sich als Landesvater zu präsentieren, der auf die Beschwerden der Schüler, Eltern und Lehrer reagiert. Seehofer schickte seinen Kultusminister Ludwig Spaenle zum Nachsitzen. Der lieferte seiner Partei danach mal ein brauchbares Konzept, wie das Gymnasium der Zukunft aussehen könnte.

Geht es nach den Lehrerverbänden, dann sollte auf das G8-Debakel eine vollkommene und ausgegorene Überarbeitung des Gymnasiums folgen. Viele bewährte Neuerungen des G8 sollen beibehalten und weiter verbessert werden. Es soll mehr individuelle Förderung, etwa in Form von freiwilligen Förderkursen oder Coachings von lernschwächeren Schülern geben, dazu mehr Angebote zur Selbstfindung. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie wichtig der CSU diese Vorschläge sind oder ob es sich nur um ein taktisches Manöver vor den Landtagswahlen 2018 in Bayern handelt. Nimmt die CSU die Anliegen tatsächlich ernst, dann könnte sie am Ende sogar von ihrem eigenen Scheitern profitieren.

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