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Politik
Montag, 25. September 2017 19° 3

Stadtentwicklung

Kommunen sagen Leerständen den Kampf an

Die Quintessenz eines Werkstattgesprächs der IHK Regensburg lautet: Innenstädte müssen attraktiver werden.
Von Anna-Maria Ascherl, MZ

Leerstehende Immobilien finden sich in vielen bayerischen Städten. Ein erster Schritt zur Lösung des Problems ist eine attraktivere Innenstadt. Foto: dpa

Regensburg.Lebensmittelmärkte säumen die Straßen, ein Fachmarktzentrum lockt die Menschen aus dem Umland in die Stadt. Direkt in die Stadt? Nicht ganz. Denn diese Märkte sind meist in der Peripherie angesiedelt. Die Konsequenz: Die Innenstädte bleiben leer. Das zwingt viele Einzelhändler zur Geschäftsaufgabe. Um diese Entwicklung zu stoppen und die Leerstände in den Innenstädten wieder aufzufüllen, braucht es eine attraktive Innenstadt – und eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung.

Bei einem Werkstattgespräch der IHK Regensburg haben sich Vertreter von Kommunen, Marketingleute und Unternehmer getroffen, um Lösungsvorschläge zu diskutieren. Ihnen zur Seite standen unter anderem zwei Experten: Dr. Robert Leiner forscht an der LMU München zu Themen der Stadt- und Raumentwicklung. Roland Gruber ist Architekt und veranstaltet mit seinen Kollegen von nonconform regelmäßig Ideenwerkstätten – wie erst kürzlich zu der Umgestaltung des Bahnhofumfeldes in Regensburg.

Bürger als Stadtplaner

Beide Experten sind sich einig: Für die Revitalisierung einer Innenstadt braucht es neue Konzepte und Impulse. Es bringe nichts, den alten Zustand wiederherstellen zu wollen. Diese neuen Impulse kommen oft nicht von den Planern selbst, sondern direkt aus der Bevölkerung. Denn wer weiß besser, was eine Stadt braucht, als ihre Bewohner? In nur drei Tagen erarbeiten Gruber und seine Kollegen gemeinsam mit interessierten Bürgern neue Ideen und visualisieren sie. „Mikromaßnahmen“ werden sofort umgesetzt. Alles andere überwacht ein extra eingesetzter „Kümmerer“.

Dr. Robert Leiner Foto: Ascherl

Dr. Robert Leiner berät mit der IQ-Projektgesellschaft für Planung Städte mit einer Einwohnerzahl zwischen 5000 und 25 000. Diese Städte sind wenig attraktiv für den Erlebniseinkauf und auch der inhabergeführte Einzelhandel dünnt sich aus. Für diese Kommunen ist die Nahversorgung ein Entwicklungsanker. Denn: In diesem Bereich ist die sogenannte Distanzempfindlichkeit der Kunden sehr hoch. Das heißt, sie wollen möglichst am nächstgelegenen Standort einkaufen.

Auch in Furth im Wald ist Leiner aktiv. Vor etwa vier Jahren hat die Stadt das Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept, kurz ISEK, auf den Weg gebracht. Bürgermeister Sandro Bauer wurde dafür massiv kritisiert. Er sieht sich in seinem Vorgehen bestätigt, wenn er Leiner, Gruber und die Oberste Baubehörde Bayerns sagen hört: „Stärkt die Innenstädte.“

Lesen Sie dazu: Furth im Wald hat eine Immobilie im Stadtkern gekauft, dort könnte ein Supermarkt mit einer Tiefgarage entstehen.

Sandro Bauer Foto: Ascherl

„Natürlich haben auch die Märkte an der Peripherie ihre Daseinsberechtigung, oft stehen die Flächen dafür in der Innenstadt auch gar nicht zur Verfügung“, sagt Bauer. Aber die Kommune müsse das Sortiment dieser Märkte beschränken, um die Einzelhändler in den Innenstädten zu schützen. Zum Beispiel gehörten Bekleidungs- oder Schuhgeschäfte sowie Drogerieartikel in die Innenstadt, nicht in ein Gewerbegebiet.

Innenstädte oft zu unattraktiv

Doch das ist nicht immer einfach: Einzelhandelsunternehmen suchen bei einer Neuansiedlung den Standort, der sich ökonomisch am meisten rechnet. Das sind eben oft nicht die Innenstädte, sondern die Gewerbegebiete, in denen sich zum Beispiel schon ein Fachmarkt angesiedelt hat, dessen Kunden dann auch im eigenen Geschäft einkaufen. Der Online-Handel ist tatsächlich ein Problem für die Geschäfte innerhalb und außerhalb des Stadtzentrums.

Aber: „Der Wettbewerb der Innenstadt mit den anderen Standorten einer Stadt ist größer als der Wettbewerb mit dem Online-Handel“, sagt Dr. Robert Leiner. Der „intrakommunale Wettbewerb“ sollte vermieden werden, denn dadurch werden automatisch Geschäfte verdrängt. „Die Innenstadt muss wettbewerblich bessergestellt werden.“ Um das zu erreichen, muss sie unter anderem etwas Neues bieten, zum Erlebnis- und Begenungsraum werden.

„Jeder Ort hat seine eigene Marmeladenrezeptur, die es zu finden gilt!“

Roland Gruber

Roland Gruber veranschaulicht das Thema mit einem süßen Vergleich: „Donut oder Krapfen?“ Tatsächlich meint der Architekt aus Österreich damit die Art der Stadtentwicklung. Bei einem Donut klafft in der Mitte ein Loch – die Innenstadt ist leer. Der Krapfen allerdings wartet mit leckerer Marmelade auf. Und das muss auch die Innenstadt schaffen: Sie muss zum Herzstück werden.

Roland Gruber Foto: Ascherl

Gruber schließt sich – wenn auch mit anderen Worten – Leiner an: Es bringt nichts, vereinzelte „Marmeladenbatzen“ von außen nach innen zu transportieren. Man muss eine neue Füllung kreieren. Gruber: „Jeder Ort hat seine eigene Marmeladenrezeptur, die es zu finden gilt!“

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