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Politik
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Forschung

Korruption: Kein leichtes Geschäft

Was in Regensburg ernst ist, ist in Passau nur ein Spiel. Graf Lambsdorff spielt mit Studenten durch, wie Bestechung abläuft.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Portrait von Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff, im großen Hörsaal der Universität Passau, wo er einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftstheorie hat.
  • Ein Schild am Alten Rathaus in Regensburg: Die Oberpfälzer Metropole wird von einem Bestechungsskandal erschüttert. Foto: dpa

Passau.Acht Studierende spielen in Passau ein schmutziges Spiel. Die angehenden Volkswirtschaftler schlüpfen in die Rollen von Politikern, Unternehmern und städtischen Finanzverwaltern. Sie bereden dunkle Machenschaften, überweisen sich Geld, schanzen sich Grundstücke unter Preis zu und versprechen sich kriminelle Gefälligkeiten. Die junge Truppe besorgt sehr konzentriert eine komplexe Aufgabe. „Bestechung“, sagt ihr Professor Johann Graf Lambsdorff, „ist ja auch kein leichtes Geschäft.“

Der Wissenschaftler, der an der Universität Passau den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftstheorie innehat, entwickelte für seine Studenten eine Übung, die beinahe lachhaft dem Konstrukt ähnelt, das die Staatsanwaltschaft ihren Ermittlungen in der Regensburger Korruptionsaffäre zugrundelegt.

Bekanntermaßen stehen in Regensburg der vorläufig suspendierte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, sein Vorgänger Hans Schaidinger, der Bauträger Volker Tretzel und ein inzwischen gefeuerter Stadtbau-Mitarbeiter unter Korruptionsverdacht. Der OB, der Baulöwe und der Mitarbeiter sitzen seit 18. Januar in U-Haft. Es geht um gestückelte Parteispenden, Finanzspritzen an den Fußballklub SSV Jahn, die fragwürdige Vergabe von Bauflächen und einen hoch dotierten Beratervertrag. „Der Klassiker!“, sagt Graf Lambsdorff am Telefon, in hörbarer wissenschaftlicher Begeisterung über den Stoff, aus dem der Regensburger Skandal gewebt ist.

Die Chronologie des Regensburger Korruptionsskandals: hier.

In Regensburg sind die Ermittlungen existenzbedrohender Ernst, in Passau ist alles nur ein forensisches Spiel. Acht Studierende schwärmen in die Passauer Altstadt aus, um obskure Rollen einzunehmen. Akteure sind etwa ein Bürgermeister, dessen Gattin, ein Bauunternehmer, ein Kämmerer und eine Sekretärin. Jeder Spieler erhält Vorlagen, wie er auf Fragen antworten soll, aber: Keiner im Netzwerk weiß alles.

Auf der Set-Liste stehen außerdem Studentengrüppchen, die losmarschieren, um den Sumpf trocken zu legen. In bedeutenden Wirtschaftsprüfer-Häusern wie PricewaterhouseCoopers würde man dazu vor allem große Datensätze abgleichen, sagt Graf Lambsdorff. „Bei uns geht es um die Forensik. Und die Königsdisziplin ist hier das Interview.“ Die Nachwuchs-Wissenschaftler sollen lernen, aus Befragten die bedeutsamen Informationen herauszukitzeln.

Ein Schlüsselwort führt zum nächsten

Der Professor hat in seinem Skript Pfade angelegt, die in die Irre führen. Eine Affäre mit der Sekretärin, unstimmige Spesenabrechnungen und andere Nebenschauplätze sollen die Studenten trainieren, der Versuchung zu widerstehen, überall einen Skandal zu wittern. „Über eine Liaison und anderen Firlefanz stolpert man, aber dahinter steckt nicht die eigentliche Geschichte“, sagt der 51-Jährige. Seine Studenten sollen einen Riecher dafür entwickeln, wo die Sache stinkt. Bei den Recherchen fallen Schlüsselwörter. „Ein keyword führt zum nächsten“, beschreibt der Forscher die Anordnung. „Und die Wahrheit rückt immer näher.“

Im Fall Watergate, in den 1970er Jahren, hieß der entscheidende Tipp an die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein, die Richard Nixons Machenschaften aufdeckten: Follow the money trail, folge der Spur des Geldes. Lambsdorff: „Wer ist der Begünstigte? Das ist bis heute die Kernfrage.“

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Joachim Wolbergs: hier im Wortlaut.

Immobilien sind nach Erfahrung des Professors beliebte Ankerplätze für Korruption. „Es ist schon spannend zu sehen, dass Bauträger-Geschäfte in Regensburg eine Rolle spielen. Bei kommunalen Grundstücken sind die Marktpreise nicht so transparent. Da kann man sich gut was zuschustern.“ Auch das Stückeln von Spenden taucht in Bestechungsfällen häufig auf. „Das ist allerdings relativ plump. Wer Spenden stückelt, weiß um die Gesetze und umgeht sie. Man fragt sich zwangsläufig: Warum sollte der Geldfluss geheim bleiben?“

Wie stellt man sicher, dass geliefert wird?

Die größte Herausforderung im Bestechungssumpf ist: Wie stellt man sicher, dass Gefälligkeiten auch belohnt werden? „Häufig ist den Beteiligten gar nicht so sehr bewusst, dass sie sich in einem kriminellen Milieu bewegen und keine Ansprüche einklagen können“, sagt Lambsdorff. Keiner der Akteure hat eine rechtliche Handhabe, damit geliefert wird, was abgemacht war. „Es gibt dazu international köstliche Fälle“, sagt der Wissenschaftler. „Da wird zum Beispiel mit Blüten bezahlt, oder mit unechten Antiquitäten.“

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Hans Schaidinger: hier im Wortlaut

Ein gängiges Instrument, zu dem reziproke Netzwerke greifen, ist der Beratervertrag, der einem Amtsträger im Nachhinein seine Vorleistungen vergolden soll. „Eine elegante Möglichkeit“, sagt Graf Lambsdorff. „Das funktioniert oft wunderbar.“ In Regensburg durchleuchtet die Staatsanwaltschaft Beraterhonorare, die der frühere OB Hans Schaidinger von Bauträger Volker Tretzel angenommen haben soll. „20 000 Euro im Monat – das ist eine Stange Geld, selbst wenn man mit sehr guten Kontakten dienen kann. Das gibt man nicht aus Freundschaft“, ordnet der Wirtschaftsexperte den Verdacht ein. Wer auf nachträglichen Dank für illegale Handlungen spekuliert, geht ins Risiko. „Normalerweise baut man da eine Rückversicherung ein“, sagt Lambsdorff. Seine Studenten würden dieser Spur folgen.

Die gemachten Männer führen den Novizen ein

In Bestechungsfällen ähneln sich die Zutaten und die Typen. Der Professor nennt den Landsknecht-Typ, wie ihn der Waffenhändler Karlheinz Schreiber verkörpere. „Der Landsknecht wirkt sehr verbindlich. Mit dem würden Sie eine Nacht lang durchfeiern. Aber das ist auch der Typ, der sich am längsten rächt.“ Auf dem wissenschaftlichen Tableau stehen außerdem die made men, die gemachten Männer, und der Typ Novize, der ins Geschäft eingeführt wird. Der Passauer Wissenschaftler nennt als Beispiel die Strukturen der Mafia. Der Neuling wird dort erst in den Kreis der Arrivierten aufgenommen, wenn er einen Mord begangen hat, eine Tat also, die lebenslang garantiert: Der frisst uns aus der Hand.

Der ehemalige Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger (rechts, CSU) mit seinem Nachfolger Joachim Wolbergs (links, SPD). Die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Korruptionsverdachts. Foto: dpa

Wer denkt, der Regensburger Korruptionsskandal sei an der Universität Passau im Turbotempo zum Lehrbuch-Stoff avanciert, liegt falsch. „Wir spielen unseren Fall seit Jahren durch, immer im Oktober“, erzählt der Wissenschaftler. Er exportiert die Anordnung außerdem sehr erfolgreich jedes Jahr nach Wien, zur Internationalen Anti-Korruptions-Akademie (IACA), einem Kompetenzzentrum mit Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen.

Im Passauer Spiel entpuppt sich übrigens der Bürgermeister als Bösewicht. Am Ende stellt sich heraus, dass er, über ein Liechtensteiner Unternehmen, der Eigentümer eines dubiosen Baukonzerns ist. Häufig bleibt der Fall aber ungeklärt. „Nur ein Teil der Studenten kommt auf die Lösung.“

Alles zum Regensburger Korruptionsskandal lesen Sie hier.

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