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Politik
Samstag, 18. November 2017 5

Geschichte

Lenins Menschheitsverbrechen

Vor 100 Jahren putschte Lenin die Bolschewiken an die Macht. Die Diktatur des Proletariats forderte mehrere Millionen Opfer.
Von Harald Raab, MZ

Diese zeitgenössische Zeichnung zeigt den sowjetischen Staatsgründer: Wladimir Iljitsch Lenin. Er spricht als Führer der Oktoberrevolution 1917 zu einfachen Soldaten und Bürgern. Foto: dpa

Moskau.Noch immer wird er wie ein Heiliger verehrt: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Im Moskauer Mausoleum wird der einbalsamierte Leichnam den staunenden Massen als Ikone der Russischen Revolution von 1917 gezeigt. Der Lenin-Mythos ist zählebiger als sein Meisterstück, die Sowjetunion. An dem gängigen Geschichtsbild von der glorreichen Oktober-Revolution vor 100 Jahren und ihrem Revolutionshelden Lenin ist in der sowjetischen Geschichtsschreibung so ziemlich alles verfälscht wie an der Mumie des roten Zaren.

Einer der es wissen musste, war der Schriftsteller Maxim Gorki. Er kannte Lenin und Stalin aus nächster Nähe. 1917 schrieb er: „Lenin ist Führer und russischer Adeliger und gewisse seelische Eigenschaften dieses ins Nichts verschwundenen Standes sind ihm nicht fremd. Deshalb hält er sich für berechtigt, mit dem russischen Volk ein grausames Experiment zu machen, das schon im voraus zum Scheitern verurteilt ist.“

Nur bei der Zeiteinschätzung hat sich Gorki geirrt, nicht bei der beispiellosen Grausamkeit. Es dauerte bis zum Jahr 1991. Erst dann verschwand der kommunistische Albtraum. Alles andere ist eingetroffen: Lenin hat keine Revolution zur Befreiung des russischen Volkes in Gang gesetzt und auch nicht den autokratischen Zaren Nikolaus II. gestürzt. Das hatten vor ihm in der Februar-Revolution die bürgerlichen und sozialdemokratischen Kreise der Duma mit Hilfe streikender Arbeiter der Petrograder Industriebetriebe und der meuternden Matrosen von Kronstadt besorgt. Was Lenin in der russischen Hauptstadt gegen die Übergangsregierung inszeniert hat, war ein Staatsstreich.

Lenin selbst hat auch nie geleugnet, dass er mit der deutschen Regierung paktiert hat, um vom Exil in der Schweiz nach Petrograd zu gelangen und ins Geschehen eingreifen zu können. Die Bolschewiki haben dafür Millionenbeträge vom deutschen Kriegsgegner bekommen. Lenins Sicht der Tatsache: Nicht er sei von den Deutschen benutzt worden, sondern er habe den Gegner für seine Zwecke eingespannt. Lenin vor Parteigenossen: „Ich werde beschuldigt, in der Revolution mit Hilfe deutschen Geldes gesiegt zu haben. Diese Tatsache habe ich nie geleugnet.“ Zur Hagiographie über Lenin gehört auch: Er habe nur unter dem Zwang der Verhältnisse im Bürgerkrieg zum Mittel des Terrors gegriffen. Erst Stalin habe den Massenterror zum allgemeinen Prinzip der Sowjetherrschaft gemacht. Eine derartige Interpretation verleugnet, dass alle Grundlagen zum Terror in Russland und später im sowjetischen Herrschaftsbereich von Lenin gelegt worden sind.

Lenins Stunde schlug im Exil

Mit Bauern und Arbeitern hatte der am 10. April 1870 in Simbirsk geborene Wladimir Iljitsch Uljanow wenig zu tun. Sie waren ihm Subjekte zum Zweck seines Menschenexperiments. Sein Vater Ilja Nikolajewitsch gehörte dem Dienstadel an. Als junger Anwalt führte Lenin einen Prozess gegen Bauern, die auf den Wiesen seines Familienguts unberechtigt ihr Kühe weiden ließen. Noch als Berufsrevolutionär bezog er sein Einkommen aus der Verpachtung des Familienbesitzes.

Beginnend mit den katastrophalen Hungersnöten 1891 erodierte der Glaube an die gottgewollte Herrschaft des Zaren. Die Loyalität des Volkes war völlig dahin, als Zar Nikolaus II. bei den Aufständen 1905, beim berüchtigten Blutsonntag, auf wehrlose Frauen und Kinder schießen ließ.

Nikolaus war eine schwache Persönlichkeit und unfähig auf die Herausforderungen der Zeit mit Reformen zu reagieren: Industrialisierung, Not der Landbevölkerung und der Arbeiter in den Betrieben, Anspruch des liberalen Bürgertums, Beteiligung an der Macht zu erhalten. Der Zar, der mit 26 Jahren auf den Thron kam, setzte auf autokratische Machtdemonstration. Seine deutsche Frau Alexandra aus dem Haus Hessen-Darmstadt riet zur äußersten Härte: Das Volk der Russen brauche die Knute. Zar und Zarin sowie ihre vier Töchter und der Sohn Alexej wurden im Juli 1918 in Jekaterinburg von Angehörigen der Tscheka erschossen.

Die unzufriedenen Untertanen des Zaren brauchten etwas ganz anderes als die Peitsche. Das wurde im Ersten Weltkrieg deutlich. Die Russen wollten nicht in den Materialschlachten von den adeligen Offizieren verheizt werden. Sie wollten Frieden, eine demokratische Regierung und vor allem bessere Lebensbedingungen.

Die Kriegsmüdigkeit der Russen war die große Chance des deutschen Kaiserreiches, den Zwei-Fronten-Krieg zu beenden. Russland musste mit allen Mitteln aus der Kriegskoalition mit England und Frankreich herausgebrochen werden. Dafür wurden Millionensummen für Wühlarbeit in Russland bereitgestellt.

„Wie Lenin zu einer derart mächtigen Jahrhundertfigur geworden ist, bleibt rätselhaft.“

Der Historiker Gerd Koenen

Als der Zar abgedankt hatte, die Übergangsregierung unter dem Verteidigungsminister und späteren Ministerpräsidenten Alexander Kerenski nicht zu einem Separatfrieden bereit war, schlug die Stunde Lenins. Er saß im Schweizer Exil fest. Franzosen und Engländer lehnten es ab, den radikalen Revolutionär nach Russland zu befördern. Für das Auswärtige Amt und die Militärs in Berlin war Lenin mit seiner beim Volk populären Parole, den Krieg zu beenden, die Trumpfkarte, die stechen musste. Mit 30 russischen Genossen wurde er in einem plombierten Zug nach Schweden expediert. Von dort aus konnte er ungehindert nach Petrograd reisen. Am 21. April 1917 teilt die Oberste Heeresleitung dem Auswärtigen Amt mit, „Lenin Eintritt in Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch.“ Der Historiker Gerd Koenen urteilt: „Wie Lenin zu einer derart mächtigen Jahrhundertfigur geworden ist, bleibt rätselhaft. Als Agitator vor großen Massen, als die ihn zahlreiche Bilder und Plastiken dargestellt haben, ist der kleine Mann mit der Glatze, dem schütteren rötlichen Bart und dem Advokatenanzug so gut wie nie aufgetreten.“

Der erste Putschversuch im Juli 1917 scheiterte. Regierungstreue Truppen eröffneten das Feuer auf die von den Bolschewisten mobilisierten Demonstranten. Lenin musste nach Finnland fliehen. Er wusste nun, dass er mit demokratischen Mitteln nie die Bolschewiki an die Macht bringen konnte. Seine letzte Chance, er musste im Oktober vor dem Zusammentreten des II. Allrussischen Sowjetkongresses vollendete Tatsachen schaffen.

Ein klares Votum gegen die Diktatur

Ein Arbeiter reinigt in Sankt Petersburg eine Lenin-Statue. Am 07.11.2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum hundertsten Mal. Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Am 24. und 25. Oktober 1917 ( nach dem in Russland damals gültigen Julianischen Kalender, nach dem Gregorianischen am 6. und 7.November) gingen die Bolschewiki klüger vor als im Juli. Lenin blieb im Hintergrund und überließ dem begnadeten Organisator Leo Trotzki das Feld. Mit Matrosen und Roten Garden ließ der alle Schlüsselpositionen der Hauptstadt besetzen. Angeblich zum Schutz der Regierung vor Konterrevolutionären.

Es fand auch keine dramatische Erstürmung des Winterpalais statt, wo die Kerenski-Regierung ihren Sitz hatte. Die Bolschewiki fanden kaum Widerstand durch die Wachen. Sie konnten ungehindert hineinspazieren und die Minister festsetzen. Kerenski selbst gelang die Flucht.

Als am Abend des 26. Oktobers der Sowjetkongress zusammentrat, zeigten sich die Gegner des bolschewistischen Staatsstreichs zerstritten. Sie verließen protestierend die Tagung. Die verbliebene bolschewistische Mehrheit konstituierte den Rat der Volkskommissare, mit Lenin an der Spitze. Die Putschisten hatten gesiegt.

Als erste Amtshandlung verabschiedeten sie das von Lenin aufgesetzte Dekret zur Beendigung des Krieges. In den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk 1918 ging die russische Delegation unter Trotzki auf alle Forderungen der Deutschen ein. Russland verlor 26 Prozent seines europäischen Territoriums mit 60 Millionen Menschen.

Noch aber war eine Hürde im Oktober 1917 zu nehmen. Lenin konnte nicht verhindern, dass 14 Tage später die lange vorher angekündigte und auch von den Bolschewisten geforderte Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung stattfand. Diese einzige demokratische Wahl unter den Sowjets wurde zum Desaster für die Bolschewiki. Bei 60 Prozent Wahlbeteiligung bekamen die Bolschewiki nur 24 Prozent der Stimmen. Ein klares Votum gegen die bolschewistische Diktatur.

Zwischen 1917 und 1922 hat Lenin 676 Gesetze und Dekrete selbst verfasst. Als eines der ersten zur Festigung einer bis dahin noch nie realisierten totalen sozialen Diktatur gilt das Dekret zur Einrichtung der Tscheka, der Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage unter dem berüchtigten Felix Dzierzynski. Der ließ bis zu 250000 Gegner liquidieren. Bei den späteren stalinistischen Säuberungen werden 20 Millionen Opfer geschätzt. Im russischen Bürgerkrieg kamen bis 1922 zehn Millionen Zivilisten ums Leben. In ihrer Brutalität standen die Weißen und die Nationalisten dem Terror der Bolschewiken in nichts nach.

Beurteilt man die Oktoberrevolution, deren Auswirkungen und die Rolle Lenins aus der Opferperspektive, so kommt man um die Einschätzung nicht herum: Der 24. und 25. Oktober 1917und die fünfjährige Herrschaft Lenins – er starb 1924 an den Folgen einer Hirnsklerose (vermutet Ursache: Neurosyphilis) – war der Beginn einer der größten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Auch der Schreibtischtäter Lenin muss mit seinem wahnsinnigen Menschenexperiment in die Riege der monströsen Massenmörder eingereiht werden – wie Stalin, Hitler, Mao Zedong oder Pol Pot.

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