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Politik
Dienstag, 25. Juli 2017 20° 6

Kriminalität

London: Auto rast in Menschenmenge

Im Stadtteil Finsbury ereignete sich ein tödlicher Zwischenfall. Medien berichten mittlerweile von einem Terror-Anschlag.

Ein Großaufgebot von Polizisten ist im Finsbury Park im Einsatz. Foto: dpa

London.Großbritannien kommt einfach nicht zur Ruhe. In der Nacht zum Montag um 0.20 Uhr Ortszeit gehen bei der Londoner Polizei die ersten Notrufe ein. Ein Lieferwagen ist in eine Menschengruppe in der Nähe einer Moschee gerast. Blut, Schreie, reglose Körper in der dunklen Nacht. Gläubige eilen herbei und halten den Fahrer in Schach, bis die Polizei eintrifft. „Ich habe meinen Teil getan“, soll der Täter ihnen zugerufen haben.

Ist es wieder ein Terroranschlag? Oder die Tat eines geistig Verwirrten? Der 48 Jahre alte Fahrer wird „als Vorsichtsmaßnahme“ zunächst in ein Krankenhaus gebracht und dort auch auf seine psychische Gesundheit untersucht. Derweil übernehmen Anti-Terror-Spezialisten die Ermittlungen.

Hassan Hammoud aus Tunesien hat den Fahrer gesehen. „Ich war wegen des Fastenbrechens in einem Restaurant um die Ecke, als ich die Sirenen hörte“, schildert der 20-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Er wirkte ganz normal, nicht psychisch krank.“

Täter verteilte Luftküsse

Abdul Abdulahi (18) zittern immer noch die Knie. „Es lagen Menschen auf dem Boden, alte Menschen, Kinder. Es war schockierend.“ Als die Polizei kam, habe der Täter Luftküsse verteilt, erzählt Abdulahi. „Dieser Mann wusste ganz genau, was er tut. Er wusste, wann die Betenden aus der Moschee kommen“, vermutet er. Zwei Stunden vorher oder nachher, so der 18-Jährige, „wäre niemand hier gewesen“.

Die Bilanz der blutigen Fahrt: zehn Verletzte, ein weiterer Mensch stirbt. Ob die Attacke mit dem Lieferwagen für den Tod des Mannes verantwortlich ist, bleibt allerdings zunächst unklar. Nach Angaben der Polizei wird der Mann bereits von Ersthelfern unterstützt, als der Minivan in die Menschenmenge fährt.

Fahrzeug ramm Passanten vor Londoner Moschee - meh

Fast wäre es dem Fahrer selbst an den Kragen gegangen. Das berichtet Toufik Kacimi, der Leiter des Gebetshauses, vor dem der Zwischenfall passierte, dem britischen Fernsehsender Sky News. Denn ein wütender Mob habe sich auf den 48-Jährigen gestürzt, nachdem er den Lieferwagen verlassen hatte. Doch der Imam habe eingegriffen und Schlimmeres verhindert. „Fasst ihn nicht an“, habe er demnach Menschen entgegengerufen, die sich wütend auf den Mann gestürzt hatten. Der 48-jährige sei von dem Iman und anderen Umstehenden festgehalten worden.

Von den Augenzeugen-Berichten her könnte der Täter von Islamhass motiviert gewesen sein, schreibt der Rat der Muslime auf Twitter. Mohammed Kozbar, der Vorsitzende einer nahegelegenen Moschee im nördlichen London, sagt der Boulevard-Zeitung „The Sun“: „Wer immer das getan hat, wollte Menschen verletzen. Das ist eine Terrorattacke.“

Hier sehen Sie einen Tweet des Rats der Muslime zu dem blutigen Ereignis:

So behandelt auch die Polizei den Fall. Aber sie will die Gemüter beruhigen, keine Gräben entstehen lassen. „Das war eine Attacke auf London und alle Londoner“, betont Neil Basu von Scotland Yard.

Geliehene Fahrzeuge als Waffen

Männer beten: Im Londoner Stadtteil Finsbury Park hat es nach Polizeiangaben einen schweren Zwischenfall mit mehreren Opfern gegeben. Foto: dpa

Drei Terroranschläge hat es in den vergangenen Monaten schon in Großbritannien gegeben: zwei in London und einen in Manchester. Bei den beiden Attacken in der britischen Hauptstadt spielten wie jetzt auch geliehene Fahrzeuge als Waffen eine Rolle. Autos, Last- oder Lieferwagen sind unverdächtig und leicht zu beschaffen.

So viele Anschläge binnen kurzer Zeit machen die sonst gelassenen Briten nervös. Kein Wunder, dass auch beim katastrophalen Hochhausbrand in der vergangenen Woche in London schnell die Frage aufkam, ob es sich um einen Anschlag handeln könnte. Scotland Yards klare Antwort: Nein.

Die Bundesregierung verurteilt die Attacke. Zwar seien die Hintergründe noch nicht geklärt, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Es spreche aber einiges dafür, dass es eine „Tat aus blindem Hass“ sei. „Das würde es einreihen in die terroristischen Taten der letzten Wochen und Monate.“

Die Regierung spricht den Opfern ihr Beileid aus. „Unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern und Angehörigen, den Menschen in dieser Moscheegemeinde und überhaupt allen unseren Freunden in London und Großbritannien, denen es derzeit kaum vergönnt ist, Ruhe zu finden.“

Hier lesen Sie einen Kommentar unseres Korrespondenten:

Kommentar

Gebeuteltes Land

Großbritannien ist ein gebeuteltes Land. Der vierte Anschlag in drei Monaten, drei davon allein in den vergangenen vier Wochen – das ist nur eine Facette...

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