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Politik
Mittwoch, 13. Dezember 2017 5

Anschlag

London kommt noch einmal davon

Eine selbstgebaute Bombe explodiert in einer U-Bahn. Unter Umständen ist die Stadt nur knapp einer Katastrophe entgangen.
Von Jochen Wittmann, MZ

Das Zelt der Spurensicherung steht in London auf dem Gleis neben der U-Bahn, in der es eine Explosion gegeben hat. Foto: afp

London. Es passierte auf dem Höhepunkt der Stoßzeit im Südwesten Londons. Kurz nach acht am Freitag fährt ein U-Bahnzug im Bahnhof Parsons Green ein. Der Zug ist vollgepackt, die Fahrgäste können sich kaum rühren. Plötzlich, so der Pendler Sylvain Pennec, „gab es einen lauten Knall und ich sah überall Flammen“. Die Explosion selbst verletzte niemanden, aber sie schickte eine Flammenwand durch den Waggon.

Passagier Peter Crowley stand in der Nähe der anscheinend hausgemachten Bombe. „Ich hörte einen lauten Donnerschlag“, berichtete er. „Er kam von den gegenüberliegenden Türen. Dann rauschte dieser Feuerball über meinen Kopf.“ Crowley kam mit versengten Schläfen und verbrannten Haaren davon. Andere Passagiere erlitten schlimmere Verbrennungen, die meisten im Gesicht. Aber zum Glück kam es zu keinen Toten.

Manche Menschen überrannt

Schon wieder eine Terrortat im Königreich. Es ist der vierte Anschlag in diesem Jahr, bei denen es bisher 36 Tote zu beklagen gibt. Und eine Bombe in der Londoner U-Bahn weckt besonders schlimme Assoziationen. Im Juli 2005 ermordeten vier Rucksackbomber 52 Menschen. Damals fand das Grauen unterirdisch statt. Zum Glück liegt die Station Parsons Green ebenerdig. Das machte die Evakuierung des U-Bahnzugs leichter. Doch kommt es zu einer Massenpanik. Menschen strömen aus dem Zug und hetzen auf die Treppen zu. Manche fallen, werden überrannt. Der „London Ambulance Service“ meldete, dass 29 Menschen in Krankenhäuser eingeliefert wurden; keiner schwebe in Lebensgefahr.

Feuerwehrmänner in der Nähe der Station Parsons Green: In einem U-Bahnwaggon explodierte eine Bombe. Foto: afp

Der Notruf bei der Polizei ging um 8.20 Uhr ein. Binnen weniger Minuten sind die ersten Einsatzkräfte am Ort. London hat gelernt, schnell zu reagieren. Bald wimmelt es um die Station Parsons Green von Feuerwehrleuten, Ambulanzen, bewaffneten Spezialkräften und Anti-Terror-Einheiten. Der Bereich wird mit blau-weißem Flatterband abgesperrt. Über den Köpfen der Menschen knattern Hubschrauber, die das Geschehen für die Nachrichtensender filmen.

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Kommentar

Glück gehabt

Da wird eine Bombe in einer voll besetzten U-Bahn in London abgestellt und mit einem Zeitzünder zur Explosion gebracht, aber sie geht ausgerechnet dann...

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt schnell ein weißer, großer Eimer in einer XL-Supermarkttüte, der im Innern des Waggons nahe den U-Bahntüren steht. Passagiere hatten Fotos des brennenden Eimers, aus dem Drähte zu ragen scheinen, ins Internet gestellt. Der ehemals für die Terrorabwehr verantwortliche Generalmajor Chip Chapman hält den Sprengkörper für eine selbst gebaute Dampfdrucktopf-Bombe, die wohl nicht vollständig explodierte, und vermutet „einen islamistisch-dschihadistischen Hintergrund“. Der bei Scotland Yard für Terrorabwehr zuständige Mark Rowley bestätigt später, dass es sich bei der Bombe um „eine improvisierte Sprengvorrichtung“ handelt – mit Zeitzünder, meldet Sky News.

Das würde bedeuten, dass es sich nicht um ein versuchtes Selbstmordattentat handelt. Stattdessen dürfte der Täter, bevor der Zug in Parsons Green einfuhr, das Paket im U-Bahnwaggon hinterlassen haben. Die Polizei wird sich jetzt auf die Bilder der Überwachungskameras in den fünf U-Bahnhöfen konzentrieren, die vor Parsons Green liegen.

Der Papierkorb, in dem die Bombe wohl deponiert war Foto: afp/ HO / @sylvainpennec


Auch die unvollständig explodierte Bombe wird den Fahndern eine Fülle an Informationen liefern. DNA-Spuren sollten gefunden werden können, auch die Machart der Bombe liefert Hinweise. Nach den Verantwortlichen und Hintermännern des jüngsten Anschlags beginnt jetzt eine Menschenjagd, an der Hunderte von Polizisten und anderen Sicherheitskräften diverser Dienste beteiligt sind.

3000 bekannte Terrorverdächtige

Die offizielle Terrorwarnstufe im Königreich lautet „severe“, ernst, was bedeutet, dass eine Attacke „hoch wahrscheinlich“ ist. In diesem Jahr kam es zu einem starken Anstieg bei der Verhaftung von Terrorverdächtigen – es gab ganze zwei Drittel mehr Festnahmen als im Vorjahr. „Seit den Attacken von London und Manchester hat es eine deutliche Verstärkung gegeben“, meint Neil Basu, der für die nationale Koordinierung der Terrorabwehr zuständig ist. „Das bedeutet einfach, dass es da draußen mehr Leute gibt, die bereit sind anzugreifen.“ Rund 3000 sogenannte „subjects of interest“, also Terrorverdächtige, kennen die Sicherheitskräfte in Großbritannien, weitere 20 000 Personen gelten als mögliche Sympathisanten. Und zur Zeit werden rund 500 geplante Terroranschläge untersucht. Erst am Abend, als sich die IS-Terrormiliz zu dem U-Bahn-Anschlag bekannt hatte, wurde die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen.

Die Londoner reagierten auf den Anschlag mit einer Mischung aus Stoizismus und Hilfsbereitschaft. „Wenn irgendjemand geschockt und verwirrt wegen Parsons Green ist“, twitterte Katy Dunn, „ich wohne um die Ecke und der Teekessel ist schon an.“

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