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Politik
Freitag, 19. Januar 2018 4

Kommentar

Mehr Einsatz für gute Pflege

Ein Kommentar von Dagmar Unrecht

Wir werden immer älter und bleiben auch länger gesund. Das ist die gute Nachricht. Schwierig wird es, wenn die Kräfte nachlassen, Krankheiten dazukommen und man schließlich auf Hilfe angewiesen ist. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Gleichzeitig gibt es immer weniger Pflegefachkräfte. Damit wird die Frage, wie eine gute Betreuung im letzten Lebensabschnitt gewährleistet und finanziert werden kann, immer drängender. Diskutiert wird darüber unter dem Stichwort „Pflegenotstand“ schon seit Jahren. Mit den Pflegestärkungsgesetzen gab es auch einige Verbesserungen, zum Beispiel für Menschen mit Demenz. Doch der große Wurf, mit dem die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft in Zukunft bewältigt werden können, ist bisher ausgeblieben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Neujahrsansprache Verbesserungen für die Pflegeberufe angemahnt. Auch die SPD ist dafür. Nur wie das passieren soll, ist offen. Eine neue Regierung muss darauf konkrete Antworten finden.

Der große Wurf, mit dem die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft in Zukunft bewältigt werden können, ist bisher ausgeblieben.

Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass es bis zum Jahr 2060 rund 4,7 Millionen Pflegebedürftige gibt. Nach Prognosen könnten im Jahr 2025 gut 200 000 Vollzeitstellen im Pflegebereich unbesetzt sein. Ausgebildete Pflegekräfte arbeiten nach Angaben der Deutschen Stiftung Patientenschutz im Schnitt nur 13 Jahre in ihrem Beruf. Viele kehren dem Job den Rücken, weil sie an ihre körperlichen und seelischen Grenzen kommen. Der Personalmangel hat auch in der Region gravierende Folgen: Das Caritas Alten- und Pflegeheim St. Bernhard in Bernhardswald kann derzeit keine Bewohner mehr aufnehmen, weil Fachkräfte fehlen.

Die Arbeitsdichte ist hoch, die Verantwortung auch, nur die Bezahlung fällt – zum Beispiel im Vergleich mit technischen Berufen – niedrig aus.

Für die schwierige Personalsituation im Pflegebereich gibt es mehrere Gründe: familienunfreundliche Arbeitszeiten im Schichtdienst, häufige Nachtdienste – oft mit besonders dünner Personaldecke – und aufwendige Dokumentationspflichten. Die Arbeitsdichte ist hoch, die Verantwortung auch, nur die Bezahlung fällt – zum Beispiel im Vergleich mit technischen Berufen – niedrig aus. Die Scheu davor, in der Altenpflege zu arbeiten, hat aber nicht nur mit dem Verdienst und der Arbeitsbelastung zu tun, sondern oft auch mit einer fehlenden Wertschätzung. Der Beruf leidet unter einem schlechten Image.

Es bleibt die Frage, wie höhere Gehälter in der Pflege finanziert werden sollen. In der Pflegeversicherung wurden die Betragssätze in den vergangenen Jahren immer wieder erhöht. Finanzielle Spielräume gibt es dennoch nicht. Höhere Gehälter in der Pflege wären ohne weitere Beitragserhöhungen nicht möglich – zumindest dann, wenn die Gesundheitsversorgung in ihrer jetzigen Struktur erhalten bleibt und keine neuen Töpfe zur Querfinanzierung angezapft werden. Das Problem ist aber, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen schon jetzt viele private Zuzahlungen leisten. Bei insgesamt steigenden Pflegekosten drohen in Zukunft noch mehr Zuzahlungen. Zugleich ist schon heute die Hälfte der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen.

„Der Pflege-TÜV liegt auf Eis, weil er nur Top-Noten vergeben hat.“

Der neuen Regierung muss ein schwieriger Spagat gelingen: Die Belastungen für die Bürger dürfen nicht vollkommen aus dem Ruder laufen, gleichzeitig muss mehr Geld und mehr Pflegepersonal mobilisiert werden. Dazu kommt, dass es derzeit kein vernünftiges Bewertungssystem für Heime und Pflegedienste gibt. Der Pflege-TÜV liegt auf Eis, weil er nur Top-Noten vergeben hat und Missstände nicht zu erkennen waren. Eine Neuregelung steht noch aus.

Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Es ist unwürdig, auf Kosten alter Menschen Flickschusterei zu betreiben.

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