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Religion

Müller war Glaubenshüter auf Abruf

Unser Italien-Korrespondent mutmaßte bereits vor einem Jahr, dass die Karriere von Kardinal Müller vorbei sein könnte.
Von Julius Müller-Meiningen, MZ

Kardinal Müller und Papst Franziskus Foto: dpa

Rom.Als Präfekt der Glaubenskongregation präsentierte Gerhard Ludwig Müller im Juni 2016 ein Schreiben über Rechte und Pflichten der sogenannten kirchlichen Gemeinschaften. Müller saß im vollen Ornat auf dem Podium im vatikanischen Pressesaal, aber er tat sich nicht wirklich leicht beim Vorlesen des vorbereiteten italienischen Textes. Lockere Auftritte vor großem Publikum sind seine Sache nicht. Der Vortrag wirkte steif und ungelenk.

Gerhard Ludwig Müller lächelt viel, obwohl viele Leute im Vatikan behaupten, dass ihm in der katholischen Kirche eher weniger zum Lachen zu Mute ist. Im Gegenteil, Menschen, die täglich mit ihm zu tun haben, behaupten, Müller habe es in Rom ausgesprochen schwer. Der Grund ist die Kluft zwischen der Agenda des Papstes und den Überzeugungen eines Mannes, der dieses Programm eigentlich mitgestalten sollte. Müller wirkte unter Papst Franziskus aber wie ein Fremdkörper.

Dass der 68 Jahre alte Kardinal aus Mainz-Finthen und der 79-jährige Papst aus Buenos Aires nicht zusammen passen, ist schon seit Längerem evident. Eine Abberufung Müllers kurz nach Amtsantritt hätte noch wie ein Affront gegen Benedikt XVI. gewirkt, der den ehemaligen Bischof von Regensburg wenige Monate vor seinem Rücktritt als Chef der Glaubenskongregation berief, als Garanten für theologische Kontinuität.

Wie eine inoffizielle Wachablösung

Spätestens im April 2016 wurde aber auch Kritikern des Papstes bewusst, dass ein Wechsel überfällig sein könnte. Damals wurde das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia präsentiert, die Antwort des Papstes auf die Diskussionen bei den beiden Bischofssynoden von 2014 und 2015 zum Thema Familie. Nicht etwa Müller, der qua Amt prädestinierte Mann für den Vortrag, trug den Inhalt des folgenreichen Schreibens vor, sondern der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Der Termin vor der Weltpresse wirkte wie eine inoffizielle Wachablösung.

Angesichts des Inhalts des Schreibens wäre es undenkbar gewesen, dass Müller die Schlüsse des Papstes der Öffentlichkeit vortrug. Bergoglio positioniert sich in Amoris Laetitia deutlich im Hinblick auf das umstrittenste katholische Thema der vergangenen Jahre, die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. De facto lässt der Papst den Gläubigen künftig weitgehend freie Hand. Müller hingegen kämpfte jahrelang auch in der Öffentlichkeit für die bisher geltende Regelung, dass die Wiederverheirateten nur bei sexueller Enthaltsamkeit zur Kommunion zugelassen sind. In seinen Augen und nach Ansicht vieler Traditionalisten wäre sonst das Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe aus den Angeln gehoben. Mit Amoris Laetitia wurde endgültig sichtbar, dass Franziskus und sein Präfekt theologisch auf ganz unterschiedlichen Wellenlängen unterwegs sind.

Keine Tatsache, aber eine wünschenswerte Maßnahme

Irgendwie folgerichtig, aber auch erniedrigend für Müller mutete es an, als Franziskus Schönborn bei mehreren Gelegenheiten für seine Interpretation von Amoris Laetitia lobte. Der Wiener Erzbischof hatte im Namen des Papstes über Liebe und Familie geschwärmt und die Ausführungen Bergoglios mit theologischen Argumenten unterfüttert. Als der Papst anschließend zu unklaren Formulierungen befragt wurde, verwies er mehrmals lobend auf Schönborn und dessen enthusiastischen Vortrag. Der Wiener Kardinal, selbst Mitglied der Glaubenskongregation und viel gepriesener Moderator der deutschen Sprachgruppe bei der letzten Synode, sei „ein großer Theologe“, sagte Franziskus. Über Müller hat Franziskus nie derartiges geäußert.

Hörte man sich im Vatikan um, klang es auch bei Papstkritikern so, als sei die Wachablösung Müllers zwar noch keine Tatsache, aber zumindest eine logische und wünschenswerte Maßnahme. Welchen Sinn hat ein Präfekt der Glaubenskongregation, der in der entscheidenden theologischen Frage der Gegenwart eine andere Meinung als der Papst vertritt?

Müller als Feind des Papstes

Müller wurde mehrmals als Gegner oder gar Feind des Papstes bezeichnet. Doch diese Kategorien treffen nicht den Kern, sie verletzten Müller hingegen persönlich. Denn aus seiner Perspektive kämpft er im Namen von Tradition und Wahrheit einen gerechten Kampf gegen diejenigen, die den aus seiner Sicht theologisch unbedarften Papst in die falsche Richtung lotsen. „Ich weiß tausendmal besser, wer der Papst ist und was der Primat bedeutet“, schimpfte er in der heißen Phase der zweiten Synode über seine Kritiker. Es wirkte so, als habe die Rolle des bad guy im Schatten des Medien-Lieblings Franziskus tiefe Spuren hinterlassen.

Müller bekam den Papst nicht zu greifen. Zwar begegneten sich die beiden Männer zu den Routinebesprechungen, die Glaubenskongregation wurde zuletzt aber nicht mehr in die Ausarbeitung der wichtigsten päpstlichen Schriften einbezogen. Die umstrittenen Gesetze zur Erleichterung der Ehenichtigkeitsverfahren bekam der Präfekt der Glaubenskongregation erst vorgelegt, als sie bereits erlassen waren. Amoris Laetitia wurde der Glaubenskongregation vor Veröffentlichung zwar vorgelegt, die seitenweise vorgeschlagenen Änderungen am Text aber ignoriert. Sogar einflussreiche konservative Kommentatoren wie der Vatikan-Journalist Sandro Magister behaupteten deshalb schon länger, Müller zähle unter Franziskus „nichts mehr“.

Auch Müller hat seinen Teil zur Eskalation beigetragen. Im März 2015 stellte er in einem Interview mit der französischen Zeitung „La Croix“ fest, die Aufgabe seiner Behörde sei es, insbesondere ein pastoral geprägtes Pontifikat wie das gegenwärtige „theologisch zu strukturieren“. Es hörte sich so an, als habe Franziskus theologische Nachhilfe nötig. Zum öffentlichen Schlagabtausch setzte nicht der Papst selbst, sondern Víctor Manuel Fernández an, Rektor der katholischen Universität von Buenos Aires und Mitverfasser der wichtigsten Schriften von Franziskus. Der Vertrauenstheologe des Papstes warf dem Deutschen vor, Franziskus wie eine Marionette zu behandeln. Im Gegenzug brandmarkte Müller öffentliche Gedankenspiele von Fernández zur Dezentralisierung der Kurie als „häretisch“. Konstruktive Zusammenarbeit sieht anders aus.

Dezentralisierung ganz oben auf der Papst-Agenda

Zu guter Letzt setzte Müller auch noch seine Unterschrift unter einen ominösen Protestbrief von 13 konservativen Kardinälen bei der vergangenen Synode. Die Eminenzen trugen dem Papst darin ihre Sorge über ein abgekartetes Spiels im Hinblick auf den Ausgang der Beratungen vor, der Brief konnte auch als Misstrauensvotum gegenüber dem Papst ausgelegt werden. Prompt wies dieser die Kritiker und deren „konspirative Hermeneutik“ zurück.

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