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Geschichte

Nachkommen von NS-Tätern berichten

Was bedeutet es, Kind oder Enkel eines NS-Täters oder eines SS-Offiziers zu sein? Jetzt kommen Nachfahren zu Wort.
Von Bernhard Sprengel, dpa

Ein rekonstruierter Stacheldrahtzaun vor einer ehemaligen Häftlingsunterbringung auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa

Hamburg.Für die Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme steht die Erinnerung an das Leid der Nazi-Opfer im Mittelpunkt ihrer Arbeit – seit einigen Jahren interessiert sie sich aber auch für die Nachkommen der Täter. Die Forscher hoffen, von diesen mehr über die NS-Verbrecher zu erfahren. Der Leiter des Studienzentrums Neuengamme, Oliver von Wrochem, hat nun ein Buch herausgegeben, in dem eine Reihe von Kindern und Enkel der Täter zu Wort kommen.

„Ohne es zu begreifen, bin ich fast wie in einer Mafia-Familie in eine Art von „Omertà“ hineingeboren worden“, schreibt die Publizistin Alexandra Senfft. Ihr Großvater Hanns Ludin war im Krieg Gesandter des Dritten Reichs in der mit Deutschland verbündeten Slowakei. 1947 wurde er in Bratislava als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und gehenkt. Senfft hat das Schweigen schon vor einigen Jahren gebrochen, mit einem Buch über ihre Mutter („Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“, 2007) und durch ihre Mitarbeit am Dokumentarfilm „Close to Evil“ von Gerry Gregg (2014).

„Ohne es zu begreifen, bin ich fast wie in einer Mafia-Familie in eine Art von Omertà hineingeboren worden“

Publizistin Alexandra Senfft

Der Literaturwissenschaftler Horst Ohde hat nach eigenen Worten gezögert, seinen Vortrag, den er 2013 in kleinem Kreis in Neuengamme hielt, in dem neuen Buch zu veröffentlichen. 1935 in Hamburg geboren, verlor er sein Vater schon 1941 im Krieg. 1947 heiratete seine Mutter einen ehemaligen SS-Mann aus dem KZ-Neuengamme. Der Hauptscharführer der SS leitete die Mannschaftskantine in dem Lager. Sein Stiefvater habe später nie mit ihm über die Kriegsjahre gesprochen. „Diese Vergangenheit blieb (...) für den Heranwachsenden als zusammenhängende Geschichte eine Dunkelkammer.“ Doch im Unterschied zu anderen der zu Wort kommenden Nachfahren hat Ohde nicht mit seinem längst verstorbenen Stiefvater gebrochen. „Ich habe später diesem Stiefvater nicht misstraut, ihn nicht verdächtigt, als Täter in Strafwürdiges verwickelt gewesen zu sein“, schreibt Ohde.

Mehrere der Autoren beziehen politisch eindeutig Position gegen Nazis und Gruppen, die nach ihrer Ansicht heute in deren Tradition stehen. Wenn es konkret um die eigene Familie geht, werden die Formulierungen vorsichtiger: „Mein Großvater hatte anscheinend kaum relevante Befehlsgewalt, er trägt offenbar keine „besondere“ individuelle Schuld“, lautet das Ergebnis umfangreicher Recherchen, die der Historiker Johannes Spohr über seinen Großvater Rudolph Spohr, Ordonnanzoffizier im Oberkommando des Heeres, anstellte. Und der Sozialarbeiter Hans-Jürgen Brennecke, Sohn eines Polizisten, schreibt: „Mein Vater war seit seiner Jugend ein korrekter, ehrlich überzeugter Nationalsozialist.“

„Mein Vater war seit seiner Jugend ein korrekter, ehrlich überzeugter Nationalsozialist.“

Sozialarbeiter Hans-Jürgen Brennecke

Der ehemalige Fahrlehrer Hans Geulen grenzt sich von seinem Onkel Albert Lütkemeyer sehr viel eindeutiger ab. Der Lagerführer von Neuengamme war in einem der Hamburger Curiohaus-Prozesse von den Briten zum Tode verurteilt worden. Er hatte im Prozess zugegeben, eigenhändig fünf sowjetische Offiziere im KZ mit einem Genickschuss ermordet zu haben. Geulen las das handgeschriebene Protokoll des britischen Henkers, der seinen Onkel „umbrachte“. „Ich empfand kein Mitleid“, notiert Geulen über sein Empfinden bei der Lektüre. Senfft reist dagegen zum Grab ihres Großvaters in die Slowakei und erklärt, dieses sei für sie „wie ein Mahnmal, das an all die schrecklichen Folgen von Rassismus, Ausgrenzung, Menschenverachtung und Krieg erinnert“.

Ohde geht auch der Ursache für das Schweigen seiner Generation der Kriegskinder, die zwischen 1930 und 1940 geboren wurden, nach. Er erwähnt die verheerende Bombardierung seiner Heimatstadt, den Hamburger „Feuersturm“, den er 1943 mit seiner Mutter überlebte. Nach dem Krieg habe er gefürchtet, die Familie könne durch ein zerstörerisches Misstrauen weiteren Schaden nehmen. „Es war (...) ein Schweigen aus (falscher) Rücksichtnahme, aus lebenspraktischer Ängstlichkeit, und es war – nicht zuletzt – eine Unfähigkeit, überhaupt zu reden“, stellt Ohde fest.

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Das öffentliche Reden über NS-Verbrechen von Angehörigen bringt einige der Autoren in Konflikt mit der Familie. Dies auszuhalten, fällt der Enkelgeneration offenbar leichter als den Kindern der Täter. Der Sohn von Martin Weiß, dem einstigen Kommandanten von Neuengamme, wollte nicht selbst über seinen Vater schreiben. Herausgeber von Wrochem hat ihn dennoch zu einem Interview bewegen können, das in Teilen auf einer Begleit-DVD zu sehen ist. (dpa)

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