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Politik
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Justiz

NSU-Morde lenken Blick auf das Böse


Von Christine Schröpf, MZ

Die wichtigsten Worte werden am ersten Tag des Prozesses um die Morde der rechtsradikalen NSU draußen auf dem Vorplatz gesprochen. „Wir trauern um zehn Menschen, die hinterhältig umgebracht wurden – von Menschen, die glaubten, Gott spielen zu dürfen“, sagt der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Martin Neumeyer (CSU). Die NSU-Morde hätten Deutschland verändert. Sie zeigen nach seinen Worten, dass das Böse längst nicht überwunden ist. „Die Mörder sind unter uns, nach fast 70 Jahren.“ Bei der Mahnwache mit mehreren Rednern wird ein schwarzer Kranz niedergelegt. Viele Dutzend schwarze Luftballons steigen in den Himmel.

Vor Gericht entladen sich Gefühle

Der Prozess um Beate Zschäpe und ihre vier mutmaßlichen Helfer läuft zu diesem Zeitpunkt seit zwei Stunden. In einem weißen Kastenwagen der Justiz mit schmalen Sichtschlitzen war Zschäpe um 8.18 Uhr am Gericht eingetroffen. Der Wagen mit der einzigen Überlebenden des Terrortrios verschwindet in der Tiefgarage. Wenige Minuten später trifft in einem zweiten Konvoi aus der Justizvollzugsanstalt Stadelheim Ralf Wohlleben ein. Er soll seine rechtsextremen Freunde mit Waffen versorgt haben. Zschäpe und Wohlleben werden in Vorführzellen mit direktem Zugang zum Gerichtssaal gebracht. 500 Polizisten sind rund um den Prozess im Einsatz. Der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer ist vor Ort. „Wir überwachen alles, damit nichts passiert.“

Vor dem Oberlandesgericht harren seit dem frühen Morgen Demonstranten aus. Viele halten türkische Fahnen in der Hand, andere tragen Gedenkschilder mit den Namen der Opfer rechter Gewalt in Deutschland. Starke Gefühle machen sich Luft. Zwei junge Frauen rennen in höchster Aufregung gegen Polizisten an. Rasch bildet sich ein Pulk, flankiert von vielen Kamerateams. Ein linker Demonstrant beschimpft die Ordnungskräfte: „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten“ und: „Hoch die Internationale.“ Der Münchner OB Christian Ude, der wegen eines ARD-Interviews vor Ort ist, schaltet sich ein und beruhigt die Frauen. „Die Polizei ist sehr angemessen mit der Situation umgegangen“, stellt er später klar.

Sechs Abgeordnete des türkischen Parlaments sind angereist. „Ich hoffe auf mehr Aufklärung“, sagt Cagatay Kilic. Migranten türkischer oder griechischer Herkunft, antifaschistische Kämpfer, und Vertreter von Muslimorganisationen eint bei aller Unterschiedlichkeit an diesem Vormittag der Kampf gegen Rassismus. „Wir müssen den Neonazis den Weg versperren“, sagt Marian Offman, Münchner CSU-Stadtrat und Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, der auch zur Mahnwache gekommen ist.

Die Neonazis sind beim ersten Prozesstag dennoch vor Ort. Mindestens vier haben sich am Vormittag in die Schlange eingereiht, um in den Gerichtssaal zu kommen, darunter auch Karl-Heinz Statzberger, vor acht Jahren verurteilt im Zusammenhang mit dem geplanten Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung des neuen Jüdischen Kulturzentrums in München 2003. Das Quartett fällt wegen der Glatzen und der strengen Blicke auf. Auf die Frage nach ihrer rechtsextremen Gesinnung reagieren sie unwirsch: „Das ist echt unverschämt“, antwortet einer.

„Es ist erschreckend“

Einen Meter hinter ihnen wartet Erol Pürli vom Koordinationsrat der Muslime in Deutschland. Leise sagt er: „Es ist für mich unverständlich, dass die sich jetzt hier zeigen.“ Er spricht von der Todesliste der NSU, auf der sich auch die Adressen von islamischen Organisationen gefunden hätten. „Es ist erschreckend.“ Die Polizei behält die Neonazis wachsam im Blick. „Wenn einer stört, ziehen wir ihn raus“, kündigt Polizeipräsident Schmidbauer an.

Pürli ist aus Köln angereist. Aus ganz Deutschland haben sich türkischstämmige Deutsche auf den Weg nach München gemacht. „Ich bin nicht nur hier, weil Landsleute ermordet worden sind“, sagt Emin Sarekaya (40) aus Duisburg. „Es ist Menschen passiert. Das ist genug für mich.“ Mustafa Can (27), Taxifahrer aus Berlin, spricht vom latenten Rassismus in Deutschland, der zunehme. „Das spürt man, dass wir hier immer noch nicht willkommen sind.“ Es zeige sich in unfreundlichen Blicken und Worten – und an der wachsenden Zustimmung für rechtsextreme Parteien.

Bei den Zaungästen vor dem Oberlandesgericht ist die Fassungslosigkeit über die NSU-Morde zu spüren. Erich März (55) hätte sich nicht vorstellen können, dass eine Untergrundbande für den Tod seines früheren Arbeitskollegen Theodoros Boulgarides die Verantwortung trägt. In den 1990er Jahren waren beide bei der Bahn beschäftigt. Später eröffnete Boulgarides einen Schlüsseldienst-Laden. Dort wurde er am 15. Juni 2005 von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit drei Kopfschüssen niedergestreckt. „Er war ein guter Kollege. Wir haben uns verstanden“, sagt März. In den Pausen teilte man sich griechische und bayerische Brotzeiten: „Ich habe sein Essen probiert, er meines.“

Prozessbeobachter aus Schweden

Der NSU-Prozess ist mit Erwartungen überfrachtet, wie sich auch am ersten Verhandlungstag zeigt. „Die ganze Welt sieht zu. Ich hoffe, dass im Prozess nicht die gleichen Pannen passieren wie zuvor“, sagt Erkan Pehlivan von Ebru TV. Wenn es den acht Richtern, 77 Anwälten und Bundesanwälten nicht gelinge, die Morde wirklich aufzuklären, „dann müssen wir die UN einschalten“.

Ebru TV gehört zu den Medien, die für den Prozess eine der raren Akkreditierungen erhalten hatte. Am Montag senden sie stündlich Live-Berichte. Im Pressezimmer im ersten Stock versammeln sich Journalisten, die keinen garantierten Sitzplatz im Gerichtssaal haben. Unter ihnen: Wolfgang Hansson vom schwedischen Aftonbladet. Er hat in den vergangenen Tagen die Schauplätze der NSU-Verbrechen aufgesucht, hat mit Zschäpes früherem Sozialarbeiter geredet. Er schreibt eine große Reportage. „Die Neonazis haben sich solange versteckt und niemand wusste es. Man wundert sich, wie das möglich war.“

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