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Politik
Montag, 26. Juni 2017 30° 3

Migration

Nur wenige Frauen kommen nach Europa

Zwei Drittel aller Asylbewerber, die in Deutschland ankommen, sind Männer. Junge Frauen schaffen den Weg nach Europa selten.
Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Die meisten Flüchtlinge sind Männer. Für Frauen birgt der Weg nach Europa oft zu viele Gefahren – und die Gesellschaften, aus denen sie kommen, schicken lieber Männer auf den Weg. Foto: dpa

Berlin.Ist die steigende Zahl von Flüchtlingen für Deutschland in erster Linie eine Belastung oder eine Bereicherung? Ist ihre Aufnahme eine moralische Verpflichtung? Kaum eine andere Frage wird momentan heißer diskutiert. Doch wer sind diese Menschen, die aus Diktaturen, Kriegsgebieten und Armutsregionen zu uns kommen? Die Statistik zeigt: Sie sind vor allem männlich.

Rund zwei Drittel (65,2 Prozent) aller Antragsteller, die im vergangenen Jahr in Deutschland Schutz oder ein besseres Leben gesucht haben, waren Männer oder Jungen. Die meisten Neuankömmlinge waren zwischen 18 und 25 Jahre alt.

Dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern findet sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen EU-Staaten, die viele Flüchtlinge aufnehmen. Frauen schaffen es alleine kaum, in die „Festung Europa“ zu gelangen. Dabei haben sie nach Einschätzung von Experten genauso viele Fluchtgründe wie die Männer.

Die Familien investieren lieber in den Mann

In Eritrea müssen Frauen genauso wie Männer zum Militärdienst, der oft in jahrelanger Misshandlung und Ausbeutung endet. Und weil viele Männer in Syrien kämpfen oder getötet wurden, leben in den Flüchtlingslagern der Region sogar etwas mehr Frauen als Männer.

Ein Großteil der Frauen und Mädchen, die in Europa Asylanträge stellen, sind zudem nicht selbstständig gekommen, sondern wurden von männlichen Verwandten mitgenommen. Das erklärt, warum Kinder und Jugendliche unter den weiblichen Antragstellern die größte Gruppe stellen.

„Dass vor allem Männer kommen, liegt vor allem daran, dass Frauen und Mädchen es nicht so leicht haben, in weiter entfernte Länder zu gelangen. Es gibt die Angst vor dem gefährlichen Weg über das Mittelmeer und vor sexueller Gewalt auf diesem oft sehr langen Weg“, sagt Anna Büllesbach, die in Deutschland für das UN-Flüchtlingshilfswerk arbeitet. Außerdem hätten die Frauen weniger finanzielle Ressourcen, „und wenn in diesen eher konservativen Gesellschaften die Auswahl durch die Familie erfolgt, dann investiert man lieber in einen jungen Mann“.

Fair klingt das nicht. Doch es ist Alltag an den Grenzen Europas. Das, was die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl „europäische Abschottungspolitik“ nennt, hat zu einem „Asyldarwinismus“ geführt, der Frauen benachteiligt. Wer es trotz Gefahren und hoher Kosten schafft, in Deutschland, Frankreich, Schweden oder Belgien anzukommen, gehört oft zu den Stärksten unter den Schwachen.

„Den gefährlichen Weg aus Syrien, Eritrea oder Somalia nehmen in erster Linie junge Männer in Kauf“, sagt die Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie sieht nur einen möglichen Weg, um die Benachteiligung weiblicher Flüchtlinge zu beenden, den „legale Fluchtmöglichkeiten nach Europa zu schaffen“.

Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster sagt, gegen das Machtgefälle zwischen Mann und Frau in den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge könne man von Deutschland aus wenig tun. Gegen das zweite Hindernis – den „höchst gefährlichen Weg“ – schon. Schuster glaubt: „Solange wir nicht mit Flüchtlingszentren arbeiten, wie im Niger, wird es Frauen wahrscheinlich schwerfallen, in Europa Schutz zu suchen.“

Ein Zentrum im Niger soll helfen, andere Wege aufzuzeigen

Die EU-Kommission bereitet derzeit ein Pilotprojekt im Niger vor, das zum Jahresende seine Arbeit aufnehmen soll. In diesem „Multifunktionszentrum“ sollen Menschen, die mit dem Gedanken spielen, in Europa Asyl zu beantragen, erfragen können, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie mit ihrem Antrag Erfolg haben werden. Diejenigen, die kaum Chancen haben, sollen sich über die Möglichkeiten informieren können, ein Arbeitsvisum zu beantragen oder Hilfe bei der Rückkehr in ihre Heimatländer erhalten.

„Das Risiko einer Fahrt in einem kleinen Boot über das Mittelmeer ist sehr hoch, Frauen und Kinder bleiben dann oft zu Hause“, sagt der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Seine Hoffnungen, dass kurzfristig eine Neuregelung erreicht wird, die diese „Auswahl“ beendet, sind gering. Er sagt: „Im Moment zerbricht Europa an der Flüchtlingsfrage.“ (dpa)

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